Cyrus de la Rubia

Vorurteile über Bitcoin - und was dran ist Wird Bitcoin von China kontrolliert?

Cyrus de la Rubia
Ein Gastkommentar von Cyrus de la Rubia
Ist das Geld oder kann das weg? Frenetische Fans und erbitterte Gegner streiten über den Nutzen der Kryptowährung Bitcoin. Zeit, einen Blick auf die Fakten zu werfen.
Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Kaum ein Finanzthema ist derzeit so emotional aufgeladen wie die Bitcoin-Debatte. Folgt man den Diskussionen über Kryptowährung insbesondere auf den Social-Media-Plattformen, reichen die Ansichten von einem nahezu religiösen Fanatismus bis zu hasserfüllter Ablehnung. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine ganze Reihe von Thesen unterschiedlicher Radikalität und Substanz, die es sich zu diskutieren lohnt. Die Meinungsbildung zur Zukunft des Bitcoin ist wichtig. Sie sollte aber von Fakten getragen sein. Acht häufig vertretene Thesen – und was von ihnen zu halten ist.

1. Bitcoin ist überhaupt kein Geld

Üblicherweise spricht man von Geld, wenn es drei Eigenschaften erfüllt: allgemeines Zahlungsmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrungsmittel. Interessanterweise ist es den meisten Bitcoin-Nutzern offenbar nicht wichtig, dass Bitcoin weder ein gängiges Zahlungsmittel ist noch als Recheneinheit fungiert. Angesichts von schätzungsweise rund 100 Millionen Bitcoin-Nutzern wird die Kryptowährung als Wertaufbewahrungsmittel aber offensichtlich sehr geschätzt. Die Investmentbank JP Morgan geht davon aus, dass viele Investoren Bitcoin als Goldersatz ansehen. Da es leichter zu transportieren ist (beispielsweise auf einem USB-Stick), ist Bitcoin sogar praktischer als Gold. Mithilfe des so genannten Lightening Networks wurden zuletzt auch große Fortschritte bei der Zahlung kleiner Bitcoin-Beträge erreicht. Dieses Netzwerk ist an der Bitcoin-Blockchain verankert, die Zahlungen laufen aber außerhalb der Blockchain, was Skalierbarkeit erlaubt und die Transaktionsgebühren minimiert. Ist Bitcoin also doch Geld? Ja, aber (noch) nur bedingt.

2. Bitcoin wird das Weltfinanzsystem revolutionieren

Bitcoin kann direkt von einem Nutzer zum anderen übertragen werden, es gibt also anders als im derzeitigen Zahlungssystem keinen Intermediär wie etwa eine Bank. Deutlich revolutionärer ist heute aber eher die Idee hinter der Ethereum-Blockchain: Sie hat das Bitcoin-Prinzip zu einem umfassenden digitalen Netzwerk ausgeweitet, in dem alle Arten von Daten gespeichert werden können, also auch digitale Verträge und Assets, sogenannte Smart Contracts. Finanzdienstleistungen aus der alten Welt – Darlehen, Zahlungsverkehr, Börsenhandel und Identitätsmanagement – werden in die neue Blockchain-Welt übertragen. Das Versprechen ist, dass die Prozesse dadurch weitestgehend automatisiert, fehlerresistenter und weniger personalintensiv werden. Trotz der Fülle an Projekten fehlt noch der Katalysator, der dem Sektor den Schub verleiht, um aus der Nische herauszukommen. Der geplante digitale Euro könnte ein derartiger Katalysator sein. Bitcoin selbst wird daher nicht den Finanzmarkt revolutionieren – die durch ihn ins Leben gerufene Technologie möglicherweise schon.

3. Bitcoin steht unter der Kontrolle Chinas

Diese These beruht auf der Schätzung, dass rund 65 Prozent des Bitcoin-Minings in China stattfindet. Die Bitcoin-Blockchain ist so aufgebaut, dass eine zentrale Schaltstelle, die es schafft, die Kontrolle über mehr als 50 Prozent der Miner zu gewinnen, theoretisch in der Lage wäre, Transaktionen aus der Vergangenheit zu manipulieren. Dies würde allerdings im Fall Chinas voraussetzen, dass die Miner koordiniert vorgehen, also von der Regierung in Peking gesteuert werden. Die zweite Voraussetzung ist, dass sie das Interesse haben, das Netzwerk zu zerstören. Denn eine erfolgreiche Manipulation würde unweigerlich zu einem Absturz des Bitcoin-Kurses führen. Denn dann wäre die wichtigste Eigenschaft der Kryptowährung, ihre Nicht-Manipulierbarkeit, dahin. Ein derartiges Vorhaben würde aber eine lange Vorbereitung erfordern. Selbst im verschwiegenen China würde das nach außen dringen. Als Reaktion darauf würden die Marktteilnehmer im Ausland reagieren und ihre Mining-Kapazitäten ausbauen, und so den Anteil Chinas wieder unter die 50-Prozent-Marke drücken. Das wirtschaftliche Interesse daran wäre in jedem Fall enorm.

4. Bitcoin ist ein Klimakiller

Die Kryptowährung steht nach Schätzungen der Universität Cambridge für ungefähr 0,45 Prozent des Weltenergieverbrauchs, was vielen angesichts des Klimawandels als inakzeptabel erscheint. Ökonomisch betrachtet hängt die Frage, ob der hohe Energiebedarf zu rechtfertigen ist, letztlich vom Nutzen des Bitcoin ab. Traditionelle Ökonomen, die von der Nutzenmaximierung des Individuums ausgehen, würden sagen: Alles was einen Preis hat, hat auch einen Nutzen. Der Utilitarist, der den Nutzen für die Gesellschaft höher gewichtet, kann das anders sehen. Hier spielen dann jedoch auch weitere Aspekte mit hinein. So könnte Bitcoin etwa dafür sorgen, dass Menschen in einem korrupten Staat diesem nicht länger finanziell ausgeliefert sind. Das wäre dann ein gesellschaftlicher Nutzen, der dem schädlichen Energieverbrauch entgegensteht. Zudem spielt für den Klimaaspekt natürlich eine Rolle, woher die Energie kommt. Ein Land, das seinen Strom ausschließlich aus Wasserkraft erzeugt, könnte Bitcoin-Mining betreiben, ohne die Umwelt zu verschmutzen. Stammt die Elektrizität hingegen aus Kohlekraft, gilt dieses Argument selbstredend nicht. In seiner Pauschalität ist das Urteil daher so nicht richtig. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an.

5. Bitcoin fördert die Kriminalität

Ähnlich wie Bargeld wird Bitcoin auch für kriminelle Aktivitäten verwendet. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang die Plattform Silk Road, auf der man von Drogen über Waffen bis zu Auftragsmorden alles kaufen und verkaufen konnte. Bezahlt wurde ausschließlich mit Bitcoin. 2014 deckte das FBI die Plattform auf und legte sie still. Darüber hinaus steht Bitcoin im Verdacht, für Geldwäsche missbraucht zu werden, weil die Zahlungen anonym erfolgen. Hier besteht allerdings ein Missverständnis: Zwar sind Bitcoin-Adressen nicht einem Klarnamen zugeordnet, jedoch erlaubt es die für jeden (!) einsehbare Blockchain, Zahlungsmuster zu ermitteln und auf diese Weise Rückschlüsse auf etwaige kriminelle Tätigkeiten und ihre Akteure zu ziehen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Schätzung des "Review of Financial Studies" vom April 2019, wonach 46 Prozent aller Bitcoin-Transaktionen mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung stehen, sehr hoch gegriffen. Umgekehrt wirkt die Angabe von 0,34 Prozent, die das Blockchain-Analyseunternehmen Chainanalysis im Januar 2020 veröffentlicht hat, extrem niedrig. Die EU-Kommission hat sich des Problems angenommen und plant eine einheitliche Regulierung von Krypto-Assets. Gut durchdachte Regulierungen, die die Innovationskraft dieses Sektors nicht behindern, können zur Glaubwürdigkeit dieser Industrie einen entscheidenden Beitrag leisten.

6. Bitcoin ist ein Segen für Menschen in unsicheren Staaten

Unterschiedliche Statistiken und Berichte deuten darauf hin, dass in Ländern wie Argentinien, Südafrika oder der Türkei zwischen zehn und 20 Prozent der Befragten Bitcoin besitzen. Diesen Ländern ist gemeinsam, dass es immer wieder schwere Wirtschaftskrisen, zweistellige Inflationsraten und anderen Arten der Enteignung von Sparern gibt. Die Flucht in den Bitcoin erlaubt es den Bürgern, ihr Vermögen zu schützen. In eine ähnliche Richtung geht die Meinung, dass Bitcoin für politisch unterdrückte Menschen wichtig ist. So können Aktivisten in autoritären Staaten über das traditionelle Finanzsystem weder Zahlungen für ihre Aktivitäten abwickeln noch finanzielle Unterstützung erhalten. Über Bitcoin ist dies möglich, ohne dass der repressive Staat dies aufdeckt. Für Alex Gladstein von der Human Rights Foundation  ist Bitcoin sogar ein Weg, freie Meinungsäußerung überhaupt erst zu ermöglichen und nennt dafür Beispiele aus Weißrussland und Nigeria. Man macht es sich daher in Deutschland zu einfach, wenn man mit dem Hinweis auf den möglichen Missbrauch von Bitcoin die Perspektive der Bürger aus weniger privilegierten Ländern ausblendet.

7. Bitcoin ist inzwischen an den Finanzmärkten etabliert

Richtig ist, dass immer mehr traditionelle Finanzhäuser Bitcoin als eine beachtenswerte Assetklasse ansehen. Zahlreiche Investmentfonds haben Bitcoin im Portfolio, einzelne Hedgefonds haben sich sogar auf Bitcoin und andere Kryptowährungen spezialisiert. Bemerkenswert ist zudem, dass die Treasuries einiger (weniger) Unternehmen ihr Geld in Bitcoin angelegt haben. Der Softwarehersteller Microstrategy hat hier ein aus heutiger Sicht gutes Händchen bewiesen, als er im Sommer 2020 in Bitcoin investierte. Auch Privatanlegern wird es immer einfacher gemacht, Bitcoin zu halten. So haben Paypal-Kunden in den USA neuerdings die Möglichkeit, Guthaben auf ihrem Paypal-Konto in Bitcoin umzuwandeln. Im Vergleich zu anderen Assetklassen bleibt Bitcoin jedoch weiter ein Nischenprodukt. Die Marktkapitalisierung liegt derzeit bei etwa einem Viertel des Börsenwerts von Apple. Aus heutiger Sicht wird die Bedeutung des Bitcoin für die Finanzmärkte daher vielfach überschätzt.

8. Bitcoin kann jederzeit durch andere Kryptowährungen verdrängt werden

Immer wieder ist zu hören, dass Bitcoin ja nur eine von vielen tausend Kryptowährungen sei und man daher gar nicht wissen könne, welche davon sich durchsetzen werde. Aus dieser Behauptung spricht eine gewisse Unkenntnis darüber, dass sich Kryptowährungen nicht nur in Transaktionsgeschwindigkeit und Anwenderfreundlichkeit unterscheiden, sondern vor allem im Grad ihrer Nicht-Manipulierbarkeit. Und in dieser Hinsicht ist Bitcoin der Goldstandard. Das liegt an dem Proof-of-work-Verfahren, in dem die Miner im Wettbewerb miteinander die Viabilität der zuletzt durchgeführten Zahlungen auf der Bitcoin-Blockchain nachweisen. Der damit verbundene hohe Energie- und Hardwareaufwand ist der Preis für die Nicht-Manipulierbarkeit der Bitcoin-Blockchain. Andere Kryptowährungen mögen den Vorteil haben, dass wesentlich mehr Transaktionen als bei Bitcoin durchgeführt werden können. Dies geht jedoch immer auf Kosten der Sicherheit. Bitcoin gilt daher tatsächlich als die sicherste Blockchain – und wird nicht ohne Weiteres verdrängt werden können.

Cyrus de la Rubia ist Gastkommentator von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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