Künstliche Intelligenz zur Betrugsaufdeckung Wie Versicherer Betrügern auf die Schliche kommen - dank KI

Künstliche Intelligenz: Computer liest mit - und deckt Betrugsfälle im Versicherungsbereich auf

Künstliche Intelligenz: Computer liest mit - und deckt Betrugsfälle im Versicherungsbereich auf

Foto: Getty Images

Es ist ein Phänomen, das sich bei großen Sportereignissen wie etwa der Fußball-WM regelmäßig wiederholt. Kaum ist das Sportevent nur noch wenige Wochen entfernt, gehen auf mirakulöse Art und Weise  reihenweise TV-Geräte zu Bruch - gerne auch durch Wurfgeschosse oder durch die Kollision mit Bobbycars. Und in der Regel ist der Schadensfall von der Versicherung abgedeckt.

So auch vor der Fußballeuropameisterschaft vor zwei Jahren. Damals wies jede vierte Schadensmeldung  bei einem Fernsehgerät laut einer Untersuchung der Versicherungswirtschaft Ungereimtheiten auf.

Doch auch außerhalb sportlicher Sondersituationen ist die Betrugsbereitschaft beträchtlich - und zum Teil auch professionell organisiert. Rund 10 Prozent  aller Auszahlungen im Versicherungsbereich basieren Schätzungen zufolge auf Betrug. Bei den Haftpflichtversicherungen liegt der Anteil laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wohl sogar noch höher . Dort haben die Experten sogar an 16 Prozent der Fälle Zweifel. Aufgedeckt werden Experten zufolge allerdings nur drei Prozent.

Neue Technologien spüren Betrugsfälle auf

Bis zu fünf Milliarden Euro  kosten derartige Betrugsfälle die deutsche Versicherungswirtschaft Schätzungen zufolge jedes Jahr. Geld, das nicht die Unternehmen sondern auch die übrigen Versicherten in Form höherer Prämien mitzahlen.

Rund 400 bis 700 Dollar  müssen Versicherte in den USA nach Schätzungen des FBI  zusätzlich zahlen, um die Kosten für den Betrug in Höhe von geschätzt 40 Milliarden Dollar jedes Jahr zu decken. Doch Versicherungsbetrug wird schwieriger: Neue Technologien bieten den Versicherern mittlerweile immer bessere Möglichkeiten, die Betrüger zu enttarnen.

Moderne Technologien einzusetzen und darin zu investieren, gehört in der Versicherungsbranche mittlerweile zum guten Ton . Es gibt viel zu gewinnen. Wurden früher Schadensfälle in der Regel über Wochen und Monaten händisch von einzelnen Mitarbeitern bearbeitet, hat sich die Bearbeitungszeit in den letzten Jahren deutlich verkürzt.

Automatisiertes Schadensmanagement - und Auszahlung ohne separate Prüfung

Grund dafür sind unter anderem neue Onlineanbieter, sogenannte Insuretechs, die den etablierten Konzernen Konkurrenz machen. Unternehmen wie Lemonade  oder Oscar,  die damit werben, dank Künstlicher Intelligenz (KI) und cleverer Algorithmen Versicherungssummen schnell und ohne großes Aufhebens auszuzahlen.

So rühmte sich beispielsweise der Online-Versicherer Lemonade  Anfang vergangenen Jahres einem Kunden innerhalb von lediglich drei Sekunden nach Eingang der Schadensmeldung den Kaufpreis für seiner gestohlenen Daunenjacke ersetzt zu haben. Tempo und Service, der traditionellen Versicherer unter Zugzwang setzt. Schließlich wollen die den neuen Wettbewerbern in Service, Kundenfreundlichkeit und Preis nicht nachstehen.

Alles soll einfacher, schneller und günstiger werden

Und wettbewerbsfähig zu bleiben und Personalkosten einzusparen, setzen immer mehr Versicherer auf Chatbots und automatisiertes Schadensmanagement. So verschickte beispielsweise gerade die deutsche Ergo Briefe an ihre Kunden mit einem Online-Konto und Passwort, bei dem sich ohne Papierwust online Schäden einreichen lassen.

Unterschreitet der Schaden dann eine gewisse Grenze und erfüllen der Versicherte und der konkrete Schadensfall eine Reihe vorher festgelegter Kriterien, zahlen viele Versicherungen mittlerweile automatisert und ohne separate Prüfung aus. Typischerweise vor allem dann, wenn die Kosten einer händischen Prüfung die die Schadenshöhe überschreiten würden

Von indischen Rechnungsfabriken, Bildkarrieren und Trittbrettfahrern

Doch die Automatisierung birgt Gefahren. Denn die Existenz solcher Regeln spricht sich - auch über die sozialen Medien - schnell herum. Und lockt nicht selten Betrüger an. Das können Nachahmer sein, die dann mit ähnlichen Stories, ähnlichen Schadenssummen und nicht selten sogar mit denselben oder nur leicht verfremdeten Bildern Schäden bei ihren Versicherern reklamieren.

Oder tatsächlich betroffene Versicherte, die zum Teil von gut informierten schwarzen Schafen im Reparatursektor dazu verleitet werden, bestehende Schäden als schwerwiegender zu reklamieren als sie es tatsächlich sind. Und sich die Differenz bis zum unverdächtigen Schwellenbetrag dann einfach zu teilen.

Zum Teil sind sogar regelrechte Geschäftszweige entstanden, die sich diese so genannten "Fast Track"-Lösungen von Versicherungen zu Nutze machen.

Wenn die Flut kommt, kommt auch die Flut kopierter Schadensbilder

"Gefälschte Rechnungen werden öfters als Betrugsmasche genutzt. In Indien gibt es sogar richtige Rechnungsfabriken, die gefälschte Quittungen ausstellen, deren Beträge dann genau unter der Schwellensummen bestimmter Versicherer liegen", berichtet Bo Soevsoe Nielsen, der mit seinem Unternehmen Shift Technology  Versicherungen mit Künstlicher Intelligenz im Kampf gegen Versicherungsbetrug unterstützt.

Und auch Naturkatastrophen ziehen immer wieder Trittbrettfahrer an. "Wärend einer Flut in Frankreich haben wir zahlreiche Versicherte entdeckt, die klar außerhalb der Überflutungsgebiete wohnten und dann einfach die Bilder von Bekannten innerhalb der Überschwemmungsgebiete nutzen, um einen Schaden zu reklamieren", schreibt Shift-Datenexperte Arnaud Grapinet in einem Post auf derBlogging-Seite Medium .

Grapinet warnt davor, dass sich die Zahl der Betrugsfälle aufgrund der automatischen Schadensbearbeitung verdoppeln könnte . Allerdings dürfte er als Vertreter der Betrugsbekämpfung auch kein Interesse zur Entwarnung haben.

Wettrüsten zwischen Betrügern Versicherern

Tricks, denen Versicherer früher kaum etwas entgegen zu setzen hatten - abgesehen von Zufallstreffern bei einer händischen Einzelfallprüfung. Doch neue Technologien ermöglichen den Versicherern mittlerweile, solche Betrugsfälle leichter und systematischer aufzuspüren.

So ermöglichen Telematik-Geräte in Autos beispielsweise Rückschlüsse auf den Unfallhergang und den potenziellen Schaden. So lässt sich beispielsweise auch überprüfen, ob die Geschwindigkeit überhaupt hoch genug war, um ein Schädeltrauma hervorzurufen. Eine Verletzung, die sich nur schwer nachweisen lässt, bei Versicherungsbetrügern aber äußerst beliebt ist.

Auch gefälschte Rechnungen lassen sich aufspüren, indem die Konzerne sich methodisch anschauen, wie weit die Versicherten von dem auf der Rechnung aufgeführten Laden wohnen. Tauchen beispielsweise urplötzlich Dutzende von Rechnungen eines bestimmten Londoner Apple-Stores von einem bestimmten Tag auf, werden die Versicherer hellhörig. Vor allem wenn die Kunden hunderte von Kilometern davon entfernt wohnen.

Gefälschte Rechnungen erkennen

"So etwas erkennen wir mit einem KI-unterstützten Datenvergleichsverfahren", erläuterte Nielsen. "Wie oft kommt der Claim von einem bestimmten Laden vor? Wie weit ist die räumliche Distanz zwischen einem Versicherten und dem Geschäft, in dem er das Produkt gekauft hat? Wie groß ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Postleitzahl auftaucht oder ein Kaufdatum? Da gibt es bestimmt 100 verschiedene Indikatoren, die uns Aufschluss über möglichen Betrug geben können."

Und auch gefälschte oder kopierte Bilder lassen sich mit Hilfe bestimmter Bildforensik-Software bereits enttarnen. So lässt sich mittlerweile leicht herausbekommen, wann ein Bild gemacht wurde und woher es stammt. Und auch ob ein Bild oder eine Schadenssituation bereits einmal bei einem Schadensfall als Beleg angegeben wurde.

Was Jürgen Klopps Brille mit Versicherungsbetrug zu tun hat

Eine Technologie, die auch die Generali mittlerweile einsetzt . Fälle wie in der Vergangenheit, als zahlreiche Versicherte versuchten, sich mit einem im Internet kursierenden Bild einer zerbrochenen Brille von Jürgen Klopp  Geld zu erschleichen, hätten damit keine Chance.

Einige Versicherer setzen mittlerweile sogar Technologien wie die des britischen Unternehmens Hanzo  ein, die unter anderem öffentlich zugängliche Soziale Medien und Marktplätze durchscannen, um die Plausibilität von Schadensmeldungen zu überprüfen.

Stellt ein Versicherter dort angeblich gestohlene Objekte zum Verkauf oder postet er Partybilder aus dem Urlaub, obwohl er sich angeblich nach einem schweren Unfall zu Hause im Bett befindet, oder hielt er sich laut Social-Media-Metadaten zum angeblichen Unfallzeitpunkt in einer Stadt 200 Kilometer von dem Ort auf, wo er den Unfall erlitten haben will, wird ein Sachbearbeiter den Fall sicher noch einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Auf der anderen Seite lassen sich so manche Angaben aber auch erhärten. Eine Technologie, die allerdings durchaus umstritten ist, sehen sie viele Versicherte doch als unzulässigen Eingriff in ihre Privatsphäre.

Auch punktgenaue Wetterdaten werden mittlerweile häufig verwandt, um potenziellen Betrügern auf die Spur zu kommen.

Mustersuche in Datenmassen

Wirklich intelligent wird die Betrugsbekämpfung aber erst dort, wo künstliche Intelligenz Netzwerke und Verbindungen erkennt und mit den dadurch gewonnen Erkenntnissen die Betrugsaufspürung verfeinert: Betrugsmuster von teils grenzüberschreitenden Gruppen mit sich ähnelnden Schadensmeldungen, überlappenden Verbindungen zu Ärzten, Anwälten, Beteiligten und angeblich Geschädigten, wiederkehrenden Zeugen oder Bankkonten, auf die Schadenssummen fließen sollen.

Bei den Kunden von Shift sei die Zahl der Verdachtsfälle mit Einsatz jedenfalls deutlich gestiegen und die der "falschen Alarme" deutlich gesunken betont Nielsen. Auf 75 Prozent Treffsicherheit  bei den Verdachtsfällen sollen es die neuen Technologien bereits bringen.

Aufklären soll die Technologie solche Betrugsfälle nicht. "Das machen immer noch die Betrugsspezialisten bei den Versicherern", betont Nielsen. Und auch die Versicherer sind bislang sehr vorsichtig, wie sie die neuen technischen Möglichkeiten gegenüber ihren Kunden kommunizieren. Ihre Kunden vergraulen wollen sie schließlich nicht.

Auf die Informationen komplett zu verzichten, wird sich auf Dauer aber auch kein Unternehmen leisten können. Schließlich sind die Informationen für die Unternehmen bares Geld wert.