Samstag, 25. Mai 2019

Autoversicherung Wer früher bremst, zahlt weniger Prämie

Telematik in Kfz-Versicherung: Gemeiner Spion oder Prämien-Preisbrecher?
Bugatti

3. Teil: Individualisierung des Risikos, Datenschutzfragen offen

Towers Watson ist die Besonderheit der deutschen Kfz-Versicherung mit ihren einmaligen Schadenfreiheitsrabatten bewusst. Davon abgesehen würden Anbieter in den USA ähnlich viele Merkmale zur Tarifierung kennen und auch verwenden wie deutsche Versicherer, versucht Nießen hiesige Vorbehalte gegenüber Telematik-Policen zu entkräften.

Die Investitionskosten für die Unternehmen sollten zudem überschaubar bleiben, sagt der Berater. "Hinter Telematik-basierten Kfz-Policen müssen keine gigantischen IT-Etats stehen." Das Sammeln und Analysieren der Daten könnten Kooperationspartner vergleichsweise kostengünstig erledigen, und die Versicherer die notwendige Hardware im Auto leasen. "Die Kosten für diese Technik sind so weit gefallen, dass es sich lohnt, sie in der Masse anzubieten", ist Nießen überzeugt.

Die Versicherer würden auf mittlere Sicht nicht nur von niedrigeren Schadenquoten profitieren, Telematik-Kunden kündigten ihre Verträge auch seltener. Der britische Anbieter Norwich Union etwa berichtete, dass sich seine Stornoquote in der Kfz-Versicherung mit der Einführung von Telematik-Tarifen halbiert habe. Ein Aspekt, den deutsche Kfz-Versicherer angesichts hoher Akquisitionskosten für Neukunden und einer Stornoquote zwischen 10 und 15 Prozent nicht ausblenden sollten, sagt Nießen.

Bei allem Optimismus bleibt Towers Watson gleichwohl realistisch. Ein ähnlich rasantes Wachstum von Telematik-Tarifen wie in den USA sei in Deutschland nicht zu erwarten.

Datenschutzfrage offen, Prämienersparnis begrenzt

Eines sollte dem interessierten Kunden auch klar sein: Das Volumen der möglichen Prämienersparnis in Telematik-Tarifen ist begrenzt. Je mehr Versicherte mitmachen, desto kleiner wird es zudem ausfallen. Jene, die in herkömmlichen Tarifen verharren, müssen außerdem mit stärker steigenden Prämien rechnen - denn ein Versicherer hat nichts zu verschenken, muss profitabel arbeiten.

Unklar ist zudem, was ein Versicherer mit sensiblen Kundendaten im Falle eines Verkehrsverstoßes tatsächlich anfängt. Auch Behörden dürften an diesen Daten ein gesteigertes Interesse haben. Eine einheitliche Regelung unter US-Versicherern hat sich noch nicht herausgebildet. "Die Versicherer müssen das klar kommunizieren, die Kunden müssen genau wissen, woran sie sind", sagt selbst Nießen.

Der Preis für ein wenig Prämienrabatt in der Kfz-Versicherung könnte den "gläsernen" Kunden also womöglich teurer zu stehen kommen, als er glaubt. Experten wie Manfred Poweleit sehen noch eine ganz andere "Gefahr" von Telematik-Tarifen.

Sinn und Zweck von Versicherung sei es, die Kosten möglicher Risiken auf die Solidargemeinschaft zu verteilen und so abzufedern. Die zusehends stärkere Individualisierung des einzelnen Risikos führe aber immer weiter weg vom Versicherungsgedanken. Der Sinn von Versicherung werde damit entstellt und ihre Produkte irgendwann überflüssig, warnt der Chef des Branchendienstes Map-Report.

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung