Samstag, 30. Mai 2020

Fitch-Prognose zu Lebensversicherern Ein Fünftel des Marktes geht bis 2022 in den Run-off

Generali, Ergo, Axa: Immer mehr Lebensversicherer in Deutschland wollen ihre Bestände verkaufen, oder erwägen diesen Schritt
REUTERS, DPA
Generali, Ergo, Axa: Immer mehr Lebensversicherer in Deutschland wollen ihre Bestände verkaufen, oder erwägen diesen Schritt

Niedrigste Zinsen und strengere Eigenkapitalvorschriften werden immer mehr deutsche Lebensversicherer dazu bewegen, das Neugeschäft einzustellen. Bereits in fünf Jahren dürfte dies ein Fünftel des Marktes betreffen, sagen die Ratinganalysten von Fitch voraus. Policen mit einem Volumen von rund 180 Milliarden Euro würden dann nur noch abgewickelt.

Die deutschen Lebensversicherer werden nach Schätzungen der Ratingagentur Fitch bis 2022 für fast ein Fünftel des Marktes das Neugeschäft eingestellt haben. Lebensversicherungen im Volumen von rund 180 Milliarden Euro würden dann voraussichtlich nur noch abgewickelt ("Run-off"), ohne dass Kunden für das gleiche Produkt neue Verträge abschließen könnten, sind die Experten überzeugt.

Derzeit sei bereits ein Volumen von 90 Milliarden Euro in Abwicklung, 9 Prozent des Bestandes. Zumeist machen dies die Lebensversicherer noch auf eigene Rechnung. Einen immer größeren Anteil dürften aber laut Fitch künftig externe Investoren übernehmen, die sich auf die Abwicklung von Lebensversicherungen spezialisiert haben (externer Run-off).

Der deutsche Lebensversicherungsmarkt zählt derzeit noch 85 Anbieter. Fitch analysiert nach eigenen Angaben 26 davon, sie vereinen ein Marktvolumen von rund 75 Prozent.

"Dieser Trend ist getrieben von niedrigen Zinsen und höheren Kapitalanforderungen unter Solvency II, die die Rentabilität von traditionellen Produkten mit Zinsgarantien unter Druck setzen", schreibt Fitch. Wenn sie keine neuen Kunden mit attraktiven Zinsen anziehen müssten, könnten die Lebensversicherer nur die versprochene Mindestverzinsung ausschütten und zugleich die Vertriebsprovisionen drastisch senken.

Die Verwaltungskosten stiegen aber mit schrumpfenden Beständen - was es attraktiver mache, die Portfolien an Spezialisten weiterzuverkaufen, die die Bestände mehrerer Anbieter bündeln. In Deutschland hat das bisher nur eine Handvoll Versicherer getan.

Große Akteure stellen bis zu 10 Millionen Verträge zur Disposition

Zuletzt hatte Fitch ein Run-off-Volumen von 150 Milliarden Euro bis 2022 prognostiziert. Ende September hatte aber auch die italienische Generali verkündet, den rund 40 Milliarden Euro schweren Bestand der deutschen Generali Leben abzuwickeln und eine Käufer dafür zu suchen.

Die Düsseldorfer Ergo zeichnet bei Victoria und Ergo Leben (ehemals Hamburg-Mannheimer) bereits seit längerem kein Neugeschäft mehr und kann sich nun auch einen Verkauf des mehr als 60 Milliarden Euro schweren Portfolios vorstellen. Auch die Axa erwägt, sich von ihren hochverzinsten älteren Policen-Beständen in Deutschland zu trennen, sieht in dem externen Run-off durchaus eine ernsthafte Option.

Der Bund der Versicherten aber auch Wissenschaftler kritisieren diese Entwicklung scharf, sprechen von mangelnder Verantwortung und einer Massenflucht der Lebensversicherer, die den deutschen Markt erschüttern werde und die zugleich die Verbraucher in hohem Maße verunsichere.

Angesichts kontinuierlich fallender Gewinnbeteiligungen in der Vergangenheit legen aber ohnehin immer mehr Kunden ihre Lebensversicherung auf Eis. In nahezu jede dritte Lebensversicherung in Deutschland fließt kein frisches Geld mehr. Die Kunden haben sie beitragsfrei gestellt.

rei mit Reuters

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