Mittwoch, 19. Februar 2020

Studie warnt Zinszusatzreserve könnte Lebensversicherer strangulieren

Seit 2011 verpflichtet die Bundesregierung die Lebensversicherer dazu, zusätzliche Reserven zur Absicherung höher verzinster Verträge zu bilden. Das belastet die Unternehmen und die laufende Überschussbeteiligung

Schon länger warnen Experten, die anhaltende Niedrigzinsphase könnte einzelne Lebensversicherer in ihrer Existenz bedrohen, sinken doch die Kapitalmarktzinsen schneller als die Verpflichtungen der Unternehmen gegenüber ihren Kunden.

Der Gesetzgeber hat die Branche zuletzt damit entlastet, dass sie ausscheidenden Kunden die Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere nicht mehr zur Hälfte mitgeben muss. Und damit die Branche nicht in Bredouille kommt, ihre garantierten Zusagen langfristig nicht mehr erfüllen zu können, muss sie seit 2011 zusätzliches Geld zur Erfüllung höher verzinster Verträge zurücklegen.

Bis Ende vergangenen Jahres summierte sich diese verpflichtende Zinszusatzreserve branchenweit auf 21 Milliarden Euro - Geld, das für die laufende Überschussbeteiligung der Kunden fehlt.

Auch deshalb fallen die jährlichen Gutschriften der Versicherten. Doch was als stützende Therapie für die gesamte Branche gemeint ist, könnte einzelne Unternehmen auf lange Sicht strangulieren, legt eine heute veröffentlichte Studie der Ratingagentur Assekurata nahe.

Allein in diesem Jahr könnte die Zinszusatzreserve um weitere 12 bis 14 Milliarden anschwellen. Sollten die Kapitalmarktzinsen die nächsten zehn Jahre so niedrig bleiben wie jetzt, könnte sich die Zinszusatzreserve dann im Jahr 2024 auf bis 150 Milliarden Euro summieren, rechnet Analyst Lars Heermann in einem Extremszenario vor.

Zinszusatzreserve könnte in zehn Jahren auf 150 Milliarden Euro steigen

Die Unternehmen müssten dann für alle Tarifgenerationen eine Zusatzreserve bilden - auch für die seit Anfang dieses Jahres verkauften Policen mit 1,25 Prozent Garantiezins. Reservierungsanforderungen in dieser Höhe könnten die Branche vor dem Hintergrund der neuen Eigenkapitalregeln Sovency II massiv belasten und auf breiter Front zu Finanzierungsengpässen führen, warnt Assekurata.

Den Versicherern ist die gesetzliche Zusatzreserve gerade mit Blick auf die ab 2016 in Kraft tretenden strengeren Eigenkapitalregeln ein Dorn im Auge - beschränken sie doch den Aufbau bilanzieller Eigenmittel. Die Unternehmen und der Lobbyverband GDV fordern daher seit geraumer Zeit, die Regeln zur Zinszusatzreserve zu überarbeiten. Die Versicherungsaufsicht prüft derzeit noch, ob und in welchem Ausmaß sie die Reservierungsregeln lockern kann. Ein Vorschlag der Aktuare ist zum Beispiel, das die Unternehmen den Aufbau der zusätzlichen Reserven zeitlich strecken.

Ein Vorschlag den Assekurata unterstützt: Angesichts des signifikanten jüngsten Zinsverfalls der vergangenen Monate "erscheint eine Streckung der Reservierungslast folgerichtig, um diese an die veränderten Zinsrealitäten anzupassen", sind die Experten überzeugt.

Hier sind sich Branche und Verbraucherschützer ausnahmsweise mal einig - allerdings mit anderen Vorzeichen: "Durch die Zinszusatzreserve werden dem Überschusssystem Milliarden entzogen, den Verbrauchern vorenthalten und verhindern so eine rentable Altersvorsorge", sagte unlängst Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten (BdV). Selbst Versicherungsmathematiker sieht Kleinlein die Gefahr, dass "überzogene Reserveanforderungen" zwar die Unternehmen sicherten, die Verbraucher aber leer ausgehen ließen.

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