Münchener Rück Erste Enttäuschung seit langer Zeit

Operativ läuft es für die Münchener Rück deutlich schlechter als gedacht. Der Gewinn bricht ein, die Aktie taumelt. Die Investoren sind verschreckt, Analysten skeptisch und der Konzernchef etwas kratzbürstig. Die Perspektiven sind auch nicht wirklich rosig.
Nikolaus von Bomhard: Der Munich-Re-Chef spricht von einem "sehr zufriedenstellenden" Ergebnis, Analysten und Investoren sehen das anders

Nikolaus von Bomhard: Der Munich-Re-Chef spricht von einem "sehr zufriedenstellenden" Ergebnis, Analysten und Investoren sehen das anders

Foto: DPA

Hamburg - Oft wird die Münchener Rück mit dem berüchtigten Fels in der Brandung verglichen, der Stürmen und einem niedrigen Kapitalmarktumfeld trotzt. Nach einem ungewöhnlich schadensarmen ersten Quartal zeigt aber auch der weltgrößte Rückversicherer deutliche Spuren des Abriebs. Die Investoren reagierten am Dienstag enttäuscht, schickten die Aktie auf Talfahrt.

Anders als Nikolaus von Bomhard interpretierten sie und einzelne Analysten das Ergebnis eben nicht als "sehr zufriedenstellend", wie der Konzernchef meinte. "Das ist die erste Enttäuschung seit längerer Zeit", betonte ein Marktteilnehmer. Fast ein wenig kratzbürstig kommentierte von Bomhard die Kursverluste von mehr als 5 Prozent in der Spitze: "Das interessiert uns eigentlich nicht, so lange es nicht dabei bleibt." An der Prognose von "annähernd" drei Milliarden Euro Gewinn in diesem Jahr hält das Management fest. Im Vorjahr waren es 3,2 Milliarden Euro.

"Das zweite Quartal 2013 hat die Markterwartungen verfehlt", sagte LBBW-Analyst Werner Schirmer. Die Gründe dafür sieht er vor allem in dem schwächeren Investmentergebnis und der hohen Schadenslast der Rückversicherungssparte im zweiten Quartal.

Für Großschäden musste die Munich Re im zweiten Quartal mit 605 Millionen Euro geradestehen, gut ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Von Menschen verursachte Großschäden machten dabei 160 Millionen Euro aus. Am teuersten kam den Konzern die Juni-Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa mit 230 Millionen Euro, die Erstversicherungstochter Ergo wird davon 50 Millionen Euro tragen.

Operatives Ergebnis fast halbiert, Lebensversicherung belastet

Angesichts eines schadensarmen ersten Quartals konnte die Munich Re im zweiten Quartal Rückstellungen für 150 Millionen Euro auflösen. Ein nicht zu unterschätzender Treiber für das Ergebnis der Schaden- und Unfallrückversicherung, möchte man meinen. Das letzteres mit 296 Millionen Euro dennoch gut 210 Millionen Euro unter dem Konsens lag, bezeichnete Schirmer als enttäuschend.

Das Konzernergebnis sank um mehr als ein Drittel auf 529 Millionen Euro und lag damit ebenfalls unter den Markterwartungen (561 Millionen). Dabei profitierte die Münchener Rück noch von Steuereffekten. Das operative Ergebnis hat sich mit 594 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr (1,1 Milliarden) fast halbiert. Hier schlug auch zu Buche, dass der Konzern rund 550 Millionen Euro auf Abschreibungen von Währungs- und Inflationsabsicherungen und Verkäufe von Finanzinstrumenten zu verkraften hatte, wie Finanzchef Jörg Schneider während der Pressekonferenz betonte.

Neben den höheren Schadenszahlungen haben nach Einschätzung von Merck-Finck-Analyst Robert Greil ein merklicher Preisdruck im Rückversicherungsgeschäft und in der Erstversicherung niedrigere Lebensversicherungsbeiträge das Ergebnis stärker als erwartet belastet.

Operativ lieferte die Erstversicherung 187 Millionen Euro und damit rund 100 Millionen Euro weniger ab als im Vorjahreszeitraum. Das schwache Abschneiden geht vor allem auf die Lebensversicherung zurück. Hier lag das Ergebnis mit neun Millionen Euro weit unter den Erwartungen (65 Millionen), wie Analyst Schirmer betonte. Das Beitragsaufkommen in der Lebensversicherung brach im ersten Halbjahr um 17 Prozent ein, in Deutschland gar um 20 Prozent.

Zinsumfeld setzt Munich Re zu - Rückversicherungspreise unter Druck

Die Ergo zählt zu den schwächeren Anbietern und war zuletzt unter anderem durch falsche Abrechnungen von Riester-Policen in die Schlagzeilen geraten. Es verwunderte daher nicht, dass Erstversicherungschef Thorsten Oletzky am Dienstag viel Zeit dafür verwendete, erneut die Vorzüge der neuen Lebensversicherung zu loben. Seit sechs Wochen ist die fondsbasierte Police ohne Garantiezins auf dem Markt. Der Absatz gestaltet sich zäh. Trotz massiver Werbung und viel Vertriebspower liegen bislang nur 2000 Anträge vor. Dabei setzt die Ergo auf das nicht unumstrittene Police große Hoffnungen. In drei Jahren sollen bis zu 80 Prozent der verkauften Ergo-Lebensversicherungen die abgespeckte Garantie tragen.

Das anhaltend schwache Zinsumfeld setzt aber nicht nur der Lebensversicherung zu. Das Kapitalanlageergebnis der Munich Re rutschte um 14 Prozent auf rund 1,56 Milliarden Euro ab. Die großteils festverzinslichen Papiere warfen nur 2,8 Prozent (Halbjahr: 3,2) Rendite ab. Bis zum Jahresende dürfte sie auf 3,3 Prozent (2012: 3,9) fallen, prognostizierte der Konzern. "Der Druck auf das Lebengeschäft und auf das Anlageergebnis dürfte kaum nachlassen", betonte Merck-Finck Analyst Greil, der die Munich-Re-Aktie derzeit eher meiden würde.

Die Munich Re hätte mehr Bewertungsreserven heben und damit ihr das Investmentergebnis aufmöbeln können. "Dieser Versuchung haben wir aber ganz bewusst widerstanden", betonte von Bomhard. Bei einer Wiederanlagerendite von 2,3 Prozent im Schnitt des ersten Halbjahrs darf dies auch nicht verwundern. Die "Gefahren infolge eines anhaltend fordernden wirtschaftlichen Umfelds" blieben beträchtlich, sagte Finanzvorstand Jörg Schneider. Die Munich Re werde ihre risikoarme Anlagepolitik fortsetzen und die Laufzeiten des Bondportfolios streng an den Verpflichtungen ausrichten, versicherte der Finanzchef.

Rückversicherung: Neue Player drücken die Preise

Spannend dürfte für den Konzern die Vertragserneuerungsrunde mit den Erstversicherern zum Januar 2014 werden. Bereits in der jüngsten Runde zum 1. Juli sprach das Management von "teilweise erheblichem Wettbewerbsdruck" im Naturkatastrophengeschäft. So stellten alternative Rückversicherer - vornehmlich wohl Hedge- und Pensionsfonds - vermehrt Kapital zur Verfügung, um dem "Anlagenotstand" zu entrinnen und auf diese Weise noch ein paar Renditepunkte mehr einzufahren, wie Vorstand Thorsten Jeworrek meinte.

Neben dem ohnehin bestehenden höheren Angebot setzt das die Preise für Rückversicherungsschutz zusätzlich unter Druck. So musste die Munich Re in der Juli-Runde einen Preisrückgang von 0,9 Prozent hinnehmen. Das Volumen hielt der weltgrößte Rückversicherer mit 2,2 Milliarden Euro stabil. "In diesem Umfeld sollte man besser auch nicht wachsen", betonte Jeworrek.

Angesichts eines tendenziell wachsenden Angebots in diesem Bereich dürften die Prämien unter Druck bleiben, zeigte sich auch Analyst Greil skeptisch für die nächste Preisrunde zum Januar. Das Kerngeschäft wird also schwieriger werden für den weltgrößten Rückversicherer.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.