Axel Kleinlein

Riester-Rente und Co "Versicherungsvermittler oft genauso leidtragend wie die Verbraucher"

Axel Kleinlein
Eine Entgegnung von Axel Kleinlein
Eine Entgegnung von Axel Kleinlein
Die jüngste Kolumne unseres Meinungsmachers Axel Kleinlein zum Thema Riester-Rente hat nicht nur viele Leserinnen und Leser gefunden, sondern auch viele, teils emotionale Reaktionen provoziert. Zahlreiche Mails, die uns erreichten, stammen aus der Versicherungsbranche. Unser Autor antwortet hier auf die wichtigsten Einwände.

"Für keine bestehende Riester-Police kann nachträglich der Garantiezins gesenkt werden …"

Kleinlein: Es ist richtig, dass die vertraglich vereinbarten Garantien im Nachhinein nicht gesenkt werden können – das habe ich auch an keiner Stelle behauptet. Bei vielen Rentenverträgen ist aber in den Versicherungsbedingungen geregelt, dass der garantierte Rentenfaktor mit einem deutlich geringeren Zins oder auch mit einer anderen Sterbetafel kalkuliert ist, als er zum Vertragsabschluss maximal zulässig gewesen wäre. Um das auszugleichen, haben die Versicherer dann in den Versicherungsbedingungen festgeschrieben, dass der tatsächliche Rentenfaktor zu Rentenbeginn auf Grundlage der dann "üblichen Kalkulationsgrundlagen" wie etwa dem "dann gültigen Höchstrechnungszins" errechnet wird (die Formulierungen variieren von Tarif zu Tarif). Dieser Rentenfaktor fällt demnach bei einem Höchstrechnungszins von 0,9 Prozent höher aus als bei nur 0,25 Prozent. Bei einem Beispielvertrag führt das zu einer Minderung um etwa zehn Prozent der Rente. Deswegen sinkt die Rente durch die Minderung des Höchstrechnungszinses, obwohl die ursprüngliche Kalkulation nicht angefasst wird.

"Ich frage mich ernsthaft, wie Sie allem Anschein nach einen Bericht veröffentlichen, welcher die gesamte Versicherungsbranche mal wieder in Missgunst stellt, während der Gesetzgeber die Schuld trägt!"

Ja, der Gesetzgeber machte und macht Fehler. Genau das versuche ich auch zu verdeutlichen. Wenn ich Kritik übe, dann zielt diese in erster Linie auf den Gesetzgeber, der diese missliche Situation überhaupt erst geschaffen hat (durch schlechte Gesetze oder durch seine Zinspolitik). Aber auch die Versicherungsunternehmen nehme ich scharf in den Fokus. Die Versicherungsvermittler demgegenüber sind oft fast genauso leidtragend wie die Verbraucher*innen. Denn wenn es nur noch schlechte Produkte gibt, können Vermittler*innen eben nur schlechte Angebote verkaufen. Darum muss aber auch hier der Finger in die Wunde gelegt werden.

"Wie kommt der Autor darauf, dass die Provisionen um 30 Prozent steigen würden?"

Ich habe für einen Beispielvertrag errechnet, um wie viel die zu zahlende Prämie für eine bestimmte Garantierente steigt, wenn der Kalkulationszins nicht mehr 0,9 Prozent, sondern nur noch 0,25 Prozent beträgt. Der Effekt ist sehr stark, sodass die Prämie dann um etwa 30 Prozent höher ausfällt. Da sich die Provision aber üblicherweise an der Prämienhöhe orientiert, fällt dann auch die Provision um diese 30 Prozent höher aus – immer unterstellt, es wird letztendlich ein Vertrag mit der gleichen Garantierente abgeschlossen. Die genauen Parameter, mit denen ich gerechnet habe, finden sich in unserer Stellungnahme, die man hier abrufen kann .

"Das staatliche Verschulden auf die Versicherungswirtschaft und auf die Vermittler abzuwälzen, ist nicht tragbar!" oder "… Es ist bedauerlich, dass damit eine Branche verantwortlich gemacht wird für eine grandiose Fehlsteuerung der Politik …"

Diese Empörung kann ich nachvollziehen! Sie sollte sich aber am besten gegen diejenigen richten, die hierfür Verantwortung tragen – und das ist nicht der Verbraucherschutz, sondern die Politik! Genau deshalb treten wir an die Politik heran und lehnen sowohl die Höchstrechnungszinssenkung ab und fordern eine Aufhebung des Zwangs zur Verrentung. Denn wer eine lebenslange Rente beziehen möchte, möge das tun – wer das nicht möchte, soll ebenfalls eine Förderung erhalten – das ist unser Konzept der Basisdepot-Vorsorge.

"Die Behauptung, eine Riester-Rente wäre eine Zwangsrente, ist ebenfalls eine unbelegte Falschaussage!"

Kleiner Hinweis: Ich rede und schreibe von einem "Verrentungszwang". Damit meine ich, dass bei Riester-Verträgen die Sparer*innen gezwungen werden, einen Großteil des angesparten Kapitals (nämlich mindestens 70 Prozent) in Form von regelmäßigen Auszahlungen zu bekommen, die spätestens ab Alter 85 von einer Lebensversicherung kommen müssen. Wer das nicht möchte, muss den Riester-Vertrag kündigen und alle Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen. Das heißt: Wer riestert, muss einen Großteil des Kapitals verrenten – deshalb rede ich hier von einem "Verrentungszwang". Bei Rürup-Renten sind es übrigens sogar 100 Prozent.

"Vielleicht sagt uns Herr Kleinlein einmal, was ein 65-Jähriger heute mit mühsam angesparten xx-tausend Euro machen soll, um seinen Lebensabend zu sichern oder ein sündhaft teures Pflegeheim zu finanzieren?"

Erst einmal: Wer sich – zu Recht – sorgt, im Alter pflegebedürftig zu sein, sollte eher über eine bedarfsgerechte Pflegetagegeldversicherung als über eine Lebensversicherung nachdenken. Wie man den Lebensabend in jedem Fall sichern kann, dazu habe ich genauso wenig eine allgemeingültige Antwort wie die Versicherungsunternehmen. Aber ich tue nicht so, als hätte ich eine Antwort. Versicherer haben eben derzeit keine funktionierenden Lösungen, wenn es um Altersvorsorge geht. Und das deutlich zu machen, das ist ein Teil meines Jobs.

"Weiterhin spart der Kunde immense Steuern, was die Rendite in z.B. einen Riesterprodukt exorbitant steigert und mit absolut keiner Anlage schlagbar ist …"

Steuern können nur diejenigen sparen, die auch entsprechend viel Steuern zahlen – also gut genug verdienen. Aber auch dann zieht der Steuerspareffekt nur, wenn später der Steuersatz entsprechend niedriger ist. Ob das dann der Fall ist, ist eine Wette auf die Steuerpolitik zukünftiger Finanzminister*innen. Auch kein Versicherungsvermittler kann Sie verlässlich zu den Steuereffekten in 20, 40 oder 60 Jahren beraten. Zudem ist so ein Steuereffekt kein Verdienst der Versicherungswirtschaft, sondern geht zulasten der anderen Steuerzahler*innen.

"Warum wird nicht darüber geschrieben, dass die Versicherungen nicht nur den Garantiezins geben, sondern auch Überschüsse ausbezahlen?"

Grundsätzlich gibt es diese Überschüsse, und eigentlich sollten diese auch zur Auszahlung kommen. Das geschieht derzeit aber kaum oder überhaupt nicht. Stattdessen bunkern die Unternehmen derzeit etwa 100 Milliarden Euro an Überschüssen in Reservetöpfen, ohne die Versicherten daran teilhaben zu lassen. Diese Reserven brauchen sie aber, um Kalkulationsfehler der Vergangenheit auszugleichen. Übrigens: Wer in solche Rentabilitätsbetrachtungen auch Überschüsse einbeziehen will, der sollte dann konsequent auch Inflation einrechnen. Die frisst dann üblicherweise den Überschusseffekt auf.

"Warum wird pauschal behauptet, dass der Versicherte zu früh stirbt, um seine Rente ausgezahlt zu bekommen?"

Das behaupte ich nicht. Aber das Problem, das ich regelmäßig anspreche, besteht darin, dass die Versicherer mit Lebenserwartungen kalkulieren, die jenseits dessen sind, was realistisch zu erwarten ist. Das zeigt sich dann darin, dass die Versicherten weit über 90 oder oft auch über 100 Jahre alt werden müssen, um über die garantierte Rentenleistung zumindest das herauszubekommen, was zu Rentenbeginn an Kapital vorlag. Wie alt genau, das kann sich jede*r einfach selbst zu Rentenbeginn ausrechnen.

"Ja, schimpfen ist immer einfach ..."

Nein, schimpfen ist nicht einfach. Denn gerade die Versicherungswirtschaft macht es den Kritiker*innen sehr schwer und unbequem. Sachlich korrekt zu argumentieren ist deshalb unumgänglich – und das tue ich auch. Die Parteigänger der Versicherungswirtschaft sind auch nicht zimperlich und oft muss ich Beschimpfungen abwehren. Als "Herr Kleinlich" oder "Herr Kleinhirn" bezeichnet zu werden gehört da noch zu den charmanteren Beleidigungen, und auch wenn mir "finstere Boshaftigkeit" unterstellt wird, dann gehört das noch zu den netteren Angriffen.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.