Altersvorsorge - Zeit zum Kassensturz 5 Tipps für mehr Geld im Ruhestand

Die Generation 50plus ist die größte Altersgruppe in Deutschland. Bis zur Rente ist es nicht mehr weit. Gerade noch rechtzeitig, um letzte Lücken zu schließen.
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Eine, die alles richtig gemacht hat, ist Renate Finke: 61 Jahre alt, Chefökonomin von International Pensions bei Allianz Global Investors. Am 1. Mai 2016 kann sie aufhören zu arbeiten - fast zweieinhalb Jahre vor ihrem frühestmöglichen Renteneintritt - ohne größere Abstriche von ihrem Lebensstandard hinnehmen zu müssen.

Den Schritt hat Finke von langer Hand vorbereitet. Seit etlichen Jahren sammelt sie auf einem Wertkonto ihres Arbeitgebers Monat für Monat 20 Prozent ihres Gehalts. Aus diesem angesparten Guthaben bezieht sie bis zur ersten Rentenzahlung 2018 ihr Einkommen. Dazu kommt dann noch die Betriebsrente. Plus die Erträge aus ihrem Wertpapierdepot. Miete zahlt die Volkswirtin keine, sie lebt in ihrer abgezahlten Eigentumswohnung.

Alles richtig gemacht!

50 ist "der perfekte Zeitpunkt für einen großen Kassensturz", raten Experten wie Ellen Ehrich, Inhaberin der Hamburger EEC-Vermögensplanung. Die Besitztümer seien dann kalkulierbar, und es bleibe noch genügend Zeit, Lücken zu schließen.

Finanzplanung in der Mitte des Lebens - das Thema ist hochbrisant. Die Generation 50plus ist derzeit die größte Altersgruppe in der Republik; die Babyboomer (1964 war der geburtenstärkste Jahrgang) sind erwachsen geworden - und sie müssen vorsorgen.

Schritt 1: Ehrlich Bilanz ziehen

Jeder Finanzplanung voran geht die Bestandsaufnahme: Einnahmen und Ausgaben, und zwar nicht grob im Kopf, sondern schriftlich. Aktien, Fonds, Anleihen, festverzinsliche und andere Wertpapiere, dazu Versicherungen oder Sparverträge, weiterhin Ansprüche aus gesetzlichen, betrieblichen oder privaten Rentenversicherungen, Zuflüsse aus den Versorgungskassen der Freien Berufe oder aus Riester-Verträgen sowie Mieteinkünfte. Alles sollte erfasst werden. Inklusive Immobilien oder Beteiligungen.

Wichtig ist es, Fristen zu notieren, zu denen Gelder verfügbar sind, also wann Lebensversicherungen ausgezahlt oder Hypotheken getilgt werden.

Um die regelmäßigen Einnahmen nach Ende der Berufstätigkeit abschätzen zu können, sollten Angestellte sich anhand ihrer Bescheide errechnen lassen, wie viel sie tatsächlich überwiesen bekommen. Denn die künftigen Rentner zahlen Steuern auf die gesetzlichen Alterseinkünfte. Rente vorzeitig zu beziehen sieht Renate Fritz von der Anlageberatung Frau & Geld als Verlustgeschäft: "Die Abschläge summieren sich extrem."

Erbschaften oder Schenkungen können zumindest abgeschätzt werden. Ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Erblasser lohnt sich auf jeden Fall. Sonst entpuppt sich der erhoffte Geldsegen noch als Schuldenberg.

Doch zur Erhebung des Status quo gehört auch die Kostenseite. Kontoauszüge aus den vergangenen Jahren helfen dabei herauszufinden, welche Summen regelmäßig abfließen. Oft stellt sich dann heraus, dass die Kosten für Auto, Urlaub, Kleidung oder Sport deutlich unterschätzt werden.

Die Ausgaben können im Ruhestand steigen, etwa weil der Dienstwagen entfällt und Städtetrips statt zwei Tage gern mal zwei Wochen dauern. Oder sie sinken, weil keine Maßanzüge mehr benötigt werden, Frustkäufe entfallen und die Kinder selbst verdienen.

Martin Schweiger vom Finanzberater Plansecur rät zu Aufrichtigkeit bei der Frage nach dem gewünschten Lebensstil: "Viele rechnen sich die Kosten schön." Statt eine neue Bescheidenheit einzuplanen, sollte man sein Leben im Alter großzügig kalkulieren. Und nicht zuletzt: eine realistische Inflationserwartung, also Kostensteigerungen einbeziehen. Insbesondere Krankenversicherungsbeiträge legen meist zu.

Schritt 2: Einnahmen erhöhen

Wer feststellt, dass seine Einnahmen nach dem Ende der Berufstätigkeit zu gering sind, kann anfangen, sie aufzubessern. Geprüft werden muss, ob sich etwa eine steuerbegünstigte Rürup-Rente lohnt. Weil 50-Jährige meist noch mehr als zehn Jahre arbeiten, können sie mit Wertpapieren weiteres Kapital für eine Zusatzrente bilden. Nach Einschätzung von Sonja-Verena Müller, Family-Bankerin beim Bankhaus August Lenz, ist der Anlagehorizont besonders für Sparpläne "lange und flexibel genug, um Marktschwankungen für das Portfolio zu nutzen". Schließlich müsse ja nicht die Gesamtsumme pünktlich zum Rentenbeginn aufs Girokonto überwiesen werden. Eine breite Streuung in Fonds diverser Anlageklassen und Regionen mindere das Verlustrisiko zusätzlich.

Die vermeintlich sichere Alternative, eine Immobilie zum Vermieten zu erwerben, sollte gut kalkuliert sein. Zinshäuser garantieren keine Einnahmen, Mietausfälle oder Renovierungsbedarf können den Zufluss gefährden. Mietobjekte eignen sich als Anlage nur für jene, die ihr Vermögen vererben wollen. Dabei sollten sie die Rendite nicht außer Acht lassen - besonders interessant sind denkmalgeschützte Liegenschaften - oder wenigstens den Eigenbedarf mit einkalkulieren. In ein Pflegeapartment etwa kann der Eigentümer später selbst einziehen.

Schritt 3: Vermögen ordnen

Weil keine einzelne Geldanlage die Bedürfnisse nach Rendite, Sicherheit und Liquidität zugleich erfüllt, muss das Portfolio für die unterschiedlichen Ansprüche der zweiten Lebenshälfte sorgfältig angepasst werden. Zuflüsse aus Lebensversicherungen oder Erbschaften sollten zunächst genutzt werden, um Schulden zu tilgen. Spätestens zum Renteneintritt müssen sämtliche Immobilien abgezahlt sein - schon weil nach Ende der Berufstätigkeit kaum noch Steuervorteile greifen. Zudem bedarf es für anstehende Sanierungen ausreichender Rücklagen.

Wer genug emotionalen Abstand hat, prüft sein Eigenheim auf langfristige Tauglichkeit und Verwertbarkeit. Oft ist das Haus mit Garten viel zu groß, wenn die Kinder ausgezogen sind. Wer verkauft, hat mehr Gestaltungsspielraum für anderes.

Zentrale Entscheidung hierbei: Welcher Teil des Vermögens soll als Erbe erhalten bleiben, welcher darf verbraucht werden? Dass sich Bedürfnisse im Lauf der Zeit ändern, sollte ebenfalls einkalkuliert werden: Der junge Pensionär gönnt sich eher lange Reisen, der 80-Jährige nur noch einen Gärtner oder privaten Pflegedienst.

Auch im Alter gibt es also sehr unterschiedliche Anlageziele sowie -zeiträume, die jeweils unterschiedliche Investments erfordern. Vorhandene renditestarke Anlagen sollten deshalb nach der Erwerbsphase keinesfalls - wie gern empfohlen - in vermeintlich sichere Rentenwerte umgeschichtet werden. Zum einen verschenkt man damit unnötig Rendite. Zum anderen drohen enorme Verluste, wenn es in den nächsten Jahren doch noch zur Zinswende kommt.

Erträge aus bestehenden Investments - etwa Dividenden - müssen in der Entsparphase nicht wieder angelegt werden. Sie können wie ein zusätzliches Einkommen konsumiert werden, für besondere Wünsche, ohne die Substanz anzugreifen.

Mit zur Grundausstattung gehören auch eine ausreichende Barreserve für größere Ausgaben wie ein Auto oder ein neues Dach fürs Haus. Die meisten Verluste entstehen, weil Anlagen zum falschen Zeitpunkt aufgelöst werden für Ausgaben, die eigentlich absehbar und planbar sind, wie etwa der altersgerechte Umbau des Badezimmers.

Schritt 4: Wachstum erzeugen

Wohin aber mit nicht benötigtem Kapital? "Das Geld muss arbeiten", sagt Michael Huber vom VZ Vermögenszentrum in Frankfurt.

Das Problem: Rendite ohne Risiko gibt es in der Nullzinsära nicht mehr. Huber empfiehlt deshalb die Aufteilung des Vermögens in einen Verbrauchs- und einen Wachstumsteil: Etwa ein Drittel könne über zehn Jahre abgeschmolzen und dazu sicher geparkt werden; für den Rest gelten die gleichen Regeln wie für jüngere Anleger. Jeder muss für sich entscheiden, wie viel Risiko er einzugehen bereit ist.

Für Vorsichtige taugen Mischfonds, die je nach Marktlage Aktien und Rentenwerte unterschiedlich gewichten. Mutigere mischen gezielt Aktienfonds und Anleihepakete. Ein Portfolio mit 20 Prozent maximalem Verlustrisiko enthält typischerweise 60 Prozent Aktienanteil und 40 Prozent defensive Anlagen, sogenannte Absolute-Return-Fonds oder Anleihen.

Wer seine Geldanlage nicht managen lassen will, sollte Exchange Traded Funds kaufen, die kosten kaum Gebühren und bilden diverse Aktienindizes ab. Wichtig: Diese ETFs sollten ihren Index voll widerspiegeln und nicht nur dessen Verhalten nachbauen - sonst drohen böse Überraschungen. Zudem schwanken sie heftig mit dem Markt. In jedem Fall gilt: Auch Rentner müssen ihr Portfolio immer wieder überprüfen. Einmal im Jahr sollte jeder seinen Finanzplan aktualisieren.

Schritt 5: Risiken absichern

Zwei große Unwägbarkeiten sollten mit 50plus indes unbedingt abgesichert sein. So empfiehlt sich eine private Pflegerentenversicherung. Solche Policen lassen sich auch per Einmalzahlung bedienen und wieder auflösen, falls absehbar wird, dass der Pflegefall nicht eintritt.

Sehr viel schwerer einzuschätzen ist da schon das größte Finanzrisiko der Babyboomer - ihre Langlebigkeit. Die Chance, weit älter als 90 Jahre zu werden, ist für sie höher, als oft angenommen wird. Wer gesund lebt und keine frühen Todesfälle in der Familie hat, sollte Modelle wie die verschobene Leibrente prüfen. Doch Achtung: Solche Policen sind keine Renditealternative. Sie sollen lediglich verhindern, dass am Ende das Geld ausgeht.

Drei Menschen ohne Rentensorgen: High End

Axel Bösch

Axel Bösch

Foto: Gianno Occhipinti für manager magazin

Axel Bösch (60), Partner einer großen internationalen Wirtschaftskanzlei, schafft sich Freiraum.

Fall: Nach mehr als 30 Jahren als Topanwalt in globaler Firmenberatung und Prozessführung sehnt sich der Professor für Wirtschaftsrecht nach mehr Freiheit für die Lehre, seine Tätigkeit als Mediator und sein künftiges Institut für Konfliktmanagement. Er plant daher, seine Arbeit als Wirtschaftsanwalt schrittweise zu reduzieren. Finanzielle Unabhängigkeit geben ihm seine Immobilien - Häuser und Wohnungen in Hamburg, Paris und Salzburg.

Analyse: Nach dem Ende seiner Berufstätigkeit kann Bösch weiter mit Einkünften rechnen, die in etwa seinem bisherigen fünfstelligen Monatseinkommen entsprechen. Das anwaltliche Versorgungswerk sowie seine Mieteinnahmen machen's möglich. Die verbliebenen Immobilienkredite will er in den nächsten fünf Jahren vollständig tilgen.

Empfehlungen: Beim Ausscheiden als Partner kassiert der Jurist noch einmal einen größeren Betrag für seinen Anteil an der Kanzlei. Mit dem sollte er sein Wertpapierdepot (eine Mischung internationaler Aktienfonds) aufstocken.

Mustergültig

Ehepaar Elly und Michael Kleiser

Ehepaar Elly und Michael Kleiser

Foto: Ilja Mess für manager magazin

Elly (54) und Michael Kleiser (52), Inhaber der Kleiser Steuerberatung, haben ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt.

Fall: Das Ehepaar Kleiser lebt mietfrei in seinem renovierten Gründerzeithaus in Ravensburg und bedient zusätzliche Kranken- und Pflegeversicherungen. Für unerwartete Ausgaben haben die beiden ein Rücklagenkonto eingerichtet, das ihrem doppelten Jahresbedarf entspricht. Jeder baut für sich seit Längerem mit Lebensversicherungen und Fondssparplänen vor. Elly hat als angestellte Bürochefin einen Rentenanspruch. Michael zahlt als Steuerberater in eine pfändungssichere private Rentenversicherung ein. Zudem investiert er in seine 14 Mitarbeiter, sodass die inzwischen auch Erfolgsreporting und Coaching anbieten. Der Unternehmer will noch lange arbeiten.

Analyse: Die Vorsorge ist so umfassend, dass die Kleisters es sich sogar leisten können, Startups mit Risikokapital zu päppeln.

Empfehlungen: Noch kann sich das Ehepaar ein Leben ohne Arbeit kaum vorstellen. Eine genaue Vermögensplanung für die Entsparphase, also wann welche Anlage aufgelöst wird, kann dennoch nicht schaden.

Neustart

Sylvia Humbaur-Thijssen

Sylvia Humbaur-Thijssen

Foto: Fritz Beck für manager magazin

Sylvia Humbaur-Thijssen (54), Unternehmerin aus München, orientiert sich noch mal um.

Fall: Die Designerin weiß, wie wichtig finanzielle Unabhängigkeit ist. Deshalb zahlte die zweifache Mutter lange in eine Lebensversicherung sowie in die gesetzliche Rentenkasse ein. Zusätzlich investierte die Geschäftsfrau, die mit 23 bereits ihr erstes Unternehmen aufbaute, in Immobilien. Sie möchte ihr Vermögen flexibel anlegen, um Kapital für eine neue Firmengründung zu haben.

Analyse: Dank der Eigenvorsorge kann die Kreative einen Teil ihrer laufenden Ausgaben aus Mieteinnahmen decken. Was noch fehlt, ist eine langfristige Risikoabsicherung, die aber aus den Erträgen der Lebenspolice bedient werden kann.

Empfehlungen: Ihr freies Vermögen sollte Humbaur-Thijssen unterteilen in einen kurzfristig verfügbaren Start-up-Teil und einen Wachstumsteil. Für den Neustart sollte sie maximal ein Drittel der Barmittel sicher auf Festgeldkonten parken. Zwei Drittel sollten in Mischfonds angelegt werden, die langfristig Renditen von 3 bis 4 Prozent abwerfen.

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