Montag, 1. Juni 2020

Schmu mit Rentenfaktoren bei Riester und Rürup So zockt die Allianz beim Altwerden ab - und die Politik schaut zu

Wie hoch fällt die Rente aus? Das bestimmt nicht unerheblich der sogenannte Rentenfaktor. Der ist teils garantiert und teils eben nicht. Das macht die Sache nicht nur kompliziert, sondern öffnet der Intransparenz Tür und Tor.

Die Allianz setzt Maßstäbe! Nicht nur in Sachen Größe und Umsatz. Jetzt hat sie auch die Maßstäbe an Unverfrorenheit und Arroganz noch höher gesetzt. Nicht nur, dass sie früher die Kundinnen und Kunden mit intransparenter und unfairer Überschussbeteiligung abzockte. Heute ist sich die Allianz sogar zu fein, mit Kritik auseinanderzusetzen. Dabei ist die Diskussion schon längst im Bundestag angekommen. "In eine solche Debatte möchten wir nicht einsteigen", lässt die Allianz verlauten.

Welche Debatte?

Axel Kleinlein
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Axel Kleinlein ist Versicherungs-Mathematiker und arbeitete in dieser Funktion auch für die Allianz. Seit 2011 (mit kurzer Unterbrechung) führt er als Vorstandsprecher den Bund der Versicherten (BdV) an, die größte deutsche Verbraucherschutzorganisation für Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Präsident des europäischen Verbraucherschutzverbands "Better Finance" in Brüssel.

Es geht darum, wie die Assekuranz ihre Rententarife kalkuliert. Je nach angenommener Lebenserwartung gibt es für die gleiche angesparte Summe unterschiedliche Renten. "Gemessen" wird das mit den sogenannten Rentenfaktoren. Klar ist: Ein Vertrag mit einem hohen garantierten Rentenfaktor bringt eine höhere garantierte Rente als einer mit einem niedrigeren Rentenfaktor. Dafür fallen aber beim Versicherungsunternehmen dann hohe Gewinne an, wenn der Rentenfaktor klein ist.

Bei der Allianz Lebensversicherung sind einige garantierte Rentenfaktoren erbärmlich. So beträgt der garantierte Rentenfaktor für einen Beispielvertrag für einen heute 37-jährigen, der eine Rentenversicherung als Rürup- oder Privatrente (Invest Flex) abschließt, gerade mal 15,21. Das heißt, der Versicherte bezieht 15,21 Euro Monatsrente je 10.000 Euro Kapital. Ein Versicherungsmathematiker kann daraus errechnen, welche Lebenserwartung unterstellt ist. Das Ergebnis: Die Allianz kalkuliert mit etwas über 120 Jahren Lebenserwartung - wohlgemerkt als durchschnittliche Lebenserwartung!

Bei den Riester-Tarifen wiederum macht sie es aber bei einigen Verträgen richtig kompliziert. Hier garantiert sie für das gesetzlich vorgeschriebene Garantiekapital, das zu Rentenbeginn vorliegen muss, eine Garantie-Rente, die aber nicht mit dem garantierten Rentenfaktor gerechnet ist. Dieser "nicht garantierte Rentenfaktor" auf das Garantiekapital ist etwa doppelt so hoch wie der "garantierte Rentenfaktor" mit den 120 Jahren. Verwirrt? Na klar! Und das ist ja vermutlich das Ziel der Allianz: Intransparenz in bisher ungeahntem Maße!

Zur Rettung der Allianz könnte man jetzt argumentieren, dass 120 vielleicht doch eine vernünftige Lebenserwartung wäre. Die Allianz hat ja selbst 2008 in ihrer offiziellen Aktionärszeitung behauptet "Wir leben bald bis 150!", dann wäre durchschnittlich 120 vielleicht möglich. Der Beleg für diese Prognose war aber nur ein Interview mit einem "Wissenschaftler", der für krude Zukunftsvisionen und seine fachliche Mitarbeit bei US-Scifi-Blockbuster berühmt ist. Jenseits dieser Allianz-Veröffentlichung kenne ich niemanden, der solche Lebenserwartungen ernsthaft behauptet.

Frage nach den Rentenfaktoren in der Politik angekommen

Zusammengefasst: Die Allianz kalkuliert mit absurd überzogenen Lebenserwartungen. Sie beruft sich dabei gegenüber den Aktionären auf windige Quellen. Sie arbeitet mit außerordentlich intransparenten Vertragsunterlagen. Und das geht dann alles zulasten der Kundinnen und Kunden und bei Riester- und Rürup-Renten auch zu Lasten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Damit konfrontiert, erklärt sie nun, sie möchte in keine Debatte über dieses Thema einsteigen.

Die Frage nach den Rentenfaktoren ist aber mittlerweile in der Bundespolitik angekommen. Konkret gefragt, musste die Bundesregierung jüngst in einer Kleinen Anfrage der FDP zugeben, dass sie keine Ahnung hat, wie es um die Rentenfaktoren steht. Die Bundesregierung interessiert sich offensichtlich nicht dafür, ob die Steuermittel bei der Allianz gut eingesetzt sind.

Eine bittere Erkenntnis: Diese Politik sorgt dafür, dass die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler Milliarden zur Verfügung stellen, damit die Produkte der Assekuranz aufgehübscht werden. Aber die Regierenden scheren sich nicht darum, ob es einen vernünftigen Gegenwert gibt.

Dieses Dilemma gibt es nur, weil diese Politik vorschreibt, dass bedingungsgemäß alle Riester- und Rürup-Sparerinnen und -Sparer früher oder später eine Rente bei einer Lebensversicherung kaufen müssen. Es gibt nämlich einen Verrentungszwang. Warum? Die politischen Macherinnen und Macher dieser Renten sind der Überzeugung, ältere Menschen mit Riester- oder Rürup-Renten könnten nicht vernünftig mit Geld umgehen. Deswegen soll das Geld dann zur Allianz oder einem anderen Versicherer.

Der Zwang zur Verrentung ist Entmündigung

Dieser Verrentungszwang betrifft hauptsächlich diejenigen, die auf Riester- und Rürup-Verträge im Alter angewiesen sind, also diejenigen, die im Alter - teilweise erhebliche - Versorgungslücken mindern müssen. Und so wird es dann richtig perfide: Eher alte Politikerinnen und Politiker zwingen jüngere Sparerinnen und Sparer, eine schlechte Verrentung hinnehmen zu müssen, weil diese etwas ärmeren Sparerinnen und Sparer ja per se im Alter zu dumm seien, um mit Geld umzugehen.

Ich glaube, wer für die Altersvorsorge gespart hat, hat bewiesen, dass er oder sie mit Geld umgehen kann. Da braucht es keiner Entmündigung. Im Gegenteil sollte sich stattdessen eine Allianz und ihre Konkurrenten darum bemühen, eine gute transparente Verrentung anzubieten, für die sich dann die Kundinnen und Kunden womöglich sogar freiwillig entscheiden. Wettbewerb mit anderen Finanzdienstleistern könnte hier vielleicht sogar funktionieren. Der Verrentungszwang verhindert das aber.

Die Politik ist gefordert - und kümmert sich nicht

Die Politik ist gefordert, auch ältere Menschen ernst zu nehmen und sie nicht in Sachen privater Altersvorsorge zu entmündigen. Die Politik ist gefordert, für Transparenz in den Vertragsbedingungen zu sorgen - auch was die Verrentung angeht. Leider kümmert sich diese Regierung aber eben nicht um solche Fragen. Entmündigung der Alten und Intransparenz sollen nach Wunsch von Merkel und Scholz anscheinend weiter bestehen.

Und genau deswegen kann die Allianz als Arroganz der Assekuranz auftreten und erklären, sie steige in keine Debatte ein, die ihr nicht genehm ist. Klar, dass sich die Allianz dieser Debatte nicht stellen will - argumentativ steht sie schließlich sehr schwach da. Aber die Allianz braucht keine Argumente. Ihre Lobbyisten neben dem Reichstag sorgen dafür, dass Verrentung weiter intransparent bleibt und Alte entmündigt werden.

PS: Fast alles was ich hier über die Allianz schreibe, kann auch auf die meisten anderen Lebensversicherer übertragen werden. Alleine die Allianz ist aber so arrogant zu erklären, sie möchte nicht in eine seine solche "Debatte … einsteigen".

PPS: Ich muss gestehen, dass ich in den 90ern auch im Aktuariat der Allianz gearbeitet habe, bis ich keine Lust mehr hatte, gegen die Versicherten zu rechnen. Damals haben wir aber mit deutlich geringeren Lebenserwartungen kalkuliert.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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