Henrik Müller

Steigende Preise Was gegen die Inflation hilft – und was nicht

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Teures Leben: Nicht nur die Preise für Energie ziehen an – Güter aller Art werden teurer. Wer ist schuld an der Inflation? Und wie ließen sich die Auswirkungen lindern?
Schmerzhaft für Autofahrer: Hohe Spritpreise an der Raststätte Sindelfinger Wald im Oktober 2021

Schmerzhaft für Autofahrer: Hohe Spritpreise an der Raststätte Sindelfinger Wald im Oktober 2021

Foto: Arnulf Hettrich / imago images/Arnulf Hettrich

Inflation ist ungerecht. Sie macht vor allem Leuten mit geringen Einkommen zu schaffen. Wer einen großen Teil seines Geldes für Essen, Wohnen und Fahrten zur Arbeit ausgeben muss, den trifft die derzeitige Preisdynamik besonders heftig.

Höchst seltsam, dass Ökonomen, die sich tolerant gegenüber Inflation geben, als irgendwie links gelten. Aber das nur am Rande.

Die große politische Frage steht im Raum, wer etwas dagegen tun kann. Wer kann die inflationäre Dynamik bremsen? Und wer kann ihre Auswirkungen lindern?

Zuletzt sind die Verbraucherpreise um 4,9 Prozent gestiegen , getrieben insbesondere von teurer Energie. Auch die Preise anderer Güter haben spürbar angezogen: Die "Kernrate" (ohne Energie und Nahrungsmittel) lag zuletzt bei 2,9 Prozent – deutlich höher als gewohnt.

Längst ist die Inflation in der Breite sichtbar. Und zwar genau aus jenen Gründen, die wir bereits vor zwei Jahren erstmals an dieser Stelle diskutiert haben: Strukturbrüche in Folge der Coronakrise in Kombination mit den Cash-Infusionen der Regierungen und Notenbanken sprachen schon damals für ein inflationäres Szenario. Klar, treffsichere prozentgenaue Prognosen sind in Umbruchzeiten schwierig. Entsprechend unterschätzten Wirtschaftsforscher, Spekulanten und normale Bürger in der jüngeren Vergangenheit die Inflation ziemlich gravierend.

Doch plausible Preisszenarien lagen frühzeitig auf dem Tisch. Wer heute behauptet, dass der Nach-Corona-Preisanstieg unabsehbar gewesen sei, muss schon einigermaßen informationsresistent sein. Schließlich sind steigende Preisniveaus keine momentane Laune der Märkte, die überraschend kommt und die man eben ertragen muss, sondern letztlich eine Folge politischen Handelns – oder Nichthandelns.

Lehren aus 400 Jahren Inflationsgeschichte

Wenn Öl und Gas aktuell teurer geworden sind, dann ist das noch keine Inflation. Wirklich problematisch wird die Sache erst, wenn der Anstieg einzelner Preise auf andere Produkte überspringt. Erst dann entsteht eine inflationäre Eigendynamik. Wir haben ein solches Szenario seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Deshalb mag es derzeit etwas irreal erscheinen. Umso mehr lohnt sich der Blick zurück.

Für eine Analyse habe ich kürzlich Inflationsdaten der vergangenen vier Jahrhunderte untersucht. Dabei fällt auf, dass es früher jede Menge Zuckungen der Preisniveaus gab: In manchen Jahren stiegen die Verbraucherpreise um zehn oder zwanzig Prozent, um kurz darauf wieder in ähnlichen Größenordnungen zu fallen. Man darf dieses kurzfristige Auf und Ab nicht mit Inflation im heutigen Sinn verwechseln. Es ist typisch für agrarisch geprägte Gesellschaften, wie sie in Europa bis Mitte des 19. Jahrhunderts existierten: Gute und schlechte Ernten ließen die Nahrungsmittelpreise wackeln.

Echte Inflation gab es in den vergangenen vier Jahrhunderten vor allem aus zwei Gründen: wegen der großen Kriege und ihrer Folgen – sowie im Zuge der Ölkrisen der 1970er-Jahre. Tatsächlich ruft der Rückblick in die Schlaghosenzeit ein paar ungute Erinnerungen wach.

So’n 70er-Gefühl

Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff gab schon zu Beginn der Corona-Krise  zu Protokoll, ihn befalle "so ein 70er-Gefühl". Der starke Anstieg der Petroleumpreise 1973 und 1979, getrieben durch Produktionskürzungen der Opec und dann durch die Iranische Revolution, führte zur Verknappung eines zentralen Inputs für die industrielle Produktion und den Verkehr im Westen. Ein "negativer Angebotsschock", wie das im Ökonomen-Jargon heißt, der die Produktionsmöglichkeiten einschränkte – was die damaligen Wirtschaftspolitiker allerdings zunächst nicht wahrhaben wollten.

Die Folgen der Coronakrise, schrieb Rogoff im März 2020, könnten eine Fragmentierung der Weltwirtschaft und damit einen "angebotsseitigen Abschwung" auslösen, der "in einem scharfen Rückgang der Produktion, einer allgemeinen Verknappung und stark steigenden Preisen resultiert". Wie gesagt, die Argumente für ein Inflationsszenario lagen frühzeitig auf dem Tisch. Dass sie von vielen nicht ernst genommen wurden, ist eine andere Frage.

Monströse Preisstopp-Bürokratien

Anfang der 70er-Jahren kam noch etwas anderes hinzu: Der Ölpreisimpuls stieß auf eine Wirtschaft, die ohnehin von steigenden Inflationsraten geplagt war. Das galt insbesondere für die USA, damals noch das Zentrum des internationalen Währungssystems. Nach einer langen Phase der Ruhe an der Preisfront stiegen ab 1967 die Inflationsraten an.

Die US-Regierung reagierte dirigistisch: Ein Stabilisierungsgesetz ermächtigte die Regierung Richard Nixons zu weitgehenden Eingriffen in Preise, Löhne, Mieten, Gewinnausschüttungen und vielem mehr. Ein monströses bürokratisches Vorhaben – das allerdings nicht half. Die Inflation stieg trotzdem weiter.

1970, als Nixons Gesetz über die Preiskontrollen in Kraft trat, trat ein konservativer US-Ökonom mit einer anderen Deutung an die Öffentlichkeit. Milton Friedman formulierte apodiktisch: »Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen« – ein inzwischen berühmter Satz, oft zitiert, wenn auch verkürzt. Denn Friedman fügte noch hinzu, Inflation lasse sich "nur produzieren", wenn die Geldmenge schneller steige als die Wirtschaftsleistung. Wenn immer mehr Geld auf eine begrenzte Menge an Waren und Dienstleistungen treffe, lasse sich die zusätzliche Nachfrage letztlich nicht befriedigen. Am Ende steigen bloß die Preise.

So geschah es. In den 70er-Jahren legte die US-Geldmenge  zeitweise rapide zu und heizte immer neue Wellen von Inflation an. Das System von Bretton Woods, in dem seit Ende des Zweiten Weltkriegs die westlichen Währungen an den Dollar gebunden waren, zerfiel. Dennoch gelang es Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Italien nicht, sich von den heftigen US-Preissteigerungen abzukoppeln. Die allgemeine Preisdynamik ließ sich erst brechen, als eine neue Führung der US-Notenbank unter Chairman Paul Volcker um 1980 massiv die Zinsen erhöhte – und eine heftige Rezession verursachte.

Nebenbei bemerkt: Inzwischen wissen wir, dass der Umkehrschluss von Friedmans Zitat nicht unbedingt gilt. Eine übermäßig steigende Geldmenge muss keineswegs in jedem Fall zur Inflation führen. Wir haben es in den vergangenen Jahrzehnten erlebt: die Geldmenge, auch in der Eurozone, stieg im Schnitt viel schneller  als die Wirtschaftsleistung. Die Verbraucherpreise legten jedoch nur langsam zu, weil der intensive internationale Wettbewerb Preisspielräume begrenzte. (Überschüssige flüssige Mittel trieben stattdessen die Bewertungen an Börsen und Immobilienmärkten immer weiter in die Höhe.) Möglich, dass nun die De-Globalisierung Preisspielräume eröffnet wie seit Langem nicht – siehe Rogoffs Befürchtungen oben.

Was also kann man heute gegen die Inflation und ihre Auswirkungen tun? Hier sind drei Antworten:

Wer trägt die Schuld? Wer muss jetzt handeln?

1. Die Inflation wird sich nicht ohne eine Kurskorrektur der Notenbanken einfangen lassen. Zumindest müssen EZB, Fed & Co. rasch den Krisenmodus verlassen. Das ist noch keine wirkliche Straffung der Geldpolitik, sondern eine Beendigung der Notmaßnahmen, die auf dem Höhepunkt der Coronakrise gerechtfertigt waren, inzwischen aber nicht mehr. Die Notenbanken müssen verhindern, dass sich die Erwartungen einer zunehmenden Inflation verselbstständigen und sich in den Preismechanismus hineinfressen. Gerade die EZB ist gefordert: Die Sicherung des Geldwerts ist gemäß der Europäischen Verträge ihre primäre Aufgabe. Dieser Verantwortung muss sie gerecht werden.

2. Die Sozialpolitik sollte die Härten steigender Lebenshaltungskosten abfedern. Unterstützung für einkommensschwache Haushalte ist besser als der Eingriff in den Preismechanismus. Eine Deckelung der Energiepreise, wie sie etwa Frankreich beschlossen hat, verhindert, dass Preissignale wirken können und bürdet der Allgemeinheit verdeckte Kosten auf. Auch die selektive Senkung von Verbrauchsteuern verzerrt das Preisgefüge. Und sie kommt auch Leuten zugute, die die staatlichen Erleichterungen nicht nötig haben. Vorzuziehen ist die gezielte Unterstützung ärmerer Haushalte, etwa indem Grundsicherung und Wohngeld zügig erhöht werden.

3. Die Gewerkschaften müssen alles daransetzen, steigende Preise in der diesjährigen Lohnrunde mindestens auszugleichen. (Dienstag legt die IG BCE ihre diesjährigen Forderungen vor, ab Freitag verhandelt Verdi für die Kita-Beschäftigten.) Voriges Jahr sind die Verdienste in Deutschland knapp unter der Inflationsrate geblieben, wie das Statistische Bundesamt schätzt  – real können sich die Bürger im Schnitt weniger leisten. Ein problematisches Signal, zumal in einer Zeit, in der Unternehmen stark gestiegene Gewinne einfahren, Arbeitskräfte knapp werden und größere Arbeitsanreize dringend erforderlich sind, um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken.

Klar, hohe Lohnabschlüsse und steigende Sozialleistungen haben das Potenzial, die Inflationsspirale zu beschleunigen. Aber die Dynamik der gestiegenen Inflationserwartungen einzufangen, ist der Job der EZB. Aus dieser Verantwortung darf man sie nicht entlassen

Die wichtigsten Termine der bevorstehenden Woche

Karlsruhe – Diesel und kein Ende – Der BGH verhandelt die Frage, ob VW-Käufer, die zu spät auf Schadensersatz geklagt haben, trotzdem noch Ansprüche geltend machen können.