Studie Versicherer als Garanten für Wachstum

Die Assekuranz in Deutschland hat kein gutes Image. Dabei ist ihre Funktion für die Gesamtwirtschaft nicht minder bedeutend als die des Energiesektors - und ihr Beitrag zum Wirtschaftswachstum erheblich, behauptet eine Studie.
Branchenprimus Allianz: Die Assekuranz beansprucht einen Platz unter den wichtigen Branchen für sich

Branchenprimus Allianz: Die Assekuranz beansprucht einen Platz unter den wichtigen Branchen für sich

Foto: DPA

Hamburg - Versicherungen? Viele Menschen sehen sie eher als notwendiges "Übel" - zu kompliziert, zu undurchsichtig. Nichts, mit dem man sich gern beschäftigte. Auch das Image der Assekuranz ist nicht das Beste, wie Studien zuletzt immer wieder zeigten. Vermittler der Branche genießen kaum mehr Glaubwürdigkeit als fliegende Händler an der Haustür.

Vertriebsexzesse, zu niedrige Rückkaufswerte, intransparente Klauseln - Empörungspotential gibt es zuhauf. Die Assekuranz stemmt sich dagegen: mit Kampagnen, Transparenzoffensiven, Ehrenkodizes im Vertrieb zum Beispiel. Der Erfolg scheint eher mäßig. "Die Reputation der Branche ist mittlerweile so weit im Keller, dass ihre fachliche Stimme kaum mehr Gehör mehr findet", befindet der Kommunikationsexperte Hubert Becker in der Zeitschrift für Versicherungswesen.

Die Assekuranz hat in der öffentlichen Wahrnehmung ein Problem. Positive Nachrichten über ihre Leistungsfähigkeit oder ihre Bedeutung für die Gesellschaft muss man schon akribisch suchen. Dabei leistet die deutsche Versicherungswirtschaft einen maßgeblichen Beitrag zu Wohlstand und Wachstum in Deutschland, wenn man einer am Montag veröffentlichten Studie der Wirtschaftsforschungs- und Beratungsgesellschaft Prognos im Auftrag des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) Glauben schenken darf.

"Absicherung von Risiken ermöglicht erst wirtschaftliches Handeln"

"Durch die Absicherung von Risiken werden wirtschaftliches Handeln und Wachstum in entwickelten Volkswirtschaften erst möglich", betonte Prognos-Chef Christian Böllhoff zur Vorstellung der Studie. Das gelte vor allem für eine exportstarke Nation wie Deutschland. Versicherungslösungen für Handels- und Kreditrisiken zum Beispiel schafften erst die Voraussetzung dafür, dass sich deutsche Unternehmen international so stark engagieren könnten.

Produkte und Leistungen der Versicherer seien für die gesamte Volkswirtschaft von Bedeutung. Der Branche käme damit eine ähnlich wichtige Schlüsselfunktion zu wie Banken oder dem Energiesektor in Deutschland. Um diese These zu unterstreichen hat Prognos für den GDV jetzt erstmals den Wachstumsbeitrag der Branche hochgerechnet.

Demnach wuchs hierzulande zwischen 1995 und 2008 die Versicherungsdichte - also die Versicherungsausgaben pro Kopf - um 3,2 Prozent im Jahresschnitt. Der Anteil der Assekuranz am gesamten Wirtschaftswachstum betrug in diesem Zeitraum 0,2 Prozentpunkte, rechnen die Experten von Prognos vor.

Beitrag zur Bruttowertschöpfung überproportional hoch

Ohne das kräftige Wachstum der Versicherungswirtschaft wäre die deutsche Volkswirtschaft in diesem Zeitraum laut Prongnos lediglich um 1,3 Prozent statt 1,5 Prozent im Jahresschnitt gewachsen. "Eine Branche, auf die volkswirtschaftlich lediglich 1,4 Prozent der Erwerbstätigen entfallen, hat demnach für ein Achtel des Wirtschaftswachstums gesorgt", sagt Böllhoff und macht noch eine weitere Rechnung auf.

Die Bedeutung der Branche lasse sich auch am Verhältnis von Umsatz zu Bruttowertschöpfung ablesen. Ein Anstieg der Versicherungsbeiträge - also des Umsatzes der Assekuranz - um einen Euro führe zu einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von rund 1,30 Euro. Alle anderen Branchen kämen bei dieser Rechnung im Schnitt auf 1,24 Euro. Will sagen: Der Beitrag der Versicherungswirtschaft zur Bruttowertschöpfung in Deutschland ist überproportional hoch.

Nicht zuletzt profitiere auch der deutsche Fiskus von der Branche. So habe sie im vergangenen Jahr zum gesamten Steueraufkommen der Republik direkt und durch indirekte Effekte 4,4 Prozent oder 26,2 Milliarden Euro beigetragen, heißt es in der Studie weiter.

"Assekuranz in ihrer Bedeutung anderen Industrien mindestens ebenbürtig"

Dass die Bilanz so positiv für die Versicherungswirtschaft ausfällt, hat in erster Linie mit ihrer funktionalen Bedeutung für die Gesamtwirtschaft zu tun. Diesen Beitrag erfasst die herkömmliche volkswirtschaftliche Statistik so nicht. Darum hat Prognos ein ökonometrisches Modell angelegt, das eben dieser Funktion der Branche Rechnung trägt. Maschinenbau, Auto-, Chemie- und Elektroindustrie - für gewöhnlich heben Ökonomen mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland die Rolle dieser Branchen hervor.

In der Erstversicherung nimmt der deutsche Versicherungsmarkt weltweit Platz sechs ein. Von den fünf größten Rückversicherern weltweit haben mit der Münchener Rück  und der Hannover Rück  zwei ihren Sitz in Deutschland. Gut ein Drittel der weltweiten Beitragseinnahmen im Rückversicherungsgeschäft entfielen auf deutsche Anbieter. Deutschland ist damit Weltmarktführer.

Rückversicherer weltweit führend, Erstversicherer Nummer sechs

Der im Ausland generierte Anteil der Beitragseinnahmen der deutschen Rückversicherer wächst zudem beständig - zuletzt auf rund 75 Prozent. Dies spreche nicht nur für den hohen Stellenwert, den die Unternehmen unter ausländischen Erstversicherern genießen. "Hier zeigt sich auch die konsequente Internationalisierungsstrategie der deutschen Rückversicherer", hob Prognos-Chef Böllhoff hervor.

Alles rosig also? Wohl kaum. Die Wachstumsraten auf dem deutschen Versicherungsmarkt fallen zurück. Das anhaltende Niedrigzinsumfeld lastet wie ein Mühlstein auf der gesamten Branche, drückt auf die Bilanzen der Unternehmen und reduziert damit auch ihre Fähigkeit, mehr Risiken zu übernehmen. Gleichwohl beurteilt Prognos die Perspektiven für die deutschen Versicherer im In- und Ausland als gut.

Die private Versicherung werde im Zuge der demografischen Entwicklung (Pflege) und des Bedeutungsverlusts der Familie hierzulande gewinnen. Auf der anderen Seite stiegen in einer vernetzen und komplexeren Welt die Risiken für Unternehmen (Cyberrisiken). Zugleich veränderten neue Technolgien und der Klimawandel die Risikolandschaft. Nähmen die Versicherer diese Herausforderungen mit neuen, adäquaten Versicherungslösungen an, dürfte ihre Bedeutung in der Gesamtwirtschaft sogar noch steigen.

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