Dienstag, 7. April 2020

Eine Branche vor dem Offenbarungseid Lebensversicherer-Pleiten kaum noch abzuwenden

In den kommenden zwei Jahren werden weitere Pensionskassen in die Knie gehen, viele Lebensversicherer ihre Bestände schließen oder insgesamt ihre Kundinnen und Kunden mit den Verträgen verkaufen. Manche Lebensversicherer dürften das Jahr 2021 nicht mehr überleben, glaubt BdV-Chef Axel Kleinlein
Uwe Zucchi/ DPA
In den kommenden zwei Jahren werden weitere Pensionskassen in die Knie gehen, viele Lebensversicherer ihre Bestände schließen oder insgesamt ihre Kundinnen und Kunden mit den Verträgen verkaufen. Manche Lebensversicherer dürften das Jahr 2021 nicht mehr überleben, glaubt BdV-Chef Axel Kleinlein

Das Jahr 2019 hat die Lebensversicherungsbranche erneut schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen geworfen. Ein Aufrappeln ist nicht zu erwarten. Solange die Branche noch kriechen kann, besteht zwar noch Hoffnung. Aber das Jahr 2019 lässt mich für die Zukunft zweifeln, die Hoffnung schwindet. Die Bewegungsfähigkeit der Deutschen Lebensversicherungsbranche vergeht.

Axel Kleinlein
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Axel Kleinlein ist Versicherungs-Mathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Die Fürsprecher der Versicherungswirtschaft lullen Kunden, Politik und Medien mit vermeintlichen Erfolgsmeldungen ein. Diesen Erfolgsmeldungen sollte niemand ungeprüft Glauben schenken. Vielmehr muss jeder, der die Branche beobachtet, besorgt feststellen, wie es wirklich um die Lebensversicherung bestellt ist. Meine hier geäußerten Befürchtungen haben vor allem ein Ziel: Niemand soll bitte 2021 sagen, er oder sie hätte es nicht gewusst und keine Chance gehabt vorbereitet zu sein.

Das gerade endende Jahr brachte uns erste Eindrücke von dem, was kommen wird. Mit der Generali Deutschland wurden vier Millionen Verträge in den Run-Off geschickt - mit ungewisser Zukunft bei einem Investor, der mit den Verträgen primär eigene Rendite machen will. Das Kundenwohl einer erfolgreichen Altersvorsorge ist da nachrangig. Wir haben in 2019 auch die erste Pensionskasse pleitegehen sehen, die Aufsichtsbehörde führt jetzt die Geschäfte. Alles schlechte Vorzeichen.

Was mich aber als Erfahrung aus 2019 am meisten beunruhigt: Die Lebensversicherer und ihre Lobbyisten haben keinerlei Selbsteinsicht.

Wir sind in der katastrophalen Lage, weil die Versicherer unfähig waren, vernünftig zu rechnen. Über Jahrzehnte haben die Unternehmen mit sehr hohen Garantiezinsen kalkuliert - nur nach dem Prinzip Hoffnung. Worauf sich die Versicherungsmathematiker, die Aktuare stützten, als sie mit drei, dreieinhalb oder vier Prozent kalkulierten? "Das wird schon gut gehen", "Zinsen wird es schon immer geben" - mit solchen Sprüchen haben sich Aktuare in den 80ern und 90ern gegenseitig beschwichtigt. Und die Aufsichtsbehörde hat das immer wieder abgenickt.

Die Pensionskassen erwischt es als erste

Nur mit größter Anstrengungen ist es seit 2011 gelungen, mit immer neuen Gesetzen und Verordnungen den Versicherungsunternehmen bei diesen Kalkulationsfehlern zu helfen. Alleine die Änderungen der Zinszusatzreserve vor einem guten Jahr, hat etwa sechs Lebensversicherungsunternehmen vor der Insolvenz bewahrt. Aber die Branche hat es versäumt, das Jahr 2019 dazu zu nutzen, Maßnahmen zu ergreifen und die Kundinnen und Kunden auf bevorstehende Kürzungen von Garantien und auf Insolvenzen der Unternehmen vorzubereiten.

Dabei müssen die Versicherten sowieso schon seit Jahren herbe Einbußen hinnehmen.

Nicht nur, dass auf Grund schlechter Geschäftsergebnisse die Überschüsse fast flächendeckend entfallen. Auch Überschüsse, die im Rahmen der sogenannten Mindestzuführung bereits in die Sphäre der Kundinnen und Kunden überwiesen wurden, werden den Versicherten vorenthalten. Milliarden Euro, die eigentlich als Überschüsse eine gute Altersvorsorge bringen sollten, liegen in speziellen Reservetöpfen, um Eigenkapital und Eigenmittel zu ersetzen. Was kompliziert klingt, hat für Aktiengesellschaften eine fatale Folge: Die Dividenden an die Aktionäre fallen höher aus.

Viele Versicherer haben sich für die Aktionäre entschieden

Im Interessenskampf zwischen Aktionären und Versicherten haben sich die Versicherungsunternehmen für die Aktionäre entschieden. In 2020 werden wir vermutlich erneut Dividendenauszahlungen auf sehr hohem Niveau erleben, während Überschussbeteiligungen weiter sinken und noch mehr Überschussmittel zur Absicherung der Garantien missbraucht werden.

Zusammengefasst: In 2020 gehen noch mehr Pensionskassen in die Knie, viele Lebensversicherer werden Bestände schließen, in den Run-Off gehen oder insgesamt ihre Kundinnen und Kunden mit den Verträgen verkaufen. Es wird der Branche nicht gelingen, ernste Schieflagen abzuwenden, so dass 2021 dann das Jahr der Lebensversicherungspleiten werden wird. Und auch wird die Versicherungsbranche in 2020 unfähig sein, Fehler einzugestehen, aus Fehlern zu lernen und umzudenken.

Er wird nicht gelingen, ernste Schieflagen zu verhindern

Was für das nächste Jahr auch zu erwarten ist: Versicherungswirtschaft und die Politiker der GroKo werden den Provisionsdeckel vermutlich verhindern. Auch wenn sich der Zusammenbruch einiger Bereiche der Lebensversicherungsbranche abzeichnet, sollen anscheinend noch bis zum letzten Moment die hohen Provisionen an die Vermittler, v. a. Strukturvertriebe, ausgezahlt werden.

Es ist bedauerlich, dass es mal wieder ein Verbraucherschützer ist, der die unschönen Nachrichten überbringen muss. Leider ist die Branche selbst dazu anscheinend nicht fähig. Dabei geht es um eine entscheidende Frage der Zukunft: Wollen wir neben der gesetzlichen Rente auch kapitalgedeckte Vorsorge? Dabei sollte jetzt endgültig klar sein: Wenn wir auch weiterhin auf ein bisschen Kapitaldeckung setzen wollen, dann keinesfalls mit Lebensversicherungen, keinesfalls mit diesem legalen Betrug.

Diese Meinungsmache ist ein Auszug der "Neujahrsansprache" von BdV-Chef Axel Kleinlein. Das Video dazu finden Sie hier.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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