BdV-Chef erhebt Vorwürfe "Allianz informiert beim Garantiezins bewusst falsch"

Die Allianz behauptet, im Neugeschäft spielten die einst beliebten Policen mit Garantiezins kaum noch eine Rolle. Der Kunde wünsche sie nicht. Das ist nur die halbe Wahrheit. Verbraucherschützer werfen dem Konzern sogar bewusste Desinformation beim Garantiezins vor.
Der Bund der Versicherten (BdV) wirft der Allianz windige Erklärungen zum Garantiezins ihres Neugeschäftes vor

Der Bund der Versicherten (BdV) wirft der Allianz windige Erklärungen zum Garantiezins ihres Neugeschäftes vor

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Der Deutsche ist risikoscheu - jedenfalls bei der Geldanlage. Deshalb hortet er drei Viertel seines Geldvermögens auf Sparbüchern, Tagesgeld- und Girokonten. Deshalb sind ihm Begriffe wie "Sicherheit" und "Garantie" geläufiger als "Dividendenrendite" oder "Value-Investing". Deshalb sorgt jeder Deutsche statistisch gerechnet mit einer Lebensversicherung vor - am liebsten mit einem garantierten Zins auf den Sparbeitrag und einer lebenslang garantierten Rente.

Mit genau diesen Verkaufsargumenten lockte die Branche jahrzehntelang die Menschen in Kapitallebens- und Rentenversicherungen. Doch nun sollen diese Argumente nicht mehr zählen.

In Zeiten niedrigster Zinsen würden sich viele Lebensversicherer lieber heute als morgen von ihren langfristigen Versprechen trennen, weil sie dafür hohe Rückstellungen in der Bilanz bilden müssen. Die Allianz tut es, verkauft größere Lebensversicherungsportfolien im Ausland sogar mit Verlust.

Glaubt man dem Marktführer, interessierten sich deutsche Kunden auch nicht mehr für die klassische Police. Neun von zehn setzten beim Neuabschluss auf Verträge ohne Garantiezins, berichtet die Allianz.

Weniger Garantie, höheres Risiko, nur bedingt bessere Renditechance

Garantieprodukte haben also ausgedient? Die deutschen Sparer gehen für ihre Altersvorsorge bereitwillig und massenhaft ins Risiko? Das ist nach der jahrzehntelangen Fokussierung auf Sicherheit und Garantien schwer vorstellbar.

Die ganze Wahrheit sieht anders aus: So unterschlägt die Allianz bei kolportierten Verkaufserfolgen ihrer neuen Produkte gern, dass sie den Vertrieb für die klassische Police quasi eingestellt hat. Nach Informationen von manager-magazin.de rät sie im Verkaufsgespräch sogar explizit davon ab, sollte der Kunde danach fragen.

Viele neuartige Policen der Branche bedeuten für den Kunden vor allem eines: weniger bis keine Garantie, höheres Risiko bei nur bedingt besseren Renditechancen. Das sind schlechte Verkaufsargumente.

Und so erfährt der Kunde etwa bei den viel beworbenen "Indexpolicen" nicht, dass er in hochkomplexe, teils ungesicherte Finanzkonstrukte investiert und nicht direkt an einem Börsenindex partizipiert, wie "Öko-Test" bereits analysierte. Entscheide sich der Kunde für die Indexbeteiligung, laufe er Gefahr, seine magere Überschussbeteiligung noch zu verzocken.

Darüber aber klärten Anbieter wie die Allianz ihre Kunden nicht auf, kritisiert auch Verbraucherschützer Axel Kleinlein. Mehr noch wirft der Chef des Bundes der Versicherten (BdV) der Allianz vor, mit ihren Angaben zum Neugeschäft ohne Garantiezins bewusst falsch zu informieren.

"Die Allianz gibt den Kunden weniger als sie könnte"

Wenn die Allianz verbreitet, dass 90 Prozent des Neugeschäfts auf Tarife ohne Garantiezins entfallen, kolportiere sie hier "wissentlich falsche Zahlen". Ein Großteil der Altersvorsorgetarife werde nach Recherche des BdV weiterhin mit einem Garantiezins kalkuliert. Nur liege dieser oft unter dem derzeit gültigen Garantiezins.

Das ist nicht verboten, aber ein schlechtes Verkaufsargument, also verschweige es die Allianz lieber ganz. Kritischen Nachfragen des Mathematikers zur Kalkulation der neuen Produkte wich der Konzern aus und antwortete schließlich gar nicht mehr, sagt der BdV-Chef. Für ihn steht fest: "Die Allianz arbeitet mit dem gleichen System, gibt den Kunden aber weniger als sie könnte." (Eine frühe BdV-Analyse der im Sommer 2013 aufgelegten Allianz-Police "Perspektive" lesen Sie hier)

Wer wie die Allianz vor dem Hintergrund anstehender finanzpolitischer Entscheidungen zur Lebensversicherung mit "falschen Darstellungen zu den eigenen Produkten" argumentiere, verspiele dringend notwendiges Vertrauen, warnt Kleinlein zugleich.

Zum Hintergrund: Bundesfinanzminister Schäuble erwägt im kommenden Jahr eine weitere, deutliche Senkung des Garantiezinses von 1,25 auf 0,9 Prozent für Neuverträge. Vor diesem Schritt will das Ministerium Verbraucherschützer und Branchenvertreter anhören. Anschließend kann der Minister den geringeren Rechnungszins per Verordnung festlegen.

Besser überzogene Reservebildung lockern anstatt Garantiezins senken

Die Branche beurteilt die angestrebte Senkung keineswegs einheitlich. Finanzschwächeren Anbietern würde sie aber entgegenkommen, da für niedrigere Garantien eben auch geringere Rückstellungen zu bilden sind. Der BdV lehnt die Senkung ab: Sie würde die Garantie weiter aushöhlen, hätte aber keinen signifikanten Effekt auf die Stabilität der Unternehmen, sagt Kleinlein.

Die verpflichtende Zinszusatzreserve belaste die Lebensversicherer viel stärker als der aktuelle Höchstrechnungszins von 1,25 Prozent. Im Schnitt erzielen die Lebensversicherer mit ihren Kapitalanlage eine Rendite von rund 3 Prozent, die Allianz nach eigenen Angaben zuletzt sogar 4,7 Prozent. Ein niedrigerer Rechnungszins sei daher nicht notwendig, ist Kleinlein überzeugt.

Statt den Zins zu senken sollte der Finanzminister vielmehr die "überzogene Reservebildung" lockern und die Unternehmen anweisen, die so frei werdenden Milliarden zumindest zum Teil als Überschuss an die Kunden auszuzahlen.

Gerade mit Blick auf die Zinszusatzreserve wurde in der Vergangenheit den Unternehmen vorgeworfen, durch die Art ihrer Bilanzierung nutzten sie die Zinszusatzreserve, um sich auf Kosten der Kunden zu sanieren. Bilanzexperten wiesen den Vorwurf aber vehement zurück.

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