Kapitalanlage der Lebensversicherer Börsenboom geht erneut an Lebensversicherten vorbei

Beste Stimmung am Aktienmarkt: Da Lebensversicherer nur gering in Aktien investiert sind, gehen die opulenten Kursgewinne und Dividenden mal wieder an den Lebensversicherten vorbei

Beste Stimmung am Aktienmarkt: Da Lebensversicherer nur gering in Aktien investiert sind, gehen die opulenten Kursgewinne und Dividenden mal wieder an den Lebensversicherten vorbei

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Hamburg - Die besseren Renditen gibt es schon lange woanders. Dennoch vertrauen viele Deutsche wieder vermehrt ihr Geld den Lebensversicherern an. Die Beitragseinnahmen der Branche kletterten im vergangenen Jahr um 3,1 Prozent auf 93,7 Milliarden Euro, berichtet der Branchenverband GDV am Freitag

Doch es ist nicht Ottonormalverbraucher, der mit einer neuen Police sein Geld per Monatsrate vermehrt der Branche überweist. Dieses Neugeschäft kletterte zwar um 3,8 Prozent auf 5,5 Milliarden Euro, bleibt aber weit hinter dem mit hohen Einmalbeiträgen zurück:

29 Milliarden Euro und damit knapp 13 Prozent mehr zahlten Kunden in Form von hohen, einmaligen Beiträgen im vergangenen Jahr in eine Lebens- oder Rentenversicherung ein. Nicht selten handelt es sich dabei um sechsstellige Beträge von älteren Neukunden. Ob sie ihrem Anbieter treu bleiben werden, sollten die Zinsen wieder steigen, muss sich noch erweisen.

Die Zahlen zeugten von großem Vertrauen in die Lebens- und Rentenversicherung, betonte GDV-Präsident Alexander Erdland am Freitag. Doch wird es die Branche rechtfertigen können? Der GDV-Vormann warnte vor zu hohen Erwartungen: Man müsse sich "nicht auf einen Sprint, sondern auf einen Langstreckenlauf" einstellen.

Kunden vertrauen Branche viel Geld trotz schwindender Renditen an

Das verwundert nicht und zeigt auch ein Blick in die Statistik: Die anhaltende Hausse an den Börsen findet quasi unter Ausschluss der Lebensversicherer statt. Mit einer Aktienquote von 3,4 Prozent im Branchenschnitt gehen Kursgewinne und Rekorddividenden auch in diesem Jahr weitgehend an den Kunden der Lebensversicherer vorbei. Die Lebensversicherten müssen darauf vertrauen, dass ihre Anbieter mit Rentenpapieren, die rund 89 Prozent der Kapitalanlagen ausmachen, auch in Zukunft noch genug Rendite für die Gewinnbeteiligung oder die Sofortrente einfahren.

Bei der Wiederanlage auslaufender Papiere wird das immer schwieriger. Munic Re erzielt aktuell weniger als 2 Prozent Rendite mit neuen Bonds, wie der weltgrößte Rückversicherer diese Woche mitteilte. Das billionenschwere Anleihenkaufprogramm der EZB dürfte das Zinsniveau weiter drücken.

Umgekehrt schwimmen große Versicherer in Geld, schütten Konzerne wie die Allianz , zu der auch der Branchenführer Allianz Lebensversicherung zählt, in diesem Jahr Rekkord-Dividenden an ihre Aktionäre aus.

Ein Ausweg aus dem Anlage-Dilemma könnten Investitionen in Infrastrukturprojekte sein. Doch in ihrer Anlagenot treten sich hier Investoren mittlerweile gegenseitig auf die Füße, wie MunichRe-Finanzvorstand Schneider erklärte. Auch beklagen die Versicherer, dass Investitionen in Straßen, Brücken oder Stromnetze nach den neuen Vorschriften im Vergleich zu anderen, risikoreicheren Anlageklassen mit einem zu hohen Eigenkapitalanteil hinterlegt werden müssen. Folglich spielen renditeträchtigere Infrastrukturinvestments immer noch eine Nischenrolle bei der Kapitalanlage der meisten Versicherer. Im Branchenschnitt machen sie weniger als 1 Prozent aus.

Kaum ein Entkommen aus dem Anlagedilemma

So seien die Lebensversicherer "auch extrem gefordert, an allen Stellschrauben zu drehen, um das Niedrigzinsumfeld stabil durchzustehen", sagte Erdland weiter. Hier hatte zuletzt die Ratingagentur Moody's Zweifel geäußert, dass dies allen Anbietern gelingen wird. Insbesondere kleinere Lebensversicherer seien von Niedrigzinsen und schärferen Eigenkapitalregeln (Solvency II ) bedroht. Ähnlich hatte sich Ende vergangenen Jahres die europäische Branchenaufsicht Eiopa geäußert.

Kein deutscher Lebensversicherer stünde vor dem Zusammenbruch, widersprach der GDV. Auch habe die jüngste Erhebung der deutschen Versicherungsaufsicht gezeigt, dass die Branche die neuen Kapitalanforderungen bewältigen könne - wenn man ihr denn ausreichend Zeit einräumt. Das Regelwerk tritt 2016 in Kraft, die Lebensversicherer haben aber bis 2032 Zeit, um notwendiges, zusätzliches Eigenkapital aufzutreiben.