Axel Kleinlein

Police wird zum Risikoinvestment Die Allianz Lebensversicherung gibt auf

Axel Kleinlein
Von Axel Kleinlein
Von Axel Kleinlein
Die Allianz Lebensversicherung garantiert ihren Kunden künftig deutlich weniger Geld als sie einzahlen – was einen Verlust bedeuten würde. Das ist eine historische Zäsur. Schuld an dieser Entwicklung trägt vor allem das Unternehmen selbst.
Foto: DPA

Die neuen Produkte der Allianz haben zukünftig Garantien, die letztlich Verlust bedeuten. Die Kundinnen und Kunden dürfen sich nur noch aussuchen, wie hoch der Verlust sein soll. Wer heute hundert Euro in den Sparstrumpf steckt, hat in zehn Jahren noch immer hundert Euro. Bei der Allianz kann man zukünftig nur noch sicher sein, dass es 90, 80 oder gar nur 60 Euro sind. Wer hätte gedacht, dass es die Allianz aufgibt, Produkte anzubieten, die zumindest Verlust verhindern? Wer hätte gedacht, dass der Sparstrumpf einmal bessere Garantien bringt als die Allianz?

Axel Kleinlein
Foto: imago

Axel Kleinlein ist Versicherungs-Mathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Wie konnte es so weit kommen? Hohe Kosten, niedrige Zinsen und Fehlkalkulation. Diese Mischung hat die gesamte Lebensversicherungsbranche in Deutschland an den Abgrund gebracht, vorneweg den Branchenführer.

Für die hohen Kosten sind die Versicherer selbst verantwortlich. Intern arbeiten viele Unternehmen mit veralteter, ineffizienter und teurer IT. Digitalisierung ist als Schwerpunktthema erst seit ein paar Jahren in den Versicherungshäusern angekommen. Viel zu spät. Das erfordert Geld und erhöht die Kosten. Hinzu kommen Vermittler, die hohe Provisionen fordern. Gemessen an den garantierten Leistungen fließt für den Verkauf einer Lebensversicherung als Altersvorsorge heute das zwei- bis dreifache wie in den 90ern. Und die Branche wehrt sich erfolgreich gegen eine Begrenzung dieser Provisionen.

Hohe Kosten verhindern vernünftige Garantien

Hohe Kosten verhindern aber vernünftige Garantien. Wenn die Allianz also zukünftig nur noch den Verlust garantieren wird, dann liegt das auch ganz besonders an den Kosten. Anstatt aber die Kosten zu senken und sich womöglich mit dem Vertrieb anzulegen, wird die Allianz den Kundinnen und Kunden zukünftig also nur noch den Verlust garantieren.

Für die niedrigen Zinsen können die Allianz und die anderen Versicherer nur wenig. Aber sie haben über viele Jahrzehnte im Namen der Kundschaft immer die zuweilen schlecht verzinsten Staatspapiere gekauft und damit besonders auch in den letzten Jahren mitgeholfen, die niedrigen Zinsen zu zementieren. Im Gegenzug waren die Finanzminister immer freundlich und haben mit neuen Gesetzen und Verordnungen den Versicherern geholfen, an die Kundengelder zu kommen.

100 Milliarden an Überschussbeteiligung haben die Versicherer alleine in den letzten zehn Jahren den Kundinnen und Kunden vorenthalten. Allein die Allianz hat etwa zwanzig Milliarden in der Zinszusatzreserve und der freien RfB (Rückstellung für Beitragsrückerstattung) beiseitegeschafft, Gelder die eigentlich für Überschüsse gedacht waren. Vielleicht sehen die Versicherten irgendwann einmal etwas davon als Überschussleistung. Aber diese Chance ist sehr gering.

Fehlkalkulation kostet Kunden viel Geld

Die Fehlkalkulation ist aber das schwerwiegendste Problem, auch bei der Allianz. In den 80er- und 90er-Jahren kalkulierten die Aktuare mit hohen Garantiezinsen von bis zu vier Prozent (damals war ich im Allianz-Aktuariat auch mit dabei). Niemand hatte sich Gedanken gemacht, ob das eine solide Kalkulation wäre. Nach der Devise, dass man die vier Prozent schon immer schaffen würde, haben wir die Tarife gerechnet. Im Nachhinein war das blauäugig und dumm. Es war nicht eines Aktuars würdig, nur mit einem fast religiösen Glauben an hohe Zinsen Produkte zu kalkulieren, die über Jahrzehnte laufen sollten. Diese Fehlkalkulation kostet Geld, viel Geld. Geld, das die Versicherer nun eben den Kundinnen und Kunden wegnehmen und das eigentlich für die Überschussbeteiligung gedacht war.

Es ist bezeichnend, dass bei der Allianz Lebensversicherung mittlerweile kein Aktuar mehr an der Spitze steht. Es ist bezeichnend, dass der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mittlerweile von einem ehemaligen politischen Spitzenbeamten, EZB-Direktor und Investment-Banker geführt wird , der sich seine Meriten in der Finanzkrise mit der Abwicklung der Pleiteländer erarbeitet hat. Jetzt ist er dabei, die Pleitenbranche der Lebensversicherer als Cheflobbyist zu vertreten. Seine zukünftigen Themen werden konsequenterweise dann Abwicklung, Run-Off und der Pleitenpool Protektor sein.

Allianz Pensionskasse - Kunden bleibt nur die Hoffnung

Die Allianz hat stets den Eindruck vermittelt, dass sie bei der Lebensversicherung nicht auf Abwicklung oder Verkauf setzen würde. Aber nach Verkäufen im Ausland hat sie jetzt angekündigt, ihre Pensionskasse hier in Deutschland zu schließen. Wer dort seine Altersvorsorge hat, dem bleibt nur noch das Prinzip Hoffnung. Denn wo früher ein Wettbewerb war, der dafür sorgte, dass sich die Allianz mit Konkurrenzprodukten messen musste, da ist dann jetzt kein Wettbewerb mehr. Diese Pensionskasse ist nun im internen Run-Off. Die Verträge werden nur noch abgewickelt.

Die Allianz steht mit dieser Politik der desolaten Altersvorsorge nicht allein da. Das betrifft so ziemlich die gesamte Branche. Als Branchenprimus hat sie aber schon immer eine Sonderrolle und setzt Maßstäbe. Und der Maßstab für zukünftige Verträge ist nun der garantierte Verlust. Die Allianz macht’s vor.

PS: Natürlich könnte es sein, dass es womöglich zukünftig irgendwann mal wieder ein bisschen Überschussbeteiligung geben könnte oder die Verträge durch ein bisschen Aktieninvestment ein wenig besser laufen und mehr einbringen als nur die reine Garantie. Aber dazu müsste diese Kapitalanlage wieder gut laufen und es müssen Manager in den Vorständen sitzen, die nett zur Kundschaft sein wollen und dann tatsächlich eine faire Überschussbeteiligung gewähren. Allein mir fehlt der Glaube. Dazu hat sich diese Branche zu brutal verkalkuliert und zu brutal die Kundinnen und Kunden geschröpft, als dass ein Umschwenken zu erwarten wäre.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.