Ex-Wirecard-Chef Braun im Bundestag „Zu dieser Frage möchte ich mich nicht äußern“

Im Untersuchungsausschuss des Bundestages trat mit Ex-Wirecard-Chef Markus Braun heute eine der Schlüsselfiguren des Skandals auf. Der sonst so redselige Braun zeigte sich nun von einer anderen Seite.
Aus Berlin berichtet Katharina Slodczyk
Schwarzer Pullover, dunkles Sakko: Markus Braun in gewohntem Outfit am Donnerstag im Untersuchungsausschuss in Berlin

Schwarzer Pullover, dunkles Sakko: Markus Braun in gewohntem Outfit am Donnerstag im Untersuchungsausschuss in Berlin

Foto: Pool / Getty Images

Der Mann mauert. Komplett. Seit wann kennen Sie Finanzstaatssekretär Dr. Kukies? Haben Sie schon mal mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz gesprochen? Haben Sie schon mal mit Mitgliedern der Bundesregierung oder einer Landesregierung gesprochen? Können Sie Teile des Wirecard-Geschäftsmodells erläutern? Das sind einige der Fragen, die Mitglieder des Bundestags-Untersuchungsausschusses Markus Braun (51), dem ehemaligen Chef des Skandal-Konzerns, an diesem Donnerstag stellen.

Antworten, mit denen sie etwas anfangen können, bekommen sie nicht. Braun wiederholt stattdessen gebetsmühlenartig: "Zu dieser Frage möchte ich mich nicht äußern." Oder: "Auch diese Frage werde ich nicht beantworten." Oder: "Über mein Eingangsstatement hinaus werde ich mich nicht äußern." Selbst Fragen zum Titel seiner Doktorarbeit oder ob er eine Tochter habe, verweigert er sich.

Nach fast eineinhalb Stunden geben die Abgeordneten zunächst auf und ziehen sich zur Beratung zurück – unter anderem über die Frage, ob sie ein Ordnungsgeld gegen Braun verhängen sollen. Der einstige Topmanager, der sich in seiner Zeit an der Spitze des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters äußerst ausführlich und philosophisch-wolkig über die Zukunft seines Unternehmens und über technologische Themen auslassen konnte, lehnt jegliche Kooperation mit den Abgeordneten ab und verweist immer wieder auf seine Erklärung, die er zu Beginn der Sitzung vorgelesen hat.

Die Kernbotschaft darin: Er werde sich zu dem Sachverhalt gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern, werde aber dem Ausschuss gegenüber nichts vorwegnehmen.

Auftritt in schwarzem Pulli und dunklem Sakko

Dies ist der erste öffentliche Auftritt des einstigen Vorstandsvorsitzenden seit dem Zusammenbruch von Wirecard. Wie in früheren Zeiten tritt er im schwarzen Rollkragenpullover und einem dunklen Sakko auf. Seine frühere Gesprächigkeit ist dagegen komplett verschwunden.

Ziemlich genau fünf Monate liegt sein letzter Auftritt als Konzernchef zurück. Am 18. Juni hatte Wirecard seinen Jahresabschluss für 2019 erneut verschoben und eingeräumt, dass knapp zwei Milliarden Euro fehlen – das ist die Hälfte des Jahresumsatzes. "Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist", sagte Braun damals in einer Videobotschaft.

Die Ereignisse dieses Tages lösen einen Tsunami aus, der das lange Zeit hochgelobte Technologie-Startup innerhalb weniger Tage in den Abgrund reißt. Es folgen Insolvenz, Verhaftungen von vier ehemaligen Topmanagern des einstigen Dax-Konzerns, darunter Braun, die spektakuläre Flucht von Ex-Vorstand Jan Marsalek (40) und massive Schadenersatzforderungen.

Der Wirecard-Skandal erschüttert auch EY, einer der vier größten und renommiertesten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften des Landes, die ein Jahrzehnt lang die Wirecard-Bilanzen ohne Einschränkungen absegnete – ebenso wie die Finanzaufsicht Bafin und die Bilanzpolizei DPR. Beide Institutionen sind Vorwürfen gegen Wirecard und Zweifeln an der Bilanz des Unternehmens nicht auf den Grund gegangen und haben so eine Reihe von Möglichkeiten verpasst, den Betrug aufzudecken.

Wussten Teile der Bundesregierung von Machenschaften?

Seit Anfang Oktober versucht ein neunköpfiger parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Bundestag zu klären, was genau schieflief und wer dafür die Verantwortung trägt. Auch Fragen, inwieweit Teile der Bundesregierung von den dubiosen Machenschaften wussten, gehen die Ausschussmitglieder nach. An diesem Donnerstag sind gleich vier Zeugen geladen, Braun ist der prominenteste von ihnen.

Ursprünglich wollte er per Video, nicht persönlich aussagen und hatte vor dem Bundesgerichtshof geklagt, um das durchzusetzen. Er ist damit gescheitert. Zwei andere wichtige Zeugen, ebenfalls einstige Wirecard-Spitzenmanager, sollen am späten Nachmittag noch per Video zugeschaltet werden. Damit reagierte der Ausschuss auf Warnungen der Münchener Staatsanwaltschaft. Nach derzeitigen Ermittlungsstand haben Braun ein kriminelles Netz aufgebaut, das von "militärisch-kameradschaftlichen Korpsgeist und Treueschwürden" geprägt gewesen sei, so die Ermittler.

Braun habe darin als "Kontroll- und Steuerungsinstanz" fungiert. Daher könne jeder Kontakt, sei es auch nur Blickkontakt, die Ermittlungen gefährden, erklärte die Staatsanwaltschaft im Vorfeld. Das gilt vor allem für den einstigen Chef der Wirecard-Tochter in Dubai, den Kronzeugen der Ermittler.

Sie werfen Braun und anderen ehemaligen Topmanagern des Konzerns gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor. Brauns Verteidiger weist alle Vorwürfe zurück.

Braun gibt sich unschuldig

Es sind allenfalls zwei Aspekte, zu denen sich Braun im Untersuchungsausschuss äußert – allerdings ohne in Details zu gehen oder irgendwas genauer zu begründen. Er habe zu keiner Zeit Hinweise erhalten oder feststellen können, dass Behörden, Aufsichtsrat oder Wirtschaftsprüfer sich pflichtwidrig oder unlauter verhalten hätten. Damit spricht er im Prinzip sowohl die Regierung, die Finanzaufsicht Bafin als auch EY von Fehlern frei.

Er deutet zudem seine Sicht auf die Machenschaften bei Wirecard an. Demnach seien Unternehmensgelder veruntreut worden und er hoffe, dass die Staatsanwaltschaft München den Verbleib klären werde – ebenso wie die Frage, wer die Verantwortung für den Zusammenbruch von Wirecard trage. Im Klartext soll das heißen: Braun hält sich für völlig unschuldig, er stellt sich als Opfer dar. Er bleibt damit bei seiner Linie von Juni, als er in seiner Videobotschaft an Wirecard-Mitarbeiter den Konzern als einen mutmaßlich Geschädigten darstellt.

Auch in einer zweiten Fragerunde können die Abgeordneten Braun nichts entlocken – außer: "Ich bleibe bei einem Eingangsstatement." Dem sei an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.

CDU-Abgeordneter Matthias Hauer beendet seine Fragezeit daher verärgert: "Sie lassen Respekt gegenüber dem Bundestag vermissen." Das passe in das Bild, da er als Wirecard-Chef in der Vergangenheit gegenüber Investoren und Mitarbeitern hinterlassen habe. Braun lässt auch das völlig unbeeindruckt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.