Streit nach Moody's-Studie Lebensversicherer reif für die Intensivstation?

Wie gesund sind die deutschen Lebensversicherer? Die einen stellen der Branche ein gutes Zeugnis aus und werfen ihr zugleich vor, sie bringe die Kunden um Gewinnanteile. Andere dagegen warnen vor einer möglichen Pleite vor allem schwächerer Anbieter - dazwischen steht der verunsicherte Kunde.
Patient Lebensversicherung: Die angekündigten Eingriffe der Europäischen Zentralbank, Staatsanleihen in großem Stil aufzukaufen, werden die Unternehmen zusätzlich belasten

Patient Lebensversicherung: Die angekündigten Eingriffe der Europäischen Zentralbank, Staatsanleihen in großem Stil aufzukaufen, werden die Unternehmen zusätzlich belasten

Foto: AP

Hamburg - Über den Zustand der deutschen Lebensversicherer ist erneut Streit entbrannt. Hatte die Ratingagentur Moody's zur Wochenmitte noch vor einer möglichen Pleite vor allem kleinerer Anbieter gewarnt, widersprach der Bund der Versicherten (BdV) der Einschätzung jetzt entschieden.

"Der Branche geht es eher gut", erwiderte BdV-Chef und Mathematiker Axel Kleinlein am Donnerstag. Dabei gilt Deutschlands größte Interessenorganisation für Versicherte keineswegs als glühender Verteidiger der Lebensversicherer. Sie kritisiert aber, dass Unternehmen das schwache Zinsumfeld und damit einhergehende verpflichtende Regeln zur Reservebildung immer stärker für sich ausnutzten - auf Kosten der Versicherten.

Einen Beleg dafür sieht der BdV in der vor wenigen Tagen erschienen Analyse der Unternehmensbilanzen des Jahres 2013. Wie schon im Vorjahr kommt "Öko-Test" zu dem Ergebnis, dass von einer Notlage der Branche keine Rede sein könne.

Öko-Test: Unternehmen bringen Kunden um einen Teil des Gewinns

Die Beitragseinnahmen seien gegenüber dem Jahr 2012 sogar gestiegen, und die Kapitalanlagen der Lebensversicherer hätten im Schnitt eine Nettoverzinsung von 4,49 Prozent erwirtschaftet. Zugleich schlummerten Ende 2013 noch rund 69 Milliarden stille Reserven in den Bilanzen der Unternehmen. Die Branche könne also nicht nur die garantierten Leistungen ohne weiteres erbringen, sondern im Grunde auch ordentliche Überschüsse zahlen.

Tatsächlich fallen die Überschüsse seit Jahren. Die Unternehmen beteiligten die Kunden auch in immer geringeren Maße am Rohgewinn: Habe früher die Quote bei rund 90 Prozent gelegen, sei sie im Branchenschnitt zuletzt auf 63,47 Prozent gesunken, rechnet "Öko-Test" vor.

Einen Grund dafür sieht die Analyse in dem für die Unternehmen verpflichtenden Aufbau der Zinszusatzreserve - eine Art zusätzlicher Puffer oder Reservetopf für schlechte Zeiten. 2013 seien fast 30 Prozent der branchenweiten Rohüberschüsse für die Zinszusatzreserve abgezwackt worden. Dabei sei zweifelhaft, ob die Kunden von diesem zurückbehaltenem Geld jemals etwas wiedersehen würden, kritisiert "Öko-Test". Ende vergangen Jahres war dieser Reservetopf auf rund 20 Milliarden Euro angewachsen.

EZB-Anleihenkaufprogramm erhöht Druck auf die Lebensversicherer

Die Versicherer entzögen dieses Geld dem System der Überschussbeteiligung zu Unrecht, moniert Versicherungsmathematiker und BdV-Chef Kleinlein. "Durchschnittlich geht es um etwa 225 Euro Überschüsse pro Vertrag, die den Kunden schon jetzt vorenthalten werden." Da die Zinszusatzreserve noch ansteigen werde, sei zu befürchten, dass "unter dem Deckmantel der schwierigen finanziellen Lage der Versicherer" dem Kunden weiteres Geld vorenthalten werde.

Die Branche weist die Vorwürfe zurück und wehrt sich schon länger gegen die These, die Unternehmen würden ihre Bilanzen quasi auf Kosten der Kunden sanieren.

Für die Kunden selbst ist der offen ausgetragene Streit über den Zustand der Branche wenig hilfreich. Auf der einen Seite verunsichern Einschätzungen wie jene von Moody's die Verbraucher. Auf der anderen Seite zeichnen Analysen wie von "Öko-Test" das Bild einer insgesamt gesunden Branche und sorgen für erhebliches Misstrauen unter den Verbrauchern.

"Die Aufsichtsbehörde muss die Vorgehensweise der Lebensversicherer überprüfen und aufklären", fordert Kleinlein daher. Kunden und Märkte bräuchten verlässliche Aussagen zur Zukunft der deutschen Lebensversicherung. Nur so ließe sich das Vertrauen in die kapitalgedeckte Vorsorge mit Versicherungen wieder herstellen.

Kollabiert nur ein Anbieter, hat die ganze Branche ein Problem

Moody's indes verwies gestern in einem Kommentar  wie schon Anfang Dezember die europäische Branchenaufsicht Eiopa darauf, dass vor allem kleinere Gesellschaften mit einer zu geringen Kapitalausstattung bei anhaltenden Niedrigzinsen ernsthafte Probleme bekommen könnten . Der Kollaps eines oder gar mehrerer Akteure auf dem deutschen Markt könnte einen "Reputationsschaden für die gesamte Branche bedeuten", warnte Moody's. Die Aufsichtsbehörden müssten diesen Zustand noch vor Inkrafttreten der neuen Regeln im Jahr 2016 beheben.

Das von der EZB angekündigte Anleihenkaufprogramm werde die Lage der Lebensversicherer noch erschweren und den Renditedruck auf die Unternehmen erhöhen. Legen sie das Geld der Kunden doch zu etwa 90 langfristig und in festverzinsliche Wertpapiere an, die immer weniger abwerfen.

Auch der Gesamtverband Deutsche Versicherugswirtschaft (GDV) widersprach Moody's - allerdings mit anderem Tenor als der Versichertenbund. Kein deutscher Lebensversicherer stünde vor dem Zusammenbruch. Auch habe die jüngste Erhebung der deutschen Versicherungsaufsicht gezeigt, dass die Branche den Einstieg in das neue Aufsichtsregime beziehungsweise die neuen Kapitalanforderungen nach Solvency II bewältigen würden - allerdings unter Einräumung einer großzügigen Übergangsfrist.

Das Regelwerk, das den Kapitalbedarf der Versicherer stärker an die Risiken in ihrem Policenbestand ausrichtet, tritt kommendes Jahr in Kraft. Die Unternehmen haben aber Zeit bis zum Jahr 2032, um das nötige zusätzliche Kapital aufzutreiben.

rei