Fondspolicen viel zu teuer "Kampfansage" an die Lebensversicherer

Kunden mögen Garantien, Lebensversicherer nicht. Sie setzen deshalb auf fondsgebundene Policen - oft zu teuer und die Kosten zu intransparent, kritisiert die Finanzaufsicht. Wissenschaftler Hermann Weinmann sieht darin eine "Kampfansage". Ein Gespräch über Kickbacks, überforderte Kunden und gefällige Aktuare.

Das Interview führte Lutz Reiche
Oft zu teuer für eine gute Rendite: Lebensversicherer sehen in der Fondspolice die Zukunft, doch jetzt meldet die Bafin Zweifel an

Oft zu teuer für eine gute Rendite: Lebensversicherer sehen in der Fondspolice die Zukunft, doch jetzt meldet die Bafin Zweifel an

Foto: Uwe Zucchi / picture alliance / dpa

manager magazin: Herr Weinmann, die Bafin hat die Kosten von fondsgebundenen Lebensversicherungen untersucht und im Kern für zu teuer befunden. Die hohen Kosten dieser Produkte stehen schon länger in der Kritik, Sie halten das Ergebnis der Studie für gleichwohl für einen "Hammer". Warum?

Hermann Weinmann: Das beginnt schon mit der Überschrift zur Studie: "Wenn Lebensversicherungen zu viel kosten" . Viele Güter und Dienstleistungen kosten viel. Insbesondere zählt Luxus dazu. "Zu viel" hat aber eine andere Wertigkeit und ist der Hinweis auf einen Missstand. Die Wortwahl scheint bewusst gewählt und ist eine deutliche Kampfansage an die Branche.

Die Finanzaufsicht galt bislang nicht gerade als ausgewiesener Kritiker der Versicherer. Sehen Sie jetzt einen Imageschaden für das Produkt?

Wer außerhalb der Fachwelt beschäftigt sich schon intensiv mit Aussagen der Bafin, könnte man jetzt ungerührt antworten. Und mit Blick auf den Imageschaden fällt mir ad hoc ein: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Foto: PR / honorarfrei

Hermann Weinmann arbeitet auch nach Beendigung seiner Lehrtätigkeit als Professor am Institut für Finanzwirtschaft der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, dessen "Co-Leitung" er innehat. Er konzentriert sich auf die Lebensversicherung, die private Finanzplanung mit Investmentfonds-Anlagen sowie die Kapitalanlage institutioneller Anleger. Einmal im Jahr gibt Weinmann je eine Studie zu den 12 größten Lebensversicherern und 12 größten Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit heraus.

Was wollen Sie damit sagen?

Es gibt viele Vorwürfe gegen die Lebensversicherung, aber betrachtet man die Geschäftsentwicklung im Zeitablauf, dann können wir nicht erkennen, dass diese das Geschäft nennenswert beeinträchtigen und die Kunden sich abwenden. Und das mag auch der Grund sein, dass zu dubiosen Praktiken wie überhöhten Kosten gegriffen wird. Dabei scheinen einige Branchenvertreter und die Lobby aber einen Punkt zu übersehen oder wollen es nicht wahrhaben: Der Geschäftserfolg könnte deutlich größer sein, wenn Image und Reputation in der Öffentlichkeit zukünftig auf einen Stand gebracht würden, wie es sich für eine systemrelevante Anbieterbranche von Produkten der Daseinsvorsorge gehört.

Was vor allem unterscheidet die fondsgebundene von der klassischen Lebensversicherung?

In beiden Fällen handelt es sich um eine steuerbegünstigte Kapitalanlage, verpackt in einen Versicherungsmantel, der auch Risiken wie unter anderem den Todesfall abdeckt oder abdecken kann. Der Unterschied liegt in der Organisation des Spar- und Entspargeschäfts, das sich dann in den Kapitalanlagen niederschlägt. Die klassische Lebensversicherung basiert auf Garantien der Versicherer und legt die Sparbeiträge in eigener Verantwortung an, wegen der Garantieverpflichtungen zumeist vergleichsweise risikoarm. Auch die Steuerung des Rentenbezugs, der zu einem Entsparen führt, bleibt im Unternehmen.

Und die fondsgebundene Variante?

Reine fondsgebundene Lebensversicherungen übertragen das Spargeschäft in der Regel auf externe Kapitalverwaltungsgesellschaften, die Investmentfonds auflegen. Das birgt mehr Risiken für den Versicherten, aber auch die Chance auf mehr Rendite. Das damit verbundene Entspargeschäft, also die Verrentung des Vertrags, bleibt aber bei der Lebensversicherung. Und deshalb ist auch die Kapitalanlage des Lebensversicherers bei Fondspolicen von großer Bedeutung. Mischformen mit Investmentfonds und Kapitalanlage der Versicherer sind möglich.

Die Bafin hat die Effektivkosten der meistverkauften Fondspolicen abgefragt. Sie geben an, wie stark die Kosten die jährliche Rendite des Produkts mindern. Im Mittel gewichtete Kosten zwischen 1,1 und 2,7 Prozent pro Jahr hören sich für den Laien nicht dramatisch an. Wann ist für Sie eine Police teuer oder zu teuer?

"Wenn Jahr für Jahr bis zu 25 Prozent der Beiträge für Kosten anfallen, dann ist das diskussionswürdig"

Was die Studie zeigt: Je kürzer die Ansparphase ist, desto höher ist in der Regel die Kostenbelastung eines Vertrags und somit auch die sogenannten Effektivkosten. Ob eine Police teuer oder zu teuer ist, zeigt sich besser anhand der ausgewiesenen absoluten Euro-Beträge, die nach der Informationsverordnung ebenfalls dem Kunden offengelegt werden müssen. Auch ist zu beachten, dass die abgefragten Effektivkosten auf einer Kalkulation beruhen.

Entscheidend für den späteren Erfolg sind aber die tatsächlich realisierten Kosten. Und wenn dann Jahr für Jahr über alle Produkte hinweg bis zu fünfundzwanzig Prozent der Versichertenbeiträge für Kosten anfallen, wie bei einigen Lebensversicherern, dann ist das diskussionswürdig.

Dabei sind Versicherer verpflichtet, bei der Gestaltung eines Produkts auf ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis zu achten, bevor es freigegeben wird – hohe Effektivkosten sind da schädlich. Wie gut kommen Versicherer dieser Pflicht nach?

Man kann nicht alle Lebensversicherer über einen Kamm scheren. Einige verletzen aber diese Pflicht wissentlich.

Wer überwacht diese sogenannten Wohlverhaltenspflichten und wie gut geschieht das?

Da müssen Sie die Bafin fragen, denn diese ist dafür zuständig. Ich erwarte aber, dass nach dieser Untersuchung die Versicherungsaufsicht diese Pflichten energischer einfordern wird.

In einem Interview  sagte kürzlich ein Bafin-Sprecher, bei 4 Prozent Effektivkosten bestünden "ernsthafte Zweifel" ob das Preis-Leistungs-Verhältnis noch angemessen ist. Heißt das, die Bafin sieht den von Ihnen eingangs formulierten Missstand, kann aber nichts dagegen tun?

"4 Prozent Effektivkosten sind heftig"

4 Prozent Effektivkosten sind natürlich heftig, denn diese Rendite müssen die Fonds der Police ja erst mal schaffen, damit die Versicherten überhaupt einen Anlagegewinn erzielen. Wir sollten dabei nicht außer Acht lassen: Die goldenen Jahre der Aktienanlage mit Unterstützung der Notenbanken liegen wohl hinter uns. Doch zu Ihrer Frage: Um solche Auswüchse bei den Kosten zu verhindern, fehlt der Bafin offenbar die Handhabe. Ich erinnere daran, dass die Bafin in der letzten Legislaturperiode einen Vorschlag für die Begrenzung der Abschlusskosten unterbreitet hat. Die Politik konnte sich aber dazu nicht durchringen. Hält man sich dieses Scheitern und dazu die unterbliebene Riester-Reform vor Augen, dann kann man den Glauben verlieren.

Welche Rolle spielen sogenannte Rückvergütungen oder Kickbacks bei den Kosten?

Kickbacks sind Rückvergütungen der Fondsgesellschaften und der Beweis, dass die Fondsgebühren, die der Kunde mit seiner Prämie ja mitfinanziert, niedriger sein könnten. Mit der Überschussbeteiligung kann ein Teil der Rückvergütungen an die Versicherten erstattet werden, im Schnitt schreiben die Versicherer etwa die Hälfte dieser Kickbacks den Kunden gut. Entsprechend der Bafin-Untersuchung sind diese Vergütungen nicht unerheblich, was ich auch erwartet hatte.

Ein erheblicher Teil der Kickbacks fließt also nicht zurück an den Kunden.

"Es liegt auf der Hand, dass Vermittler ihren Kunden die Fonds mit den höchsten Rückvergütungen empfehlen"

Ja, was mich aber aus meinem Traum von der makellosen Lebensversicherung gerissen hat, ist die Tatsache, dass diese Kickbacks laut Bafin zu einem Fünftel direkt bei den Vermittlern landen und der Lebensversicherer über die konkrete Höhe in vielen Fällen nicht Bescheid weiß. Auch das ist ein Hammer. Denn die Befürchtung liegt ja auf der Hand, dass Vermittler ihren Kunden dann die Fonds mit den höchsten Rückvergütungen empfehlen, was die Kosten erhöht und die Rendite einer Fondspolice mindert.

Reichen Effektivkosten und verpflichtende Infoblätter aus, damit der Kunde verschiedene Fondspolicen sinnvoll vergleichen kann?

"Das Konzept des mündigen Bürgers, der nur ausreichend informiert sein muss, ist gescheitert"

Nein, das glaube ich nicht. Das Konzept des mündigen Bürgers, der nur ausreichend informiert sein muss, ist gescheitert. Fragen Sie die Kunden, die unlängst abgeschlossen haben, was sie davon gelesen und verstanden haben. Fragen Sie nach dem Begriffsinhalt von Versicherungsanlageprodukten und Effektivkosten. Fragen Sie auch den Vermittler zusätzlich nach der Verordnung für diese Produkte, nach den Produktinformationsblättern und den Basisinformationsblättern. Selbst erfahrene Vermittler dürften Mühe haben, diesen Dschungel zu durchblicken. Die traurige Erkenntnis lautet: Information schlägt Verständnis tot.

Was lautet Ihre Forderung vor diesem Hintergrund an die Finanzaufsicht und die Produktgeber?

"Einige Aktuare sind für mich mittlerweile Gefälligkeitsrechner, die sich einer zweifelhaften Geschäftspolitik unterwerfen"

Die Produktgeber der Versicherungsbranche sind auf ihr Eigeninteresse und ihr Absatzvolumen bedacht und haben kein Interesse an einer Kostenbegrenzung. Viele müssen zudem hohe Provisionen an Vermittler zahlen, um ihr Neugeschäft zu retten. Die Schimäre Informationsverpflichtung muss abgelöst werden durch eine neue einfachere Regulatorik, die bereits bei den Produkten und einer fairen Kalkulation der Policen ansetzt. Die Aktuare waren früher die "Rechenknechte". Heute fühlen sie sich als Bilanzherren, die nicht nur die Verpflichtungen der Versicherer berechnen, sondern sich auch als Meister der Kapitalanlage verstehen. Einige unter ihnen sind für mich aber mittlerweile "Gefälligkeitsrechner", die sich einer zweifelhaften Geschäftspolitik unterwerfen. Nur Verbindlichkeit hilft, und diese liegt nicht in der Verantwortung der Bafin, sondern der Politik.

Woran erkennt nun ein Verbraucher eine gute Fondspolice? Oder sollte er Risikovorsorge und Geldanlage besser trennen, wie es Verbraucherschützer raten?

Erkennen hilft nicht. Der Verbraucher muss im Gegensatz zur klassischen Lebensversicherung etwas tun, sollte sich aktiv kümmern. Dies beginnt bei der Fondsauswahl beim Abschluss und setzt sich fort mit der ständigen Kontrolle, die dann auch in einen Austausch der Fonds münden kann. Dabei sind die wesentlichen Anlegerinformationen eine große Hilfe, die beim Kauf von Investmentfonds verpflichtend sind. Die Kosten spielen auch ein Thema, und das Augenmerk sollte neben den jährlichen Effektivkosten insbesondere auch den Euro-Beträgen gelten. Ich halte es für einen sinnvollen Weg, Risikovorsorge und Geldanlage beziehungsweise Altersversorgung zu koppeln. Staatliche Förderung gibt es nur zusammen. Ohne verpflichtende Zweckbindung würde der Konsum viele Vorsorgepläne verschlingen.

Aktiv kümmern, hört sich gut, trifft aber kaum die Realität. Wäre es hier nicht auch Aufgabe des Vermittlers oder Versicherers, bei fundamental anderer Kapitalmarktlage auf die Kunden zuzugehen?

"Ich halte ich es für sinnvoll, die Abschlussprovision durch eine fortlaufende Betreuungsprovision zu ersetzen"

In der Tat sehe ich da den Vermittler in der Pflicht. Hier bietet sich eine Fondsauswahl mit geringerer Spezialisierung und so auch mit geringerem Anpassungsbedarf bei Kapitalmarktverschiebungen an. Auch nach Vertragsabschluss sollte der Vermittler seinen Kunden mit einem regelmäßigen Monitoring seiner Anlagen unterstützen. Das erfordert natürlich mehr Aufwand – insofern halte ich es für sinnvoll, die Abschlussprovision durch eine fortlaufende Betreuungsprovision zu ersetzen.

rei