IWF sieht Niedrigzinsen als ernste Gefahr Lebensversicherer rütteln bei Riester am Beitragserhalt

Der Internationale Währungsfonds hegt Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der deutschen Lebensversicherer, sollten die Zinsen weiter niedrig bleiben. Ein neues Warnsignal: Bislang müssen Anbieter ihren Riester-Kunden den Erhalt aller Beiträge garantieren. Das aber würden sie künftig gern ändern.
Der IWF sieht wegen der Niedrigzinsen erhöhte Warnzeichen bei den deutschen Lebensversicherern. Ein Indiz dafür: Die Branche stellt bei der Riester-Rente ihre Verpflichtung, die Beiträge des Kunden zu 100 Prozent erhalten zu müssen, für neue Verträge zur Disposition

Der IWF sieht wegen der Niedrigzinsen erhöhte Warnzeichen bei den deutschen Lebensversicherern. Ein Indiz dafür: Die Branche stellt bei der Riester-Rente ihre Verpflichtung, die Beiträge des Kunden zu 100 Prozent erhalten zu müssen, für neue Verträge zur Disposition

Foto: Jens Büttner/ dpa

Die dauerhaft niedrigen Zinsen könnten nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu einem ernsthaften Problem für die deutschen Lebensversicherer werden. Zwar sei die finanzielle Stabilität der Unternehmen akut nicht gefährdet. Doch stellten die niedrigen Zinsen die Geschäftsmodelle der Anbieter in Frage. Sie liefen Gefahr, nicht mehr ausreichend Erlöse für die langfristigen Versprechen vieler ihrer noch im Bestand befindlichen Rentenpolicen erwirtschaften zu können. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse des IWF hervor .

Die ab 1. Januar dieses Jahres geltenden schärferen Eigenkapitalregeln (Solvency II), die die Unternehmen mit einer längeren Übergangsfrist erfüllen müssen, hätten den Druck auf die Lebensversicherer noch einmal verschärft, so dass nun manche Marktteilnehmer auf der Suche nach Rendite auch größere Risiken eingingen, schreiben die Experten. Ohne die teils großzügigen Übergangsbestimmen wäre die Mehrheit der Lebensversicherer in Deutschland nicht in der Lage, die strengeren Solvency-II-Regeln zu erfüllen.

Die IWF-Experten fordern die deutsche Finanzaufsicht Bafin auf, die Branche engmaschig zu kontrollieren und schwächere Lebensversicherer zu Reformen zu drängen. Notfalls sollte sie die Geschäfte einzelner Anbieter einschränken oder ihnen diese ganz untersagen. Zugleich mahnt der IWF an, den Branchensicherungsfonds "Protektor", der im Insolvenzfall eines Lebensversicherers eintritt und die Policen zu Ende führen soll, ebenso streng zu beobachten.

Bafin-Chef Felix Hufeld dürften die Erkenntnisse und Forderungen des IWF nicht überraschen, zumal der Fonds bereits in seinem jüngsten Finanzstabilitätsbericht ähnliche Töne angeschlagen hatte. Hufeld, der lange die Versicherungsaufsicht der Behörde führte, hatte zuletzt im Frühjahr dieses Jahres bekräftigt, dass seine Behörde eine "zweistellige" Zahl von Lebensversicherern in "Manndeckung" nehme - sprich, engmaschig überwacht - und hatte damit ungewollt Pleiteängste unter Versicherungskunden geschürt.

Branche will Reserven für Kunden lieber langsamer aufstocken

Aufsicht und Gesetzgeber reagieren schon länger auf die Herausforderungen der Branche. So müssen die Unternehmen seit 2011 zusätzliche Reserven für ihre langfristigen Zahlungsversprechen bilden. Diese "Zinszusatzreserve" beläuft sich mittlerweile auf 32 Milliarden Euro. Das Geld steht für die laufende Überschussbeteiligung der Kunden nicht zur Verfügung.

Viele Lebensversicherer empfinden die Zinszusatzreserve und das Tempo, in der sie gebildet werden muss, mittlerweile als Belastung. Änderten sich die Bedingungen nicht, müsse die Branche bis zum Jahr 2025 aufsummiert rund 225 Milliarden Euro an zusätzlichen Reserven bilden. Das könne sie nur, wenn die Anbieter ältere, noch höher verzinste Wertpapiere verkauften. Die Unternehmen fordern daher von der Aufsicht, dass sie ihre Kapitalpuffer langsamer aufbauen dürfen. Die Bafin hat bislang wenig Bereitschaft dazu bekundet.

Parallel haben sich die meisten Anbieter aus freien Stücken von den klassischen Policen mit lebenslangem Garantiezins verabschiedet. Manche haben das Neugeschäft mit Lebensversicherungen gar ganz eingestellt. Die Bestände werden dann im "Run-off" abgewickelt. Diese Kunden müssen mit noch geringeren Überweisungen ihres Lebensversicherers rechnen, da für ihn im Run-off keine Notwendigkeit besteht, mit attraktiven Verzinsungen Neukunden zu locken.

Trauriges und bislang größtes Beispiel für einen Run-off ist die Ergo Lebensversicherung, die bis zu 6 Millionen Policen abwickeln wird. Zugleich unterzieht der Vorstand die Tochter der Münchener Rück einer Rosskur: Tausende Jobs in Deutschland gehen verloren.

Anbieter stellen bei Riester vollen Beitragserhalt zur Disposition

Der Blues in der Branche ist derzeit quasi mit den Händen zu greifen und der IWF wird mit seinen Aussagen die Stimmung kaum aufgehellt haben. Die Vorsorgemüdigkeit und Enttäuschung der Kunden über fallende Renditen zeigt sich auch beim Absatz der Riester-Rente:

Der Rückgang der Riester-Rentenversicherungen hat sich im ersten Quartal dieses Jahres fortgesetzt, wie eine aktuelle Statistik des Bundessozialministerium  dokumentiert. Ihr zufolge zahlen gut 3,3 Millionen der etwa 16,5 Millionen Riester-Kunden ohnehin keinen Cent mehr in ihren Vertrag ein, lassen ihn ruhen.

Es ist gut möglich, dass viele Lebensversicherer im kommenden Jahr, wenn der Garantiezins auf 0,9 Prozent sinkt, die Riester-Rente nicht mehr anbieten werden. Denn die Kosten der Police würden dann in zahlreichen Fällen die garantierte Verzinsung übersteigen und die Unternehmen den Erhalt aller eingezahlten Beiträge nicht mehr garantieren können, wie Versicherungsmathematiker am Donnerstag in Köln erklärten. Sie fordern daher den Gesetzgeber dazu auf, dass Riester-Anbieter ihren Kunden künftig nur noch 90 Prozent der eingezahlten Beiträge garantieren müssen.