Sonntag, 5. April 2020

Lebensversicherung Garantiezins soll sinken - Riester-Rente droht das Aus

Neukunden von Lebensversicherungen müssen nach einer Empfehlung der Versicherungsmathematiker mit einem niedrigeren Garantiezins rechnen. Doch auch aktuelle Überschussbeteiligung dürften viele Anbieter senken.
Uwe Zucchi/ DPA
Neukunden von Lebensversicherungen müssen nach einer Empfehlung der Versicherungsmathematiker mit einem niedrigeren Garantiezins rechnen. Doch auch aktuelle Überschussbeteiligung dürften viele Anbieter senken.

Der Allianz Lebensversicherung hatte es bereits vor wenigen Tagen angekündigt: Kunden des Marktführers werden im kommenden Jahr eine geringere Verzinsung für ihr Erspartes erhalten. Die Überschussbeteiligung auf klassische Lebens- und Rentenpolicen mit lebenslangem Garantiezins werde um 0,3 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent sinken.

Von klassischen Policen haben sich die meisten Anbieter in der anhaltenden Niedrig- und Nullzinsphase bereits verabschiedet. Sie bieten statt dessen stark kapitalmarktorientierte Produkte oder sogenannte Hybride an. Hier ist dann oft nur noch der Erhalt der Beiträge oder eines (Groß)teils der eingezahlten Beiträge garantiert. Zugleich locken die Anbieter mit potenziell höheren Renditen dieser Produkte - garantiert sind diese Renditen selbstverständlich nicht.

Zu hoch sind die Rücklagen, die sie für garantierte Versprechen bilden müssen - Geld, das anderweitig besser verwendet werden könnte, begründen die Unternehmen ihre Entscheidung, keine klassischen Policen im Neugeschäft mehr anzubieten.

Der lebenslange Garantiezins wird zur Ausnahme

Neue Lebensversicherungskunden werden künftig wohl oder übel noch weniger bekommen, sie müssen sich auf einen niedrigeren Garantiezins einstellen. So will die Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), im Kern die Mathematiker der Versicherer, dem Bundesfinanzminister vorschlagen, den Höchstrechnungszins zum 1. Januar 2021 auf 0,5 Prozent festzusetzen. Der Minister muss der Empfehlung nicht folgen, tut dies aber in der Regel. Auch die dem Minister unterstellte Versicherungsaufsicht Bafin wird eine Empfehlung abgeben.

Der Garantiezins - auch Höchstrechnungszins genannt - liegt seit 2017 bei 0,9 Prozent. In guten Zeiten - sprich in Zeiten mit höheren Kapitalmarktzinsen - waren es bis zu 4 Prozent. Besitzer mit Altverträgen trifft die Anpassung nicht, sie genießen Bestandsschutz.

"Die Niedrigzinsen treffen alle Finanzprodukte - ob Fondssparer, Spareinlagen oder private Lebens- und Rentenversicherungen", sagt DAV-Chef Guido Bader. Im Vergleich zu manchen anderen Geldanlagen sei die Verzinsung des Altersvorsorgeklassikers aber immer noch gut.

Nur der Sparanteil wird verzinst

Gut ist relativ: Sicherlich schneiden herkömmliche Sparkonten oder Banksparpläne im Vergleich zu Lebensversicherungen schlechter ab. Allerdings ist zu beachten, dass nur der Sparanteil der eingezahlten Prämie nach Abzug der Kosten mit dem Garantiezins verzinst wird. Zwar haben die Unternehmen stark an ihrer Kostenstruktur gearbeitet in der Vergangenheit. Doch konnten Verwaltungs-, Abschluss- und andere Kosten in Extremfällen die Prämie in der Vergangenheit um bis zu 15 Prozent oder mehr mindern. Das heißt, von eingezahlten 100 Euro wurden nur 85 Euro verzinst.


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Der Höchstrechnungszins ist, wie der Name vermuten lässt, der höchste Zins, mit dem die Lebensversicherer ihre Policen anbieten dürfen. Sie können aber auch weniger zahlen. Damit will die Versicherungsaufsicht verhindern, dass sich die Unternehmen finanziell übernehmen. Sie sollen ihre Versprechen auch in Zukunft erfüllen können, dafür müssen sie unter anderem besagte Rücklagen bilden.

Riester-Rente mit Beitragserhalt könnte vom Markt verschwinden

Ein niedrigerer Garantiezins werde die Lebensversicherer nicht sonderlich entlasten, glaubt der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Der Chef des Bundes der Versicherten (BdV) geht aber davon aus, dass damit das endgültige Ende klassischer Garantieprodukte immer näher rückt.

Zugleich erwartet Kleinlein, dass sich die Lebensversicherer bei einem weiter sinkenden Garantiezins noch stärker aus dem Geschäft mit der staatlich geförderten Riester-Rente zurückziehen werden, für die sie den Erhalt der eingezahlten Beiträge und staatlichen Zulagen garantieren müssen.

Denn mit einem deutlich abgesenkten Garantiezins auf den Sparanteil wird es für einen Lebensversicherer immer schwieriger, die zum Vertragsende eingezahlten Beiträge zu verdienen. Es sei denn, er senkt die Kosten noch weiter, um die Lücke zwischen Sparanteil und voller Prämie zu schließen. Für den Kunden jedenfalls, ist Kleinlein überzeugt, bedeute eine weitere Garantiezinssenkung im Ergebnis "noch weniger Leistung für das gleiche Geld".

Gesamtverzinsung im Markt dürfte wohl weiter sinken

Zusätzlich zum Garantiezins zahlen die Anbieter in der Regel noch eine Überschussbeteiligung, über die die Anbieter jedes Jahr je nach Wirtschaftslage neu entscheiden. Zusammen mit dem Garantiezins und einem Schlussüberschuss und der Beteiligung an den Bewertungsreserven - die allerdings nicht garantiert sind - bilden diese Komponenten zusammen die oft kolportierte Gesamtverzinsung einer Police.

Hier lässt der Vorstoß des Markführers Allianz wenig Erfreuliches ahnen: Denn in der Regel ziehen die Wettbewerber nach. Auch die Alte Leipziger und die Nürnberger Leben haben gesenkt. Andere wie Axa und die Ideal Lebensversicherung wiederum halten sie stabil, liegen aber teils ohnehin unter dem Niveau der Allianz.

Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Experten gehen davon aus, dass das niedrige Zinsniveau für lange Zeit anhalten wird.

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