Möglicher HDI-Verkauf "Diese Bombe muss entschärft werden"

Der Talanx-Konzern stellt seinen Lebensversicherer zur Disposition - ein drastisches Signal an die ganze Branche, sagt Hermann Weinmann. Der Wissenschaftler rät von einem Run-off ab, empfiehlt einen anderen Weg und sagt, warum ein Finanzinvestor als Käufer eher nicht in Frage kommt.
Der Versicherungskonzern Talanx schließt eine Stillegung oder einen Verkauf seiner Lebensversicherungstochter HDI nicht aus

Der Versicherungskonzern Talanx schließt eine Stillegung oder einen Verkauf seiner Lebensversicherungstochter HDI nicht aus

Foto: DPA

mm: Herr Weinmann, der Talanx-Konzern mäkelt öffentlich an seiner Lebensversicherungstochter HDI herum. Zu Recht?

Weinmann: Ja, denn sowohl der Kundennutzen als auch der Return für den Anteilseigner lassen in der jüngeren Vergangenheit zu wünschen übrig.

mm: Kaum ein Jahr an der Börse, prüft der Konzern die Abwicklung oder den Verkauf der Tochter - sehen Sie da einen Zusammenhang?

Weinmann: Als mich die Nachricht erreichte, habe ich im ersten Gedanken keinen Zusammenhang gesehen. Man kann aber einen Zusammenhang herstellen, und klar ist, dass aufgrund der Börsennotierung andere Gesetzmäßigkeiten gelten als bei den Versicherungsvereinen oder den Sparkassenversicherern.

mm: HDI Leben zählt zu den zwölf größten Anbietern in Deutschland. Welches Signal geht Ihrer Meinung nach für die Branche von Talanx-Plänen aus?

Weinmann: Das ist eine "Bombe", und ich hoffe, dass sie entschärft werden kann. Das Ganze zeigt das strategische Suchen nach einer Endlösung in der Lebensversicherung. Es gilt hopp oder top. Zunächst aber Respekt für den Talanx-Chef, diese strategischen Überlegungen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Seine Äußerungen bestätigen meine Auffassung, dass sich die Vorstände in der Assekuranz viel mehr und intensiver mit ihrem Geschäftsmodell auseinandersetzen müssen, als dies in der Vergangenheit üblich war. Geschäftsmodelle müssen aber wie Flugmodelle abheben und vom Kunden in der Luft gehalten werden. Bei vielen Neuentwicklungen, die eine eigene Kapitalanlage vernachlässigen und den Kunden verwirren, sehe ich das nicht.

mm: Das Neugeschäft der HDI Leben ist eingebrochen, sagt Talanx-Chef Haas. Bei einer Abschlusskostenquote von rund 7 Prozent darf das nicht wirklich verwundern. Müsste die HDI hier nicht zuerst hier den Hebel ansetzen, also die Kosten deutlich senken?

Weinmann: Die von Herrn Haas in den Vordergrund gestellte "Kapitalanlage-Kosten-Option" gefällt mir persönlich am besten, das heißt die Performance in der Kapitalanlage zu verbessern und die Kosten zu senken. Speziell die Rückführung der zu hohen Abschlusskosten hätte die Konsequenz eines sich verschärfenden rückläufigen Neugeschäfts. Diese Durststrecke müsste der Konzern aber aushalten, obwohl bereits mit Eigenkapital in der Vergangenheit ausgeholfen wurde. Auch die "Optimierung" des Produktmix ist sinnvoll.

mm: Der sogenannte Run-off in der Lebensversicherung, sei es durch Einstellung des Neugeschäfts oder Übertragung der Bestände, ist noch relativ neu. Welches grundsätzliche Problem ergibt sich dabei?

Weinmann: Ein grundsätzliches Problem sind für mich die langen in die Jahrzehnte reichenden Zeiträume verbunden mit der Vorstellung, dass bloße "Verwalter" das Geschäft zu Ende führen. Wie der Kunde dabei verlieren kann, zeigt in einem kleineren Maßstab die Abwicklung der offenen Immobilienfonds.

"Einstellung des Neugeschäfts aus Verbrauchersicht nicht sinnvoll"

mm: Sehen Sie für die HDI Leben besondere Hürden bei einem Run-off?

Weinmann: Eine Einstellung des Neugeschäfts halte ich aus Verbrauchergesichtspunkten nicht für sinnvoll. Wir erleben das gerade im Markt, wo genau das gemacht wird: Der Elan erlahmt - auch in der Kapitalanlage. Als Finanzinvestor wiederum, der die HDI Lebensversicherung übernimmt, würde ich mich nur schwer trauen wollen. Die HDI Leben ist mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz ein richtig dickes Kaliber mit ziemlich viel betrieblicher Altersvorsorge und einigen Fusionslasten. Die Heidelberger Leben, die in der Berichterstattung als Beispiel genannt wird, ist wegen der bescheidenen Größe und ihrer Fondspolicen-Dominanz damit in keiner Weise vergleichbar.

mm: Wenn ein Finanzinvestor als Käufer eher ausscheidet, wer könnte dann in Frage kommen?

Weinmann: Blicken wir mal zurück in die 70er Jahre. Warum haben wir mit dem Allianz-Konzern den einzigen deutschen international starken Versicherer? Weil er damals wegen seiner Dominanz auf dem Heimatmarkt kartellrechtlich mit einer weiteren Expansion im Inland Probleme bekommen hätte. Mittlerweile hat er wieder etwas mehr Luft. Zur Not, falls alle Stricke reißen, wünschte ich mir aber, dass einer der großen deutschen Versicherer aus den Top 12 die HDI Leben übernimmt, um den größenmäßigen Abstand zur Allianz zu verringern.

mm: Hält das Niedrigzinsniveau an, könnte es in der Lebensversicherung in den nächsten Jahren verstärkt zu einem Run-off kommen, sagen manche Experten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Weinmann: Wenn Lebensversicherer Schwierigkeiten haben, dann bedarf es grundsätzlich und in jedem Einzelfall einer branchenverträglichen Lösung, die auch den Kunden gerecht wird. Ein Run-off steht da für mich nicht an erster Stelle.

mm: Die Münchener Rück  hat mit der Ergo Leben und der Victoria im Grunde ähnlich schwache Töchter im Portfolio. Die Victoria hat das Neugeschäft eingestellt, die Ergo setzt ganz auf neue Produkte und abgespeckte Garantien. Ist das die zukunftweisende Überlebensstrategie?

Weinmann: Mit einer Münchener Rückversicherungsgesellschaft im Rücken sollte es nicht um das Überleben, sondern um die Profitabilität sowohl für die Kunden als auch für die Mutter gehen. Da muss die Ergo mit ihrem Geschäftsmodell jetzt liefern.