Rente im Test Die Tücken der neuen Allianz-Police

Die Allianz bietet eine neue Rentenpolice an. Exklusiv für manager magazin online hat Versicherungsexperte Axel Kleinlein das Angebot namens "Perspektive" analysiert. Im Interview sagt er, warum damit nicht nur der Kunde, sondern auch die Allianz ein Risiko eingeht.
Überraschungen nicht ausgeschlossen: Wird die "Perspektive"-Rente der Allianz fällig, werden die Karten völlig neu gemischt

Überraschungen nicht ausgeschlossen: Wird die "Perspektive"-Rente der Allianz fällig, werden die Karten völlig neu gemischt

Foto: DPA

Hamburg - Nach dem Versicherer Ergo ist auch die Allianz mit einer neuen Rentenpolice am Start. Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden Newcomer stark: Die Allianz stellt mit ihrem Angebot "Perspektive" ebenso auf die Garantie der eingezahlten Beiträge der Versicherten und eine garantierte Mindestrente ab, wie auch die Ergo. Doch tatsächlich sind die Unterschiede erheblich.

  • Das Ergo-Produkt stellt in der Ansparphase eine fondsgebundene Police dar, verfügt aber über eine spezielle Rückversicherungslösung, die die Garantie sicherstellen soll.
  • Die Allianz Leben investiert die Kundengelder dagegen eher konservativ über das klassische Sicherungskapital. Die Allianz-"Perspektive" ist damit eine herkömmliche Lebensversicherung und verzichtet entgegen vielfacher Annahme nicht auf einen Garantiezins.

Wir haben für Sie prüfen lassen, wie gut das neue Allianz-Produkt ist und welche Tücken in der Rentenpolice der Allianz stecken. Exklusiv für manager magazin online hat das Axel Kleinlein übernommen, Versicherungsmathematiker und ehemaliger Vorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV). Sein Urteil: Die Garantiezinskonstruktion dieser Police hat es in sich und dürfte potentielle Kunden verwirren. Auch die Überschussbeteiligung sieht Kleinlein kritisch. Denn für eine mögliche, höhere Rente steht sie im schlimmsten Fall nicht zur Verfügung, sagt der Experte. Lesen Sie im folgenden Interview, was das neue Allianz-Angebot "Perspektive" seiner Meinung nach auszeichnet.

mm: Herr Kleinlein, nach der Ergo ist auch die Allianz mit einer neuen Lebensversicherung auf dem Markt. In der Konzernpräsentation findet sich so manches Versprechen, aber keines zu einem garantierten Zins. Verzichtet die Allianz nun auf den Garantiezins in der Ansparphase?

Kleinlein: Nein, eben nicht. Dass Medien hier anders berichten, darf aber nicht überraschen. Das Produkt "Perspektive" entpuppt sich als höchst kompliziert. Um nachzuvollziehen, was die Allianz da überhaupt kreiert hat, brauchte es sehr viel Rechercheaufwand im Kleingedruckten und vieler Nachfragen bei den Mathematikern der Allianz. Transparenz sieht anders aus.

mm: Können oder wollen die Produktmacher Transparenz nicht?

Kleinlein: Können schon. Aber vermutlich dürfen sie aus strategischer Sicht die neuen Produkte auch nicht allzu verständlich gestalten. Denn faktisch wollen sich die meisten Anbieter doch am liebsten von ihren lebenslangen Zinsversprechen lösen, müssen vordergründig aber weiter das hohe Lied der Garantie singen, weil die Kunden sie einfordern. Durchschauten die Versicherten genau, wie da Zusagen aufgeweicht oder abgesichert werden, würden sie womöglich die neuen Produkte nicht kaufen.

mm: Wenn die Allianz beim neuen Produkt am Garantiezins festhält, wie Sie sagen, hätte sie das doch geschickt kommunizieren können.

Kleinlein: Das hätte sie, mit rund 0,6 Prozent Rechnungszins wird aber kein Anbieter Jubelstürme ernten. Also kommuniziert man das lieber erst gar nicht.

mm: 0,6 Prozent? Üblich sind doch 1,75 Prozent.

Kleinlein: Üblich, aber nicht verpflichtend. Die Unternehmen dürfen derzeit höchstens 1,75 Prozent geben, drunter gehen dürfen sie aber immer. Die Allianz gewährt auch bei der neuen Police zunächst 1,75 Prozent Garantiezins, senkt diesen dann aber ab, sobald der Erhalt der bis dahin eingezahlten Beiträge gesichert ist. Von diesem Zeitpunkt an sind es bis zum Ende der Ansparphase nur noch etwa 0,6 Prozent.

Der Trick mit dem Garantiezins

mm: Kann der Kunde erblicken, welchen Durchschnittszins er in der Ansparphase erhält?

Kleinlein: Nein, das ist selbst Experten kaum möglich. Die Probleme beginnen ja bereits, wenn der Kunde wissen will, ob er für seinen Vertrag überhaupt einen Garantiezins erhält. Notwendige Informationen dafür findet er nur über Umwege. Dort, wo man sie in den Vertragsunterlagen vermutet, fehlen sie. Da muss man schon neugierig sein, was die Bezugsgrößen der Überschussbeteiligung sind oder nach welchem Verfahren die Rückkaufswerte errechnet werden, um die Informationen über die Berechnung des Deckungskapitals zu bekommen, woraus man letztlich die Regeln zum Rechungszins herleiten könnte.

mm: Kein Kunde wird sich auf die Irrfahrt durchs Kleingedruckte begeben. Gibt es eine Faustregel, die Sie aus Ihrer Analyse für den Durchschnittszins formulieren können?

Kleinlein: Er liegt auf jeden Fall niedriger als 1,75 Prozent. Denn die Allianz kalkuliert von Beginn an für jedes Jahr 0,4 Prozent Kosten auf das Deckungskapital ein, womit das Garantieniveau niedriger ausfällt. Der Trick dabei: Arbeitet sie wirtschaftlicher als kalkuliert, darf sie davon die Hälfte einbehalten. Würde sie einfach sauber den Garantiezins senken, dürfte sie höchstens ein Zehntel einbehalten. Diese Art des Kostenansatzes ist besonders schädlich für den Kunden. Grundsätzlich lässt sich formulieren: Je länger die Ansparphase, je jünger also der Versicherte ist, desto geringer ist der durchschnittliche Garantiezins in der Ansparzeit.

mm: 1,35 Prozent wären nicht viel. Der "Perspektive"-Kunde soll aber von Überschüssen profitieren, die die spätere Garantierente erhöhen würden. Zudem sagt ihm die Allianz  für dieses Jahr eine 0,3 Prozent höhere Gesamtverzinsung zu als bei ihren klassischen Produkten.

Kleinlein: Das ist richtig, aktuell soll es für das neue Produkt 0,3 Prozent mehr geben. Wie die Überschüsse aber genau deklariert sind, das bleibt ein Geheimnis bis 2014, denn erst dann rückt die Allianz mit den genauen Angaben heraus. Ob die Zusatzverzinsung von 0,3 Prozent so bleibt, hängt zudem von der Unternehmenspolitik ab. Und anders als bei der Klassik-Police der Allianz kann es bei der neuen Policengeneration sein, dass aus der Überschussbeteiligung gerade keine zusätzliche Rente gebildet wird. Das entscheidet sich erst zu Rentenbeginn.

Der Trick mit der Überschussbeteiligung

mm: In der Ansparphase angesammelte Überschüsse sind also kein Garant für eine zusätzliche, höhere Rente?

Kleinlein: Genau. Bei einer normalen Rentenpolice wird aus den Überschüssen eine Zusatzrente gebildet, denn die garantierte Rente ist durch die Vertragsgestaltung sicher ausfinanziert. Anders bei der "Perspektive": Es kann gut sein, dass der Garantieverlauf des Vertrages nicht ausreicht, um zu Rentenbeginn mit den dann gültigen Rechnungsgrundlagen die Garantierente darzustellen. In diesem Fall würde die Allianz dann einen Teil der angesammelten Überschüsse dafür verwenden. Anders als bei bisherigen Angeboten würden also die angesparten Überschüsse gefleddert, um etwaige Fehlkalkulationen auszugleichen.

mm: Können Sie das mit einem Beispiel deutlicher machen?

Kleinlein: Nehmen wir an, der Kunde zahlt 30 Jahre lang jeden Monat 100 Euro ein und bekommt eine Monatsrente von 120 Euro garantiert. Zusätzlich zu den 36.000 Euro aus dem Garantieverlauf hat er aus der Überschussbeteiligung weitere 23.000 Euro angespart. Hat die Allianz zwischenzeitlich für Sofortrenten den Garantiezins gesenkt und eine ungünstigere Sterbetafel konstruiert, dann reichen auf einmal die 36.000 Euro nicht mehr aus, um die lebenslange Garantierente auszufinanzieren. Benötigte die Allianz stattdessen 50.000 Euro, dann entnimmt sie aus den Überschüssen die fehlenden 14.000 Euro. Für die Überschussrente verblieben nur noch 9000 Euro. Unterm Strich wäre die Rente dann also spürbar niedriger als nach dem bisherigen System, bei dem die vollen 23.000 Euro für eine Überschussrente verwendet würden. Vielleicht gibt es noch ein paar Euro Schlussüberschüsse oder eine Beteiligung aus den Bewertungsreserven, aber auch da bleibt nur das Prinzip Hoffnung.

mm: Das heißt, mit Rentenbeginn werden die Karten völlig neu gemischt?

Kleinlein: So ist es. Die entscheidende Sterbetafel für die Verrentung und den Rechnungszins zur Berechnung der Rente sind erst zu Rentenbeginn bekannt. Denn die Allianz orientiert sich dann an dem zu diesem Zeitpunkt gängigen Angebot und den dort verwendeten Rechnungsgrundlagen. Unklar ist aber, was passiert, wenn die Allianz dann mehrere unterschiedliche Angebote an Sofortrenten hat. Bekommt der "Perspektive"-Kunde die für ihn günstigeren Rechnungsgrundlagen? Oder wählt die Allianz einfach die für das Unternehmen lukrativeren Rechnungsgrundlagen? Für die Höhe der Rente ist das nicht unerheblich. Wer die "Perspektive" abschließt, geht eine Wette darauf ein, welche Rechnungsgrundlagen die Allianz zu Rentenbeginn ansetzt.

mm: Nehmen wir mal an, der Garantiezins hat allen Unkrenrufen zum Trotz in 15 Jahren noch Bestand und er läge dann sogar deutlich höher als jetzt. Was bedeutete dies?

Kleinlein: Die Allianz müsste sich dann sehr genau überlegen, ob sie die Garantiezinsen für alle Neuerverträge raufsetzt, was sie dann laut Versicherungsbedingungen auch für die alten, noch in der Ansparphase befindlichen "Perspektiven"-Verträge tun müsste. Wäre dem so, und wird dann die Rente für diese Verträge fällig, müsste die Allianz massive Zinszusatzlasten stemmen, da die Perspektiven-Policen zuvor ja mit einem deutlich niedrigeren Zinssatz geführt wurden. Die Allianz setzt sich mit der neuen Produktgeneration also einer nicht zu unterschätzenden Zinsfalle in der Zukunft aus.

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