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Telematik in Kfz-Versicherung: Gemeiner Spion oder Prämien-Preisbrecher?

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Autoversicherung Wer früher bremst, zahlt weniger Prämie

"Zahle wie du fährst." Nach diesem Leitspruch lassen sich Millionen Autofahrer in den USA von ihrem Versicherer überwachen - und sparen Prämie. Viele Deutsche würden mitmachen, doch hiesige Versicherer sehen Telematik-Tarife skeptisch.

Hamburg - Stellen Sie sich vor, folgende Mail landet in Ihrem Postfach:"Sehr geehrter Herr Schmidt, nach unseren Daten sind Sie ein vorsichtiger Autofahrer. Einen Kick-Start wie kürzlich an der Ampel Ortsausgang Hamburg und das folgende Überholmanöver ist nicht Ihr Stil. Bleiben Sie gelassen, fahren Sie defensiv. Schützen Sie weiter Umwelt, Verkehrsteilnehmer und vor allem den Rabatt Ihres innovativen Telematik-Tarifs. Ihr Kfz-Versicherer."

Klingt zu futuristisch? So realitätsfern ist das gar nicht. In den USA versuchen Kfz-Versicherer schon länger, den Fahrstil ihrer Kunden mit sinngemäßen Hinweisen wie diesen zu optimieren. "Dahin geht der Trend", sagt Unternehmensberater Gero Nießen.

Autoversicherer in den USA oder Großbritannien sind dazu in der Lage, weil deren Kunden eine kleine Box in ihrem Wagen installiert haben, die laufend Daten über ihr Fahrverhalten speichert und via Funk an das Unternehmen sendet. Im Optimalfall spart der Autofahrer bis zu 30 Prozent Prämie, und die Schadenstatistik des Versicherers fällt deutlich besser aus.

In Großbritannien und den USA, wo diese Tarife mittlerweile etabliert sind, gingen die Schäden von Telematik-Tarif-Kunden um bis 40 Prozent zurück, berichten die Berater von Towers Watson.

Experte erwartet erste Telematik-Tarife in Deutschland ab 2014

In Deutschland gibt es diese Tarife noch nicht. Gut 60 Prozent der Autofahrer könnten sich aber eine Überwachung ihres Fahrverhaltens durch ihren Versicherer vorstellen, wenn denn damit Prämienvorteile verbunden wären. Sie würden mehrheitlich dann auch deutlich defensiver fahren wollen. In Italien und Spanien würden um der Preisersparnis willen sogar knapp 80 Prozent der Autofahrer ihr Fahrverhalten ständig kontrollieren lassen, wie eine Towers-Watson-Umfrage in den sechs größten Kfz-Versicherungsmärkten Europas ergeben hat.

Eine echte Win-Win-Situation - möchte man meinen. In den USA haben Telematik-Tarife in der privaten Kfz-Versicherung mittlerweile einen Marktanteil von 10 Prozent erreicht. Die positiven Erfahrungen im Ausland stimmen Experte Nießen optimistisch: "Die ersten dieser Tarife könnten wir in Deutschland schon ab Mitte 2014 sehen."

Der Optimismus der Unternehmensberater hat noch einen anderen, triftigen Grund: Seit ein paar Monaten testet Towers Watson in Kooperation mit Vodafone  und dem Versicherer AIG Europe eine eigene Entwicklung auf dem europäischen Kfz-Versicherungsmarkt - zunächst in Großbritannien und Irland.

Den rücksichtsvollen GTI-Fahrer vom aggressiven unterscheiden

Während Vodafone die Daten zum Fahrverhalten erfasst und über die Box an einen Datenserver weiterleitet, wertet Towers Watson die laufenden Informationen etwa zu Geschwindigkeit, Brems- oder Beschleunigungsverhalten genau aus. Je versichertem Risiko vergeben die Experten einen Score, der klassifiziert, wie gut der Kunde fährt.

Dieser Score ergänzt die bestehenden Tarifmerkmale des Versicherers AIG, anhand derer er die individualisierte Kfz-Prämie kalkuliert. "Wenn man so will, hilft der Score, den rücksichtsvollen GTI-Fahrer von dem schlechten zu unterscheiden - das konnten die Kfz-Versicherer so vorher nicht", sagt Nießen.

In den USA hilft Towers Watson bereits knapp einem Dutzend Versicherern, auf diese Weise das Fahrverhalten ihrer Kunden auszuwerten und zu klassifizieren.

Große Versicherer sehen Telematik-Police skeptisch - kaum Luft für Prämienrabatt

In Deutschland stecken Telematik-Tarife noch in den Kinderschuhen. Zwar sollen mindestens drei Versicherer technische Systeme dazu intern bereits testen. Den Optimismus der Berater für Telematik-basierte Kfz-Policen teilt die Assekuranz so aber nicht.

Zwar ist Konsens, dass die Entwicklung zum vernetzten Auto zunehmen wird - auch weil Neuwagen in Europa ab 2015 mit einem automatischen Notrufsystem ausgestattet sein müssen, wie Versicherer auf Anfrage von manager magazin online erklären. Dass zusätzliche Telematik-Funktionen wie die genaue Erfassung des Fahrverhaltens einen breiten Markt und Eingang in die Tarifkalkulation der Versicherer finden werden, sehen die Anbieter derzeit aber noch nicht. Die positiven Erfahrungen in angelsächsischen Ländern ließen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.

"Durch die Vielzahl der Tarifmerkmale ist das individuelle Risiko bereits sehr gut abgebildet. Ob sich dies - nicht zuletzt aus Kundensicht - durch die Telematik tatsächlich verbessern würde, ist fraglich", sagt ein Sprecher des führenden Kfz-Versicherers Huk Coburg.

Entscheidend sei, dass der Kunde in Deutschland davon einen spürbaren Nutzen habe. Den könne die Huk derzeit noch nicht erkennen. Der schärfste Wettbewerber, die Allianz, argumentiert ähnlich. Auch sie hält es für "fraglich, ob weiteres Differenzierungspotential und damit eine deutliche Prämienreduzierung durch Telematik zu erwarten ist", sagt eine Sprecherin.

Allianz testet abgespeckte Telematik-Tarife in Italien

Viel Luft für Prämienrabatte, um ihren Kunden Telematik-Anwendungen schmackhaft zu machen, haben deutsche Kfz-Versicherer wegen des extrem hart umkämpften Marktes ohnehin nicht. Auch wenn das Prämienniveau weiter leicht steigen sollte, bis zu 75 Prozent der Kfz-Sparten der Versicherer in Deutschland arbeiten noch defizitär, schätzt Branchenexperte Manfred Poweleit.

Potential für Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung sieht die Allianz daher am ehesten bei Fahranfängern. "Sie sind aufgrund ihrer Risikosituation mit den höchsten Prämiensätzen belastet. Hier könnte Telematik eine neue differenzierte Prämiengestaltung ermöglichen." Womöglich ließen sich auch noch andere Kundensegmente ansprechen, etwa jene, die sich selbst ohnehin als vorsichtige Fahrer interpretieren. Diesen Selektionseffekt unterstellt, könnten diese Kunden das Schadenrisiko für einen Kfz-Versicherer insgesamt senken, räumt die Allianz ein.

Andererseits erwarten die beiden führenden Anbieter in Deutschland mit der Einführung von Telematik-Tarifen hohe Investitionskosten in Hardware, Prozessabläufe und eben die Entwicklung der Tarife selbst. "Letztlich muss sich ein positiver Business Case ergeben", bringt es die Allianz auf den Punkt.

Dabei nutzt Europas größter Versicherer in Italien bereits Telematik-Technik, um Prämien zu differenzieren. Jedoch messen die verbauten Telematik-Boxen nur die Kilometerfahrleistung - ein Tarifmerkmal, das in Italien im Gegensatz zu Deutschland kein Standard ist. Vor allem Wenigfahrer entschieden sich daher für die Telematik-Box, weil sie am meisten davon profitierten. Aussagen für den Gesamtmarkt ließen sich daraus aber ebenso wenig ableiten, wie Erkenntnisse zum Fahrverhalten, betont die Allianz.

Individualisierung des Risikos, Datenschutzfragen offen

Towers Watson ist die Besonderheit der deutschen Kfz-Versicherung mit ihren einmaligen Schadenfreiheitsrabatten bewusst. Davon abgesehen würden Anbieter in den USA ähnlich viele Merkmale zur Tarifierung kennen und auch verwenden wie deutsche Versicherer, versucht Nießen hiesige Vorbehalte gegenüber Telematik-Policen zu entkräften.

Die Investitionskosten für die Unternehmen sollten zudem überschaubar bleiben, sagt der Berater. "Hinter Telematik-basierten Kfz-Policen müssen keine gigantischen IT-Etats stehen." Das Sammeln und Analysieren der Daten könnten Kooperationspartner vergleichsweise kostengünstig erledigen, und die Versicherer die notwendige Hardware im Auto leasen. "Die Kosten für diese Technik sind so weit gefallen, dass es sich lohnt, sie in der Masse anzubieten", ist Nießen überzeugt.

Die Versicherer würden auf mittlere Sicht nicht nur von niedrigeren Schadenquoten profitieren, Telematik-Kunden kündigten ihre Verträge auch seltener. Der britische Anbieter Norwich Union etwa berichtete, dass sich seine Stornoquote in der Kfz-Versicherung mit der Einführung von Telematik-Tarifen halbiert habe. Ein Aspekt, den deutsche Kfz-Versicherer angesichts hoher Akquisitionskosten für Neukunden und einer Stornoquote zwischen 10 und 15 Prozent nicht ausblenden sollten, sagt Nießen.

Bei allem Optimismus bleibt Towers Watson gleichwohl realistisch. Ein ähnlich rasantes Wachstum von Telematik-Tarifen wie in den USA sei in Deutschland nicht zu erwarten.

Datenschutzfrage offen, Prämienersparnis begrenzt

Eines sollte dem interessierten Kunden auch klar sein: Das Volumen der möglichen Prämienersparnis in Telematik-Tarifen ist begrenzt. Je mehr Versicherte mitmachen, desto kleiner wird es zudem ausfallen. Jene, die in herkömmlichen Tarifen verharren, müssen außerdem mit stärker steigenden Prämien rechnen - denn ein Versicherer hat nichts zu verschenken, muss profitabel arbeiten.

Unklar ist zudem, was ein Versicherer mit sensiblen Kundendaten im Falle eines Verkehrsverstoßes tatsächlich anfängt. Auch Behörden dürften an diesen Daten ein gesteigertes Interesse haben. Eine einheitliche Regelung unter US-Versicherern hat sich noch nicht herausgebildet. "Die Versicherer müssen das klar kommunizieren, die Kunden müssen genau wissen, woran sie sind", sagt selbst Nießen.

Der Preis für ein wenig Prämienrabatt in der Kfz-Versicherung könnte den "gläsernen" Kunden also womöglich teurer zu stehen kommen, als er glaubt. Experten wie Manfred Poweleit sehen noch eine ganz andere "Gefahr" von Telematik-Tarifen.

Sinn und Zweck von Versicherung sei es, die Kosten möglicher Risiken auf die Solidargemeinschaft zu verteilen und so abzufedern. Die zusehends stärkere Individualisierung des einzelnen Risikos führe aber immer weiter weg vom Versicherungsgedanken. Der Sinn von Versicherung werde damit entstellt und ihre Produkte irgendwann überflüssig, warnt der Chef des Branchendienstes Map-Report.

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