Lebensversicherer Jammern auf hohem Niveau

Die Lebensversicherer fahren seit Jahren steigende Gewinne ein und sitzen auf zweistelligen Milliardenreserven, sagt Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey. Zur Panik bestehe kein Grund. Pläne, die Unternehmen einseitig zu Lasten der Kunden zu stärken, lehnt sie entschieden ab.
Es gibt genug zu verteilen: Lebensversicherer erwirtschaften immer noch ordentliche Gewinne und verfügen über hohe Reserven, sagt Finanzexpertin und "Öko-Test"-Autorin Sternberger-Frey.

Es gibt genug zu verteilen: Lebensversicherer erwirtschaften immer noch ordentliche Gewinne und verfügen über hohe Reserven, sagt Finanzexpertin und "Öko-Test"-Autorin Sternberger-Frey.

Foto: Corbis

mm: Frau Sternberger-Frey, Millionen Lebensversicherte bekommen es in diesen Tagen schriftlich. Die allermeisten Kunden müssen sich 2013 mit einer niedrigeren Verzinsung abfinden. Einmal mehr berufen sich die Anbieter auf erdrückend niedrige Kapitalmarktzinsen. Wie sehr leidet die Branche?

Sternberger-Frey: Das Klagen über Niedrigzinsen und zunehmende Regulierung vernehmen wir nun schon seit Jahren. Sicherlich hat die Branche zusehends Probleme, das Geld der Kunden gewinnbringend anzulegen. Sicherlich gibt es auch einzelne Anbieter, die stärker als andere ihre Reserven anzapfen müssen, um den Kunden etwas mehr als nur die garantierten Leistungen bieten zu können. Für mich ist das aber ein Jammern auf hohem Niveau. Denn der Branche geht es insgesamt gut.

mm: Die auf 3,6 Prozent abgesenkte durchschnittliche Verzinsung in diesem Jahr vermittelt einen anderen Eindruck. Woran machen Sie Ihre These fest?

Sternberger-Frey: Unsere jüngste Analyse von 70 Lebensversicherern für "Öko-Test" zeigt, die Unternehmen erwirtschaften auch in einer anhaltenden Niedrigzinsphase immer noch ordentliche Gewinne. Seit 2002 hat sich der Rohgewinn der Branche insgesamt auf rund 10,3 Milliarden Euro in 2011 nahezu verdoppelt. Von einer drohenden Notlage der Lebensversicherer, wie sie Ende vergangenen Jahres durch die Presse geisterte, kann also keine Rede sein. Die Branche kann ihre garantierten Zusagen jedenfalls noch lange erfüllen.

mm: Wie lange noch, wenn sichere, festverzinsliche Titel doch immer weniger abwerfen?

Sternberger-Frey: Richtig ist, dass die Erträge aus der Kapitalanlage tendenziell fallen. Im vergangenen Jahr erzielten die Lebensversicherer auch dank älterer Bonds aber immer noch eine Verzinsung von rund 4 Prozent im Schnitt. Frisches Geld konnten sie nach Analystenschätzungen für 3,3 Prozent anlegen. Das heißt, allein die Zinseinnahmen reichen allemal aus, um die garantierten Zusagen von 3,3 Prozent im Bestand zu erfüllen. Selbst wenn der Wiederanlagezins auf das mickrige Niveau von 1 Prozent fallen sollte, kann die Branche noch weit über das Jahr 2018 hinaus alle Garantien erfüllen. Zur Panik besteht also überhaupt kein Grund - und erst recht nicht zum Rückgriff auf das Geld der Kunden.

mm: Sie spielen auf die geplante Verordnung an, die der Vermittlungsausschuss des Bundestages in wenigen Tagen neu verhandeln wird. Laut Entwurf sollen Kunden künftig geringer an den Bewertungsreserven beteiligt werden. Um welche Summen geht es hier überhaupt?

Sternberger-Frey: Die von uns analysierten Unternehmen hatten Ende 2011 rund 41 Milliarden Euro an Bewertungsreserven in ihren Büchern stehen. Den ganz überragenden Anteil davon bilden die Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere. Bis jetzt müssen die Versicherer ihre Kunden zur Hälfte an diesen Reserven beteiligen, die indes im vergangenen Jahr wegen des niedrigen Zinsniveaus noch erheblich gewachsen sein dürften. Grob gerechnet geht es also um mindestens 20 Milliarden Euro, die den Kunden zustehen. Das Bundesfinanzministerium geht aktuell sogar von 37 Milliarden Euro bis 2025 aus. Die neue Verordnung würde es den Unternehmen ermöglichen, davon einen Sicherungsbedarf als zusätzlichen Puffer einzubehalten. Diesen Bedarf können die Anbieter aufgrund der Zinsformel zum Gesetz aber so aufblähen, dass die Kunden schlimmstenfalls keinen Cent dieser Bewertungsreserven erhielten.

Bewertungsreserven - Verlust von 8000 Euro und mehr möglich

mm: Wie hoch wäre der Verlust womöglich für den einzelnen Kunden?

Sternberger-Frey: Uns liegen Verträge vor, die in diesem Jahr auslaufen. Allein durch diese Regelung würde sich ihre Ablaufleistung um bis zu 9 Prozent verringern. Diese Altkunden würden also bis zu 8000 Euro und mehr ihres Vorsorgekapitals verlieren. Das ist schlicht nicht hinnehmbar und auch überhaupt nicht nötig. Denn die Branche hat derzeit noch enorm hohe Gewinnreserven, die sie in schlechten Zeiten mobilisieren kann.

mm: Das sollten Sie belegen.

Sternberger-Frey: Ein Lebensversicherer schüttet ja nie alle Gewinne sofort aus, sondern bildet Reserven. So parkt er einen Teil der Gewinne in einen Schlussgewinnanteilsfonds. Daran muss der Anbieter den Kunden erst beteiligen, wenn sein Vertrag ausläuft. Allein hier hatten die 70 Anbieter Ende 2011 rund 24 Milliarden Euro gehortet. Wiederum ein weiterer Teil der Gewinne fließt als Rücklage in die so genannte freie RfB. Diese Rückstellung für Beitragsrückerstattung ist ein Topf, aus dem der Versicherer schöpft, um Schwankungen auszugleichen. Einen Rechtsanspruch auf Geld daraus hat der Kunde jedoch nicht. Und auch diesen Topf füllen die Versicherer seit Jahren immer stärker auf. Zuletzt lagen hier rund 19,6 Milliarden Euro. Weitere 8,5 Milliarden wurden schon konkret für die Ausschüttung im Jahr 2012 reserviert …

mm: … das Überschusssystem ist zweifelsohne kompliziert. Aber was wollen Sie jetzt konkret damit sagen?

Sternberger-Frey: Das heißt, dass die Unternehmen allein in dem sich ständig auffüllenden Topf der freien RfB so viel Geld geparkt haben, dass sie die Ausschüttung eine gewisse Zeit konstant halten könnten, ohne auch nur einen einzigen Cent neu verdienen zu müssen. Unter dem Strich ist jedenfalls eines klar: In den Büchern der Lebensversicherer ruhen beträchtliche Gewinnreserven, die die Branche den Kunden mit dem von ihr angestoßenen neuen Gesetz jetzt vorenthalten will.

mm: Mit Blick auf ihre langfristigen Verpflichtungen und künftig schärfere Eigenkapitalregeln müssen die Lebensversicherer aber nun einmal mehr Geld zurücklegen.

Sternberger-Frey: Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Nur erhöhen die Unternehmen auf diese Weise nicht ihr Eigenkapital, sondern sie greifen auf Überschüsse der Kunden zu, und deklarieren diese Mittel dann als Eigenkapitalersatz. Das bedeutet: Die heutigen Bestandskunden sollen mit ihrem Verzicht auf einen Teil der erwirtschafteten Überschüsse die Eigenmittelanforderung von morgen finanzieren. Dabei geht es ja nicht nur Bewertungsreserven.

mm: Sondern?

Wie die Kunden um weitere Gewinne gebracht würden

Sternberger-Frey: Im Gesetzentwurf ist auch geplant, in dem erwähnten freien RfB-Topf noch einen weiteren Topf einzubauen, in dem die bereits erwirtschafteten Gewinne von Altverträgen aus den Jahren vor 1994 und seither abgeschlossenen Verträgen zusammengelegt werden. Diese Trennung von Alt- und Neuverträgen gibt es bislang übrigens aus rein formalen Gründen.

mm: Das ist doch plausibel, schließlich laufen immer mehr alte Verträge aus. Auf lange Sicht hätte man einen Rückstellungstopf für eine immer geringere Anzahl von alten Verträgen.

Sternberger-Frey: Gegen einen gemeinsamen Topf von Rückstellungen für alte und neue Verträge gibt es auch nichts einzuwenden. Die Sache hat aber einen entscheidenden Haken. Denn die in diesem kollektiven RfB-Topf gehorteten Gewinne sollen primär als Eigenmittel der Unternehmen dienen. In der praktischen Konsequenz kann das bedeuten, dass die Kunden von diesen Gewinnen, die ja mit ihren Beiträgen erwirtschaftet wurden, nichts mehr zu sehen bekommen.

mm: Es ist nicht absehbar, ob die Kapitalmarktzinsen wieder nachhaltig steigen werden, die Jahrzehnte währenden Verpflichtungen bleiben aber bestehen. Wenn Lebensversicherer wie beschrieben ihre Kapitalbasis stabilisieren können, kommt das letztlich doch allen Kunden zugute.

Sternberger-Frey: Na ja, präziser müsste es heißen: Die heutigen Kunden sollen mit ihrem Verzicht auf Überschüsse die Sicherheit der Lebensversicherer für die Zukunft finanzieren und zugleich deren Aktionären und Anteilseignern den Rücken frei halten. Das hat den Kunden bei Vertragsabschluss aber niemand gesagt - und diese Sicherheitsleistung nur von den Kunden einzufordern, das ist empörend. Dabei schütten die Unternehmen schon seit Jahren immer weniger vom Rohgewinn an ihre Kunden aus und schustern sich selbst immer mehr vom Gewinn zu.

Für weitere Einschnitte bei den Kunden gibt es außerdem überhaupt keinen Grund. Denn die allermeisten Anbieter erwirtschaften wie gesagt noch ordentliche Gewinne und verfügen über hohe Reserven in ihren Bilanzen. Auch bei schwachen Unternehmen ist in den nächsten Jahren nicht mit einer Insolvenz zu rechnen. Dieses Szenario gibt die Analyse ihrer Bilanzen einfach nicht her.

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