Montag, 24. Februar 2020

Umstrittene "Öko-Test"-Analyse Bereichern sich Lebensversicherer auf unsere Kosten?

"Auf Kosten der Kunden": Lebensversicherer vermindern ihren Gewinn, den sie mit den Kunden teilen müssen - behauptet "Öko-Test". Der Test ist jedoch umstritten

Lebensversicherer bereichern sich trickreich auf Kosten der Kunden, behauptet "Öko-Test". Finanzwissenschaftler Hermann Weinmann prangert "schwere handwerkliche Fehler" der Analyse an. Doch auch über die Branche ist er "entsetzt".

Hamburg - Folgt man dem Finanzwissenschaftler und Versicherungsexperten Hermann Weinmann, müsste eigentlich ein Aufschrei durch die Lebensversicherer gehen. Der Interessenverband der Versicherungswirtschaft (GDV) müsste die jüngste Studie von Öko-Test frontal angreifen. Auch das Bundesfinanzministerium und die Versicherungsaufsicht müssten eingreifen.

Doch nichts dergleichen zeichnet sich ab - Ruhe an der Front der Lebensversicherer, die derzeit über den GDV politisch intensiv auf eine Neuregelung der umstrittenen Beteiligung von Bewertungsreserven an ausscheidende Kunden hinarbeiten.

Dabei hat das Verbrauchermagazin, das schon lange Vorsorgeträge unter die Lupe nimmt, in seiner Februar-Ausgabe die Lebensversicherer erneut hart attackiert. Lesern rät Öko-Test, keine neue Kapitallebens- oder Rentenversicherung mehr abzuschließen oder laufende Policen gegebenenfalls beitragsfrei zu stellen. Die Lebensversicherungskunden könnten "sich nicht darauf verlassen, angemessene Verzinsung zu erhalten, geschweige denn eine faire Beteiligung an erwirtschafteten Erträgen".

Im Kern lautet der Vorwurf: Obwohl die Branche noch gute Gewinne einfährt, stellen viele Lebensversicherer ihre wirtschaftliche Lage trickreich schlechter dar, als sie tatsächlich ist, um auf Kosten der Kunden durch eine geringere Gewinnausschüttung ihre Bilanzen zu sanieren. Dreh- und Angelpunkt dieser Strategie seien die Bewertungsreserven und die Zinszusatzreserve. Letztere müssen die Anbieter seit 2011 bilden, um die den Kunden garantierten Zinserträge noch über viele Jahre zu sichern.

mm: Herr Weinmann, Sie selbst analysierten, Lebensversicherer können es sich sehr gut leisten, ihre Kunden an den Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere zu beteiligen. Wenn Öko-Test jetzt zudem feststellt, die Kunden bekämen diese Zusatzausschüttung wie vom Verfassungsgericht gefordert oft nicht, weil die Anbieter dafür die laufende Überschussbeteiligung oder den Schlussgewinn schröpfen - was regt Sie an dieser Feststellung auf?

Weinmann: In diesem Punkt gar nichts, sie bestärkt mich eher in der Auffassung, dass die Gewinnbeteiligung der Kunden viel transparenter werden muss und insgesamt auf den Prüfstand gehört. Da blickt kein Kunde durch. Er bleibt insbesondere dann ratlos zurück, wenn die jahrelang in den Standmitteilungen gezeigte und versprochene Schlussgewinnbeteiligung zum Vertragsende plötzlich viel kleiner oder ganz ausfällt.

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