Sonntag, 21. Juli 2019

Autoversicherung Wer früher bremst, zahlt weniger Prämie

Telematik in Kfz-Versicherung: Gemeiner Spion oder Prämien-Preisbrecher?
Bugatti

2. Teil: Große Versicherer sehen Telematik-Police skeptisch - kaum Luft für Prämienrabatt

In Deutschland stecken Telematik-Tarife noch in den Kinderschuhen. Zwar sollen mindestens drei Versicherer technische Systeme dazu intern bereits testen. Den Optimismus der Berater für Telematik-basierte Kfz-Policen teilt die Assekuranz so aber nicht.

Zwar ist Konsens, dass die Entwicklung zum vernetzten Auto zunehmen wird - auch weil Neuwagen in Europa ab 2015 mit einem automatischen Notrufsystem ausgestattet sein müssen, wie Versicherer auf Anfrage von manager magazin online erklären. Dass zusätzliche Telematik-Funktionen wie die genaue Erfassung des Fahrverhaltens einen breiten Markt und Eingang in die Tarifkalkulation der Versicherer finden werden, sehen die Anbieter derzeit aber noch nicht. Die positiven Erfahrungen in angelsächsischen Ländern ließen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.

"Durch die Vielzahl der Tarifmerkmale ist das individuelle Risiko bereits sehr gut abgebildet. Ob sich dies - nicht zuletzt aus Kundensicht - durch die Telematik tatsächlich verbessern würde, ist fraglich", sagt ein Sprecher des führenden Kfz-Versicherers Huk Coburg.

Entscheidend sei, dass der Kunde in Deutschland davon einen spürbaren Nutzen habe. Den könne die Huk derzeit noch nicht erkennen. Der schärfste Wettbewerber, die Allianz, argumentiert ähnlich. Auch sie hält es für "fraglich, ob weiteres Differenzierungspotential und damit eine deutliche Prämienreduzierung durch Telematik zu erwarten ist", sagt eine Sprecherin.

Allianz testet abgespeckte Telematik-Tarife in Italien

Viel Luft für Prämienrabatte, um ihren Kunden Telematik-Anwendungen schmackhaft zu machen, haben deutsche Kfz-Versicherer wegen des extrem hart umkämpften Marktes ohnehin nicht. Auch wenn das Prämienniveau weiter leicht steigen sollte, bis zu 75 Prozent der Kfz-Sparten der Versicherer in Deutschland arbeiten noch defizitär, schätzt Branchenexperte Manfred Poweleit.

Potential für Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung sieht die Allianz daher am ehesten bei Fahranfängern. "Sie sind aufgrund ihrer Risikosituation mit den höchsten Prämiensätzen belastet. Hier könnte Telematik eine neue differenzierte Prämiengestaltung ermöglichen." Womöglich ließen sich auch noch andere Kundensegmente ansprechen, etwa jene, die sich selbst ohnehin als vorsichtige Fahrer interpretieren. Diesen Selektionseffekt unterstellt, könnten diese Kunden das Schadenrisiko für einen Kfz-Versicherer insgesamt senken, räumt die Allianz ein.

Andererseits erwarten die beiden führenden Anbieter in Deutschland mit der Einführung von Telematik-Tarifen hohe Investitionskosten in Hardware, Prozessabläufe und eben die Entwicklung der Tarife selbst. "Letztlich muss sich ein positiver Business Case ergeben", bringt es die Allianz auf den Punkt.

Dabei nutzt Europas größter Versicherer in Italien bereits Telematik-Technik, um Prämien zu differenzieren. Jedoch messen die verbauten Telematik-Boxen nur die Kilometerfahrleistung - ein Tarifmerkmal, das in Italien im Gegensatz zu Deutschland kein Standard ist. Vor allem Wenigfahrer entschieden sich daher für die Telematik-Box, weil sie am meisten davon profitierten. Aussagen für den Gesamtmarkt ließen sich daraus aber ebenso wenig ableiten, wie Erkenntnisse zum Fahrverhalten, betont die Allianz.

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