Police ohne Garantiezins Wie gut ist die neue Ergo-Rente wirklich?

Ab 1. Juli kommt die neue Ergo-Rente ohne Garantiezins auf den Markt. Für den Lebensversicherer geht es um viel. Exklusiv für manager magazin online hat der bekannte Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein Produkt und Kleingedrucktes analysiert. Sein Fazit ist vernichtend.
Renditestark, verständlich? Die neue Ergo-Rente ohne Garantiezins ist beides nicht, sagt Branchenexperte und Versicherungsmathematiker Kleinlein.

Renditestark, verständlich? Die neue Ergo-Rente ohne Garantiezins ist beides nicht, sagt Branchenexperte und Versicherungsmathematiker Kleinlein.

Foto: dapd

Hamburg - Die Vermittler der Ergo müssen uns an dieser Stelle ausnahmsweise mal ein wenig leid tun. Seit Wochen büffeln sie den Stoff zur neuen Rentenpolice, um das Produkt pünktlich ab 1. Juli erfolgreich unter das Volk zu bringen - dann also, wenn die meisten Deutschen hier zu Lande oder andernorts Sonne, Strand oder Berge genießen.

Der Vertrieb der neuen Police, mit dem der Lebensversicherer des Konzerns ein neues Kapital in der Altersvorsorge aufschlägt, dürfte auch im übertragenen Sinn eine schweißtreibende Angelegenheit werden. Die Leben-Sparte schwächelt, die Erwartungen an das neue Produkt sind hoch. 80 Prozent des Neugeschäfts soll die neue Fondspolice ohne Garantiezins künftig einspielen. Das Produkt trifft auf zusehends kritischere Verbraucher, die - eigentlich vorsorgemüde -, gerade in unsicheren Zeiten die Sicherheit möglichst lebenslanger Garantien einfordern.

Diese und die hohen Zinszusagen der vielen älteren Verträge bereiten jedoch so manchem Anbieter Probleme. Weil sie laut Finanzaufsicht in der anhaltenden Niedrigzinsphase ein Risiko darstellen, muss die Branche dafür jedes Jahr Milliarden Euro reservieren - sprich wertvolles Eigenkapital blockieren. Das belastet die Bilanz und vermindert die Gewinnaussichten der Versicherten. Auf der anderen Seite wollen auch die Aktionäre ihren Teil.

So wundert es nicht, dass gerade weniger finanzkräftige Anbieter und die Töchter großer Aktiengesellschaften mit neuen Produkten an der lebenslangen Garantie rütteln - und damit am Alleinstellungsmerkmal der deutschen Lebensversicherung. Genossenschaftlich organisierte Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit halten sich dagegen zurück. Die Ergo macht jetzt den Vorreiter. Sie hat bereits Anfang Juni in einer eigens anberaumten Konferenz die Grundzüge der neuen "Ergo Rente Garantie" vorgestellt - im Kern eine fondsgebundene Police. Die Allianz will im Juli ebenfalls neue Garantieprodukte am Markt einführen.

Exklusiv für manager magazin online hat der Versicherungsmathematiker und ehemalige Vorsitzende des Bundes der Versicherten (BdV), Axel Kleinlein, ein Angebot der neuen Ergo-Rente analysiert. Der unabhängige und gefürchtete Branchenkritiker hat sich durch Allgemeine Versicherungsbedingungen, Produktinformationsblatt (PIB), Versicherungsurkunde und auch das andere Kleingedruckte gearbeitet.

mm: Herr Kleinlein, eine Fondspolice, die mir jeden eingezahlten Cent garantiert, das ist doch schon mal ein Wort, oder?

Kleinlein: Na ja. Wirklich Neues bietet die Ergo-Rente in diesem Punkt nicht. Auch Policen anderer Anbieter sehen den Kapitalerhalt vor. Die Zusage gilt ohnehin nur für die Ansparphase und lediglich bei einer Vertragslaufzeit von mindestens 15 Jahren. Als Kunde könnte ich mein Geld genauso gut 15 Jahre lang unter das Kopfkissen legen wenn es mir nur um die Garantie ginge. Nach Abzug der Inflationsrate machte ich damit real genauso einen Verlust.

mm: Was zuträfe, wenn die Fonds nicht performten. Bei einer durchschnittlichen Wertentwicklung ist nach 35 Jahren und 100 Euro Monatsbeitrag zum vereinbarten Rentenbeginn eine Beitragsrendite von rund 3,5 Prozent drin.

Kleinlein: Vorsicht. Die Zahlen die Sie nennen, sind, wie Sie wissen, Beispielrechnungen der Ergo. Niemand weiß, ob die Fonds das wirklich einspielen werden. Die im Produktinformationsblatt unterstellte Wertentwicklung der Fonds von 6 Prozent muss man erst einmal schaffen. Und schon da gibt es so manche Ungereimtheit.

mm: Was meinen Sie damit?

"Hochrechnungen vollkommen undurchsichtig"

Kleinlein: Es wird bei einer durchschnittlichen Fondsentwicklung von 6,0 Prozent dann im Produktinformationsblatt auf einmal eine "Rendite der Beiträge vor Kosten" von 6,1 Prozent angenommen. Das ist nicht nachvollziehbar. Auch die Hochrechnungen in der Versicherungsurkunde sind aus meiner Sicht vollkommen intransparent. Selbst für mich als Experten ist nicht nachvollziehbar, was hier gerechnet wurde. Die Ergo verweist lediglich darauf, dass sie "Möglichkeiten" durchgerechnet habe. Diese Leistungsdarstellungen sind nach meinem Geschmack außerordentlich undurchsichtig.

mm: Dem Kunden stehen nach 35 Jahren garantiert 42.000 Euro zu. Die kann er sich auszahlen lassen oder alternativ die lebenslange Monatsrente von 137 Euro wählen. Laufen die Fonds gut, können Garantiekapital und garantierte Rente höher ausfallen. "Können" wohlgemerkt - die Ergo verspricht da nichts. Was ist daran intransparent?

Kleinlein: Die Mechanismen nach denen die Ergo die möglicherweise höheren Leistungen kalkuliert, sind für den normalen Verbraucher nicht nachvollziehbar. Da ist die Rede, dass das Fondsguthaben und zusätzlich auch das Rückversicherungsinvestment zur Auszahlung kämen. Dass letzteres aber bei einer guten Fondsentwicklung wertlos wird, das wird nicht deutlich. Das Rückversicherungsinvestment kommt ja eigentlich nur dann zum Tragen, wenn am Schluss lediglich die garantierte Leistung zur Auszahlung kommt.

mm: Wie schätzen Sie die Höhe der garantierten Leistung im Beispielfall ein?

Kleinlein: Wir sollten zunächst mal festhalten, dass die garantierte Leistung nur an einem einzigen Tag, nämlich dem vereinbarten Tag des Renteneintritts besteht. Das macht das Produkt aus meiner Sicht im Gegensatz zur Werbebotschaft im hohen Maße unflexibel. Wählt der Kunde davon abweichend einen früheren oder späteren Renteneintrittstermin, steht ihm ausschließlich das aktuelle Fondsguthaben zur Verfügung …

mm: … was zu diesem Zeitpunkt höher sein kann als die bis dato gezahlten Beiträge …

Kleinlein: … oder niedriger, womit dann auch die Rente geringer ausfiele. Auch wenn der Kunde vorzeitig kündigt, steht immer nur das aktuelle Guthaben zur Verfügung. Garantien gibt es da keine.

"Überschussrente im Vergleich eine mittlere Katastrophe"

mm: Sie haben auch andere Produkte durchgerechnet. Wie schlägt sich die neue Ergo-Rente im Vergleich?

Kleinlein: Bezogen auf den Beispielfall fällt die Garantierente der Ergo leicht höher aus als bei vergleichbaren aktuellen fondsgebundenen Angeboten. Sie liegt aber spürbar niedriger als bei klassischen Garantieprodukten.

mm: Der Ergo-Rentner kann aber an Überschüssen partizipieren.

Kleinlein: Das ist richtig, aber eben nur der Rentner, nicht der Sparer. Im Gegensatz zur Ansparphase gewährt die Ergo in der Rentenbezugsphase eine mögliche Überschussbeteiligung. Beziehen wir derzeit realistische Überschüsse und eine positive Fondsentwicklung in die Rechnung ein, fiele die Ergo-Rente dennoch sogar geringer aus als bei vergleichbaren Fondsprodukten. Die garantierte Rente kann sich sehen lassen, die Überschussrente ist im Vergleich aber eher eine mittlere Katastrophe. Die Chance auf eine hohe Rente bei gutem Kapitalmarkt ist schlicht geringer.

mm: Sie sprechen von einer "mittleren Katastrophe". Die Ergo beruft sich darauf, dass ihre Hochrechnungsmethode realitätsnäher und damit fairer ist als die der Wettbewerber. Was ist schlecht daran?

Kleinlein: An erster Stelle kritisiere ich, dass diese Methode intransparent ist. Selbst als Experte kann ich aus den Unterlagen nicht erkennen, was hier gerechnet wird und welche Parameter die Ergo hier voraussetzt. Solange diese Parameter aber nicht bekannt sind, kann ich nicht bewerten, ob die Ergo mit realistischen Annahmen rechnet oder aber geschönte Zahlen zu Grunde legt. Das ist besonders wichtig, wenn es um die tatsächlichen Kosten der Garantieabsicherung geht.

mm: Sie erwähnten es bereits. Laut Ergo soll ein Rückversicherungsguthaben notfalls die Lücke zum garantierten Vertragsguthaben auffüllen, wenn's am Kapitalmarkt schlecht läuft. Was halten Sie von dieser Konstruktion?

Kleinlein: Zunächst wundere ich mich über die beteiligte Rückversicherung. Die Ergo Leben verweist gerne darauf, dass sie eine Tochter der Munic Re ist. Es wäre dann eigentlich anzunehmen, dass der weltgrößte Rückversicherer auch Partner bei der "Ergo Rente Garantie" ist. Tatsächlich ist es aber die eher mittelgroße New Reinsurance Company Ltd. in der Schweiz. Das wird dem Kunden nicht vermittelt und auch nicht, warum gerade diese Gesellschaft als Partner gewählt wurde. Selbst im Geschäftsbericht wird die Gesellschaft nicht mal erwähnt.

mm: Dafür aber in den Informationen zur Kapitalanlage. Besagte Firma ist eine 100-Prozent-Tochter der Munic Re. Der Rückversicherungsvertrag mit der Ergo datiert auf den 3. Juni dieses Jahres.

Rückversicherung - wiegt Ergo die Kunden in falscher Sicherheit?

Kleinlein: Das mag ja sein, transparent ist das aber nicht. Die Frage, warum gerade diese Gesellschaft gewählt wurde, bleibt bestehen.

mm: Und was vermuten Sie?

Kleinlein: Sie wurde wohl ausgewählt, da sie Expertise bei "Variable Annuities" haben soll, so genannten veränderlichen Renten. Diese sind wegen ihrer dahinterliegenden, kaum durchschaubaren Absicherungsinstrumente höchst umstritten. Deshalb ist der Vertrieb dieser Renten in Deutschland bislang auch nur über ausländische Töchter hiesiger Unternehmen erlaubt.

mm: Ergo-Leben-Vorstand Lörper behauptet, dass "Variable Annuities" eben nicht die Blaupause der neuen Ergo-Rente gewesen sein sollen. Ein wesentlicher Unterschied sei der Marktwert der Garantieprämie, der dem Vertragsguthaben des Kunden zum Teil zugerechnet werde.

Kleinlein: Die Abgrenzung ist keineswegs so eindeutig. Es wird suggeriert, dass beim Rückversicherer Lösungen "gekauft" werden, die dann im Falle einer Auflösung auch wieder "verkauft" werden könnten - als würde also über die Rückversicherungslösung ein frei handelbares Investment getätigt. Tatsächlich ist es aber nicht möglich nachzuvollziehen, was die Ergo beim Rückversicherer "kauft" und wie der Gegenwert dessen ermittelt wird. Ergo bleibt intransparent, was diese "Rückversicherungsanlage" tatsächlich wert ist. In den Allgemeinen Versicherungsbedingungen findet sich nur der sybillinische Hinweis, dass diese Berechnung "aufgrund einer im Rückversicherungsvertrag vereinbarten finanz- und versicherungsmathematischen Methode" erfolgt..

mm: Auf welche Ungereimtheiten sind Sie im Kleingedruckten noch gestoßen?

Kleinlein: In eben diesen Bedingungen ist festgelegt, dass unter bestimmten Umständen die Rückversicherungslösung auch geändert werden kann. Insbesondere soll dies möglich sein, wenn "nicht voraussehbare Veränderungen am Kapitalmarkt" vorliegen. Das ist so schwammig definiert, dass sich damit nahezu jederzeit eine veränderte Rückversicherungslösung begründen lässt.

mm: Gesetzt den Fall, der Rückversicherungspartner der Ergo will den Vertrag nicht fortsetzen oder es findet sich dafür kein neuer Partner. Ist die Garantieabsicherung für den Kunden dann hinfällig?

"Schwache Renditeerwartung, intransparente Garantiekonstruktion"

Kleinlein: Gute Frage. Die Antwort ist, ich weiß es nicht. Es ist nämlich nicht geregelt, was dann passiert. In den Bedingungen findet sich nur der Hinweis, dass die Ergo dann selbst die Rückversicherungslösung "durch eine andere Kapitalanlage zur Sicherstellung der garantierten Versicherungsleistungen ersetzen" will. Wie sie das in dem derzeit schwierigen Marktumfeld schaffen will, sollte sie ihren Kunden mal erklären. Es ist also völlig offen, was passieren soll, wenn es Probleme mit der Rückversicherungslösung gibt. Und die Erfahrung mit "Variable Annuities" lehrt uns, dass es in bestimmten Kapitalmarktlagen ernsthafte Probleme geben kann.

mm: Man sollte doch annehmen, dass notfalls der Mutterkonzern Munic Re oder auch der Branchensicherungsfonds Protektor bereitstehen.

Kleinlein: Vertragspartner ist zunächst mal der Schweizer Rückversicherer. Ob die Munic Re für die Verpflichtungen dieser Rückversicherungstochter einspringen muss, ist unklar. Ob der Protektor für die Garantien geradesteht, ist zweifelhaft. Das behauptet die Ergo zwar. Der Protektor steht meines Wissens aber nicht für Absicherungen zur Verfügung, wie sie durch die Rückversicherungslösung dargestellt werden. Die Versicherungsurkunde selbst ist hier nicht eindeutig, da ja kein direkter Vertrag zwischen dem Versicherungsnehmer und dem Rückversicherer besteht.

mm: Ein Wort zu den Kosten. Die Ergo betont, sie weise tatsächlich alle Kosten aus. Sind sie auch angemessen und fair?

Kleinlein: Das Bild stellt sich uneinheitlich dar. Bei Abschluss- und Verwaltungskosten bewegt sich die Ergo auf durchschnittlichem Niveau. Zusätzliche Kosten auf das Kapital in Höhe von 0,84 Prozent im Jahr halte ich dagegen für sehr hoch. In der Rentenphase wiederum mindern die Kosten die Rente lediglich um 1,25 Prozent, was im Vergleich eher günstig ist. Auch die Kalkulation der Rente nach einer unternehmenseigenen Sterbetafel fällt für den Kunden günstiger aus, weil sie anscheinend von einer etwas niedrigeren Lebenserwartung ausgeht als es die Tafel der Deutschen Aktuarvereinigung unterstellt. Das ist fair und bessert die Ergo-Rente zumindest optisch auf.

mm: Na, immerhin.

Kleinlein: Das muss man der Ergo zugestehen. Bei Kosten und Kalkulation hebt sich ihre neue Rente im Rentenbezug von so manch konkurrierendem Produkt deutlich positiv ab. Unter dem Strich bleiben dennoch eine insgesamt schwache Renditeerwartung und eine intransparente Garantiekonstruktion, die viele Fragen offen lässt.

mm: "Versichern heißt verstehen", wirbt die Ergo.

Kleinlein: Das Versprechen löst sie mit der neuen Rente nicht ein. Ich glaube, die meisten Vermittler werden da in arge Erklärungsnot kommen. Der eine oder andere wird sich nach Alternativen für seine Kunden umgucken müssen.

mm: Andere Anbieter dürften der Ergo mit ähnlich abgespeckten oder zeitlich begrenzten Garantien folgen. Werden sich diese neuen Produkte durchsetzen?

Kleinlein: Darüber wird letztlich der Kunde entscheiden, ich selbst habe da starke Zweifel. Für so manchen Anbieter ist es jedenfalls die letzte Chance, das Geschäftsmodell irgendwie noch über die Zeit zu retten.