Neue Policen-Variante Ergo bietet Lebensversicherung ohne Garantiezins

Die Ergo wagt sich als erster Anbieter mit einer neuen Lebensversicherung ohne Garantiezins auf den Markt. Das Produkt hat Vorteile, seine abgespeckte Garantie lässt aber auch Zweifel aufkommen. Beißen die Kunden nicht an, hat die Ergo ein Problem.
Ergo-Zentrale Düsseldorf: Ob die neue Police mit abgespeckten Garantie beim Kunden ankommt, ist unsicher.

Ergo-Zentrale Düsseldorf: Ob die neue Police mit abgespeckten Garantie beim Kunden ankommt, ist unsicher.

Foto: A3276 Martin Gerten/ picture alliance / dpa

Garantierter Erhalt aller Beiträge, garantierte Rente, hohe Flexibilität in der Ansparphase, Teilhabe an steigenden Märkten - in der Niedrigzinskrise der Lebensversicherung klingt das nach der Eier legenden Wollmilchsau der Altersvorsorge. Die Ergo-Strategen haben nach eigenem Bekunden zwar "viel Zeit und viel Gehirnschmalz" in die Entwicklung ihrer neuen Rentenpolice investiert. Die "Wollmilchsau war aber nicht unser Ziel", sagt Lebensversicherungsvorstand Johannes Lörper.

Vor wenigen Wochen noch hatte der Vorstandschef des drittgrößten deutschen Erstversicherers, Thorsten Oletzky, die Kollegen mit der Aussage brüskiert, mit Lebensversicherungen ließe sich kein Geld verdienen. Zum Workshop in Düsseldorf lassen die Vorstände der Leben-Sparte jedoch keinen Zweifel daran, dass die neue "Ergo Rente Garantie" zum "Maßstab für eine moderne Altersvorsorge" in Deutschland werden könnte. Dass die kapitalmarktnahe Police ein Erfolg werde, hatte Lörper bereits im April zu Protokoll gegeben.

Diesen Optimismus muss er wohl verbreiten. Die Leben-Sparte der Ergo hatte 2012 einen Verlust abgeliefert. Bei Ablaufleistungen und Absatz sind die großen Wettbewerber der Ergo enteilt. Floppt das neue Produkt, könnte es der letzte Versuch der Munich-Re-Tochter gewesen sein, den Anschluss zu finden. Die Konzernschwester Victoria hat das Neugeschäft längst eingestellt.

Die klassische Police mit lebenslangem Garantiezins will Ergo unterdessen im Programm behalten. Wenn aber 80 Prozent der künftig verkauften Policen die neue, eingedampfte Garantie tragen sollen, wie Konzernvorstand Daniel von Borries erklärt, ist klar wohin die Reise im Vertrieb geht. Besondere Verkaufsanreize will der Konzern für das neue Produkt gleichwohl nicht ausloben - man hat aus der Vergangenheit gelernt.

Beitragserhalt bis zur Rente und Kostentransparenz

Das neue Produkt, das am 1. Juli auf den Markt kommt, garantiert dem Kunden den Erhalt aller gezahlten Beiträge zum Rentenstart. "Den Kapitalerhalt erzielt er auch, wenn er sein Geld unter das Kopfkissen legt", relativiert Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Verdient Ergo am Kapitalmarkt Geld, wächst das zu verrentende oder auszuzahlende Kapital. Verdient Ergo kein Geld, macht der Kunde nach Inflation ein Verlustgeschäft.

Diese Bruttobeitragsgarantie greift allerdings lediglich für Verträge mit mindestens 15 Jahren Laufzeit. Kürzer laufende Verträge sehen eine prozentual geringere Garantiezusage vor. Garantierte Rückkaufswerte wie bei herkömmlichen Policen gibt es nicht. Wer seinen Vertrag vorzeitig auflöst, früher oder später als zum vereinbarten Zeitpunkt in Rente geht, muss sich mit dem jeweils aktuellen Vertragsguthaben zufrieden geben. Dies kann dann auch niedriger als die Summe der gezahlten Beiträge ausfallen. Das heißt, auch die Höhe der Rente ist dann nicht garantiert.

Da Garantiezusagen mit Eigenkapital zu hinterlegen sind, entlasten der Verzicht auf garantierte Rückkaufswerte und die zeitlich gestaffelte Bruttobeitragsgarantie die Bilanz der Ergo Lebensversicherung. Die Garantiekosten verringern sich auch dadurch, als die Garantien großteils durch den Ergo-Mutterkonzern MünchenerRück rückversichert sind.

Dieser Rückversicherungsschutz kostet selbstverständlich Geld, wofür der Kunde mit einem Teil seiner Prämie bezahlt. Die Kosten für die Garantieerzeugung - auch das ist neu - will Ergo künftig genauso einzeln ausweisen sowie sämtliche Kosten der Kapitalanlage und -verwaltung. "Wir weisen damit definitiv alle Kosten aus, verfügen über eine echte Effektivkostenquote", sagt Ergo-Vorstand von Borries.

Garantiekosten sinken, Hoffnung auf mehr Rendite

Auch andere Anbieter verwenden diese "Reduction in Yield" (RiY). Sie soll zeigen, um wie viel Prozentpunkte Kosten die Rendite einer Police unter Annahme einer bestimmten Wertentwicklung mindern. Die "volle" Kostentransparenz der Ergo zieht ein Problem nach sich: Angesichts des erweiterten Ansatzes sei die eigene Effektivkostenquote mit jener der Wettbewerber nicht zu vergleichen, räumt Aktuar Lörper ein.

Kritiker wie Kleinlein monieren an der RiY ohnehin, dass sie die Vertragskosten während der Rentenphase ausblende. Doch neben positiven Aspekten sieht der unabhängige Experte mit dem neuen Ergo-Produkt auch Unwägbarkeiten für den Kunden verknüpft.

Vorstand und Aktuar Lörper hat im Gespräch mit manager magazin online erklärt, dass die Ergo abweichend von den Sterbetafeln der Deutschen Aktuarvereinigung eine etwas geringere Lebenserwartung der Kunden bei der Kalkulation ihrer neuen Rentenpolicen unterstellt. Das könnte die die Garantiezusage und die Vertragsrendite tendenziell erhöhen. "Das wäre sehr lobenswert. Die Ergo würde sich damit positiv von den Wettbewerbern abheben", sagt Kleinlein.

Wie nachhaltig ist die Absicherung durch den Mutterkonzern wirklich?

Die Rückversicherung und damit tendenziell niedrigeren Garantiekosten könnten der Vertragsrendite ebenso zuträglich sein. Zumal die von der MünchenerRück zur Absicherung dafür verwendeten Finanzinstrumente ein Wert an sich darstellen und dieser dem Guthaben des Kunden zum Teil zugerechnet werden soll, lobt Kleinlein ebenso.

Andererseits: "Wir kennen die Verträge mit dem Mutterkonzern nicht. Wie nachhaltig ist die Absicherung, sollte sich die MunicRe vom Leben-Geschäft der Ergo trennen?", fragt Kleinlein. MunicRe-Chef von Bomhard hat in der Vergangenheit mehrfach erkennen lassen, dass er am Lebensversicherungsgeschäft der Ergo wenig Gefallen findet und Zweifel geäußert, dass sich dieses Geschäft künftig noch profitabel betreiben lässt. Den Beweis muss die Ergo jetzt mit der neuen Police erbringen.

Um das Ziel zu erreichen, lockt der Anbieter potentielle Neukunden mit höheren Renditechancen. Dazu soll ein deutlich höherer Aktienanteil bei der Kapitalanlage von bis zu 40 Prozent beitragen. Läuft es gut am Aktienmarkt, könnte die Ablaufleistung einer neuen Police nach 35 Jahren gegenüber der klassischen Variante um bis zu 50 Prozent höher ausfallen, rechnet die Ergo vor. Bei kürzer laufenden Kontrakten fiele das Plus gegenüber dem Klassiker ungleich kleiner aus, was am Effekt des Zinseszins liegt. Läuft es hingegen schlecht an der Börse, würde der Kunde mit einer klassischen Police sogar besser abschneiden.

Bis zu 40 Prozent Aktien sollen die Rendite nach oben treiben

Gewissheit werden die Kunden darüber frühestens in zehn Jahren haben, wenn die ersten Kontrakte auslaufen. Dass von Bomhard dem Ergo-Management genauso viel Zeit einräumt, ist zweifelhaft. Um so mehr wird es auf die Vertreter ankommen, die seit Monaten ihren neuen Stoff bimsen und ab 1. Juli die Police verkaufen sollen.

"Versichern heißt verstehen", wirbt die Ergo. Man darf gespannt sein, wie die Vertreter potentiellen Kunden den Spagat zwischen Renditechance und abgespeckter Garantie erklären und schmackhaft machen wollen. Schließlich scheuen die allermeisten deutschen Vorsorgesparer das Risiko. Beißen sie an, könnte die neue Police zum erhofften Befreiungsschlag für die Ergo Lebensversicherung werden. Wenn nicht, wäre es vermutlich der letzte Versuch, das Geschäftsmodell zu retten.

Die Ergo macht jetzt den Vorreiter. Einige ihrer Wettbewerber werden sich das sehr genau anschauen. Auch sie erwägen, ihre Kunden mit neuen abgespeckten Garantien und größeren Renditechancen beglücken zu wollen.