Dienstag, 17. September 2019

Versicherungsmathematiker Aktuare raten von langen Garantien ab

Weniger Garantie, mehr Risiko: Von herkömmlichen, lebenlangen Garantien wendet sich die Branche zusehends ab.

2. Teil: Bewertungsreserven - der Streit um "Gerechtigkeit"

Lörper bezeichnete die fortgesetzte Beteiligung ausscheidender Kunden an Bewertungsreserven als "völlig unsinnig". Unter Aktuaren und Assekuranz-Vorständen traf er in Berlin damit auf breite Zustimmung. Felix Hufeld, seit Januar neuer Chef der Versicherungsaufsicht bei der Bafin, erklärte, die Gesetzeslage wirke auf Dauer destabilisierend auf die Unternehmen. Das Thema gehöre nach der Bundestagswahl wieder auf die Agenda, forderte der Aufseher.

Die Beteiligungsregel benachteilige die große Mehrzahl der Bestandskunden, kritisierten die Aktuare. Sie haben laut Gesetz die Gleichbehandlung der Versicherten zu gewährleisten. "Ziel ist es, den kollektiven Versicherungsgedanken aufrecht zu erhalten und für Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen", sagte Lörper. Darüber müsse sich ein Lebensversicherter im Klaren sein. Lebensversicherer legten das Geld der Kunden auch nicht vertragsindividuell an, sondern für das Versichertenkollektiv.

93 bis 95 Prozent der Kunden, die ihre Verträge fortführen, finanzierten den auszuschüttenden Teil der Bewertungsreserven dadurch, dass lukrative ältere Papiere verkauft werden müssten. Dies sei ungerecht, da heute ausscheidende Kunden nicht im selben Umfang zum Entstehen der Bewertungsreserven beigetragen hätten, sondern primär vom Niedrigzins für festverzinsliche Papiere profitierten.

Den verbleibenden Kunden fehle damit nicht nur ein Teil der Reserven, ihnen gingen auch Zinsen verloren. Denn der nicht ausgeschüttete Teil der Bewertungsreserven müsse jetzt zu niedrigeren Zinsen angelegt werden. Bei anhaltenden Niedrigzinsen koste das die verbleibenden Kunden etwa 0,5 Prozent Rendite, sagte Lörper bereits unlängst im Gespräch mit manager magazin online.

Unternehmen an beklagter "Ungerechtigkeit" nicht schuldlos

Mit der "Gerechtigkeit" im Versichertenkollektiv ist das allerdings so eine Sache. Die Bewertungsreserven sind in erster Linie auf ältere, höher verzinste Papiere entstanden, die die Unternehmen zu besseren Kapitalmarktzeiten einkauften, um damit langfristig die zu jener Zeit gemachten höheren Garantien erfüllen zu können. Dass Kunden, deren Vertrag jetzt nach Jahrzehnten regulär ausläuft, sich diese Reserven in gewisser Weise zurechnen, ist ebenso verständlich wie der Umstand, dass sie auf tausende Euro Ablaufleistung nicht verzichten wollen.

Die "Ungerechtigkeit" - wenn man sie schon öffentlichkeitswirksam ins Feld führt - ist auch dadurch entstanden, dass Lebensversicherer im Wettstreit mit den Banken über Jahre bankähnliches Geschäft betrieben haben. Dabei lockten sie vermögende Kunden, die einmalig sechsstellige Beträge in kürzer laufende Produkte mit vergleichsweise höheren Zinssätzen einzahlten. Oft banden diese Produkte biometrische Risiken kaum oder gar nicht ein - quasi ein steuerlich attraktives Sparkonto im Versicherungsmantel.

Wenn diese Kunden jetzt die hohe Ablaufleistung wählen und nicht die Verrentung des Kapitals und zudem noch hohe Bewertungsreserven auf ältere Wertpapiere "einstreichen", ist die damit verbundene "Ungerechtigkeit" auch auf die Unternehmen selbst zurückzuführen.

Davon unbelassen bleibt, dass die verpflichtende Ausschüttung von Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere, die rund 90 Prozent der Kapitalanlage darstellen, einzelne Anbieter in einem dauerhaft niedrigen Zinsumfeld belasten kann. Es leuchtet auch nicht wirklich ein, dass Lebensversicherer einerseits Zinszusatzreserven bilden und andererseits zugleich Bewertungsreserven auflösen müssen.

Politik und Gesetzgeber werden hier eine Lösung finden müssen. Das Problem aussitzen, werden sie kaum können, dafür dürfte die Versicherungswirtschaft schon sorgen. Ob am Ende eine "gerechte" Lösung zustande kommt, bleibt dahingestellt.

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