Montag, 21. Oktober 2019

Abschlusskosten-Exzess bei Altersvorsorge Riester-Renten - wie junge Eltern abgezockt werden

Gerade bei jungen Eltern werden besonders hohe Abschlusskosten einkassiert
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Gerade bei jungen Eltern werden besonders hohe Abschlusskosten einkassiert

Versicherer, Versicherungsvermittler und manche Politikerinnen und Politiker üben sich derzeit darin, ein unbequemes Problem herunterzuspielen: Überhöhte Provisionen und exzessive Abschlusskosten werden geleugnet. Da wird mit Zahlenspielereien vorgegaukelt, dass eigentlich kein Problem bestünde. Da wird so getan, als könnte man mit Ignorieren das Problem aus der Welt schaffen. Und jetzt hat der Marktwächter Finanzen zusammen mit der Verbraucherzentrale Hamburg den nächsten Skandal in Sachen Abschlusskosten offengelegt.

Axel Kleinlein
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Axel Kleinlein ist Versicherungs-Mathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Bei diesem Skandal geht es darum, dass ausgerechnet bei der Riester-Rente gezielt bei denjenigen besonders hohe Abschlusskosten einkassiert werden, die nach politischer Zielsetzung gefördert werden sollen: junge Eltern. Und nebenbei geht das dann auch noch zu Lasten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Die Strategie ist (wie so üblich, wenn die Lebensversicherer ihre Finger im Spiel haben) schwer zu durchschauen.

Kurz heruntergebrochen gibt es erst einmal das grundlegende Problem der Zillmerung: Kundinnen und Kunden müssen schon heute Abschlusskosten auf Zahlungen leisten, die erst in vielen Jahrzehnten anfallen (bei Riester über die ersten fünf Vertragsjahre verteilt). Da ist es egal, ob der Vertrag dann in vielen Jahrzehnten überhaupt noch besteht bzw. regelmäßig bespart wurde. Das Versicherungsunternehmen behält trotzdem die einkassierten Abschlusskosten.

Dann gibt es bei einigen Versicherern auch Abschlusskosten auf Riester-Zulagen. Die Zulagen ersetzen aber oft andere Zahlungen, für die längst Abschlusskosten gezahlt wurden. Das Phänomen tritt zum Beispiel dann auf, wenn für ein neugeborenes Kind weitere Zulagen in den Vertrag fließen. Und wenn die Eigenbeiträge eines Riester-Vertrags später wieder erhöht werden müssen, weil zum Beispiel die Kinderzulage wegfällt - dann gibt es wieder neue Abschlusskosten auf den Erhöhungsbeitrag.

Versicherer kassieren Kosten für Zahlungen, die oft niemals eingehen

Das Abschlusskosten-Problem bei diesen Riester-Verträgen: Die Versicherer kassieren Kosten für Zahlungen, die oft niemals eingehen, bei den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern ab, weil höhere Zulagen gewährt werden. Und dann kassieren sie womöglich nochmal, wenn der Eigenbeitrag später wieder steigt. Ohnehin ineffiziente Tarife werden so erst richtig schlecht.

Aber auch bei allen anderen Lebensversicherungsverträgen kassieren die Versicherer die Abschlusskosten für zukünftige Zahlungen üblicherweise schon vorab ein. Dann sogar ohne eine Verteilung über fünf Jahre. Das ist besonders gemein, wenn zum Beispiel ein Vertrag für ein neugeborenes Kind abgeschlossen wird - es gibt ja derartige Kindertarife. Dann ist es sehr gut möglich, dass heute schon Abschlusskosten für die Beiträge fällig werden, die erst im Jahr 2086 fließen sollen.

Aber warum brauchen die Versicherer derartig viel Geld als Abschlusskosten? Das liegt daran, dass sich dahinter unter anderem eben auch die Vertriebskosten verbergen. Und darin stecken zum Beispiel die Provisionen für die Vertriebe. Und die sind nicht ohne. Bei manchen großen Versicherungsunternehmen hat der Vertrieb großen Einfluss und Macht. Und so werden dann auch hohe Provisionen durchgesetzt, die dann durch hohe Abschlusskosten den Versicherten die Verträge schlechter machen.

Dass Vermittler oft besonders gerne diejenigen Verträge verkaufen, bei denen es besonders hohe Provisionen gibt, das liegt dann auf der Hand. Das nennt man den "Interessenkonflikt". Auf europäischer Ebene hat man das schon erkannt und hat gefordert, dass die einzelnen Staaten dem etwas entgegensetzen. Und da sperrt sich unsere deutsche Regierung. Politikerinnen und Politiker der Koalitionsparteien gefallen sich zuweilen sogar darin zu leugnen, dass es diesen Interessenkonflikt gibt - wohlwissend, dass die Diskussion auf europäischer Ebene längst abgeschlossen ist.

Vernünftige Altersvorsorge wurde dem Provisionshunger der Vertriebe geopfert

Es ist bedenklich, wie die Hoffnung auf vernünftige Lebensversicherungsprodukte der Abschlusskostengier der Versicherer und dem Provisionshunger der Vertriebe geopfert werden. Dabei nimmt die Politik auch in Kauf, europäische Vorgaben zu ignorieren und setzt darauf, dass Brüssel erst in ein paar Jahren ein deutsches Handeln einfordert.

Die deutsche Versicherungslandschaft versucht, alte Pfründe unter allen Umständen zu verteidigen, ohne erkennen zu wollen, dass angesichts der neuen Entwicklungen dringend umgesteuert werden müsste: Aus Europa kommt die Forderung nach völlig neuen und kostengünstigeren Produkten, die deutschen Versicherer haben die Digitalisierung kaum im Griff und haben keine Strategie, wie sie auf neue Anbieter im Internet reagieren sollen. Und schließlich zwingen schwache Kapitalmärkte ein noch radikaleres Umdenken.

An der Diskussion um die Abschlusskosten wird sich die Regierung messen lassen müssen, in welche Richtung die kapitalgedeckte Altersvorsorge laufen soll. Sollen die Kosten weiter so überzogen hoch bleiben, bis sich die Lebensversicherer und ihre aufgeblähten Vertriebe in wenigen Jahren überlebt haben? Oder wollen wir angemessene Kosten, die auch vernünftigere Tarife erlauben, die dann womöglich auch dauerhaft funktionieren? Oder hat man heimlich das Ziel, nur noch auf die umlagefinanzierte Rente zu setzen und die Kapitaldeckung per se abzuschaffen? Dann sollte man aber den Bürgerinnen und Bürgern auch als Staat jetzt schon sagen, dass sie die Finger von den Angeboten der Versicherer lassen sollten.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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