Altersvorsorge Riskanter Kostenvergleich für Riester-Sparer

Viele Lebensversicherer scheuen den direkten Vergleich. Genau den will die Bundesregierung jetzt erleichtern und per Gesetz für mehr Transparenz in der Riester-Rente sorgen. Das wird dauern - und auch ein Kostenvergleich kann in die Irre führen.
Auftrag Transparenz: Die Bundesregierung sucht nach Wegen, dem Verbraucher mehr Durchblick bei der Riester- und Rürup-Rente zu verschaffen

Auftrag Transparenz: Die Bundesregierung sucht nach Wegen, dem Verbraucher mehr Durchblick bei der Riester- und Rürup-Rente zu verschaffen

Foto: Corbis

Hamburg - Es ist ein Riesengeschäft: In den vergangenen zehn Jahren hat der Staat die Riester-Rente mit mehr als 13 Milliarden Euro allein durch Zulagen gefördert. Davon profitieren alle Produktanbieter. Staatliche Subventionen sichern starken wie schwachen Anbietern vergleichsweise sichere Einnahmen. Geht es um einen unabhängigen Vergleich, lassen sich viele Lebensversicherer aber nach wie vor nicht in die Karten schauen.

Ein weiterer Beleg dafür ist der jüngste Riester-Check von "Finanztest". Fast die Hälfte der angefragten Versicherer entzog sich dem Vergleich, legte kein Angebot vor. Die Verweigerungshaltung nimmt zu, muss auch der unabhängige Analysedienst "Map-Report" feststellen. Das für seine Rendite- und Kostenanalysen gefürchtete Magazin "Öko-Test" arbeitet deshalb immer öfter mit verdeckt eingeholten Angeboten.

Die Verweigerungshaltung vieler Versicherer stößt auf Kritik. "Sie handeln verbraucherunfreundlich und verhindern einen funktionierenden Qualitätswettbewerb", sagt Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). FDP-Bundestagsmitglied Erik Schweickert hält es für ein "Armutszeugnis", dass viele Anbieter kein Interesse an der Transparenz und Vergleichbarkeit ihrer Produkte hätten. Der bündnisgrüne Abgeordnete und Rentenexperte Wolfang Strenmann-Kuhn sieht die Versicherer "in der Pflicht, die notwendigen Informationen bereit zu stellen". Seinen Kollegen von der Linkspartei, Matthias Birkwald, zitiert "Finanztest" mit den Worten: "Bei fehlender Transparenz und Information bleibt jede Wahlmöglichkeit eine Farce."

Die Vorwürfe sind nicht neu. Die Riester-Rente ist in der Vergangenheit wegen ihrer oft hohen und versteckten Kosten immer wieder als intransparent kritisiert worden. In manchen Fällen übersteigen die Vertragskosten das Doppelte der staatlichen Förderung. Einschätzen kann der Kunde dies aber nicht, ein Vergleich ist kaum möglich.

Viel Informationen auf einem Blatt

Ein verbindliches und einheitliches Produktinformationsblatt (PIB) soll künftig für mehr Durchblick in der Riester-Rente sorgen und alle für den Verbraucher relevanten Informationen insbesondere zu Leistungen, Garantien, Kosten und Risiken enthalten. Einen entsprechenden Gesetzentwurf, der manager magazin online vorliegt, will die Bundesregierung am Mittwoch verabschieden.

Signifikant sind unter anderem: die Einordnung des Vertrags in eine von fünf vorgegebenen Chancen-/Risikoklassen; die Darstellung der Wahrscheinlichkeiten für verschiedene Wertentwicklungen; ebenso verpflichtende Informationen zum Preis-/Leistungsverhältnis sowie zum Anbieterwechsel. Verpflichtend sind auch Hinweise zu den Folgen einer Vertragskündigung sowie zur Möglichkeit der Beitragsfreistellung.

Wer einen Moment innehält, ahnt vermutlich, dass die Einordnung in eine Chancen-/Risikoklasse unter Berücksichtigung einer möglichen Wertentwicklung viel Rechenarbeit erfordert. Dem ist auch so und die Zertifizierungsstelle, die über die Förderfähigkeit von Vorsorgeprodukten entscheidet, damit vermutlich überfordert. Deshalb kann und wird die Aufgabe komplexer Simulationsrechnungen sehr wahrscheinlich einer privatrechtlichen "Produktinformationsstelle Altersvorsorge" (PIA) übertragen werden. So mancher Verbraucherschützer wittert hier Gefahr

Wer rechnet, hat Einfluss

Lars Gatschke vom Bundesverband Verbraucherzentralen (Vzbv) erhofft sich von der zu schaffenden Produktinformationsstelle, dass die Berechnung von Kennziffern damit "zumindest einheitlich und vergleichbar erfolgt." Axel Kleinlein, Vorsitzender vom Bund der Versicherten (BdV) sieht dagegen erhebliche Unwägbarkeiten. "Dringend sollten sämtliche Berechnungswege und Formelwerke einem transparenten Verfahren öffentlich und unter Einbezug des Verbraucherschutzes diskutiert werden und nachvollziehbar sein - dies ist aber eben nicht vorgesehen", kritisiert der Versicherungsmathematiker.

Aus mathematischer Sicht sei klar, dass bereits die Wahl der Berechnungsmethode "weitreichende Folgen" für die Besser- oder Schlechterstellung bestimmter Produktarten habe könne. So könne etwa eine Methodik etabliert werden, die besonders gut für Versicherungen und schlecht für Sparpläne ist, oder umgekehrt.

Mathematiker der PIA werden laut Kleinlein also einen nicht unerheblichen Einfluss darauf haben, wie gut oder weniger gut wichtige, zum Vergleich gestellte Kennziffern für ein Produkt ausfallen werden. Um so mehr stellt sich für den Verbraucherschützer die Frage, ob und wie die PIA mit kompetenten und unabhängigen Mathematikern besetzt wird.

BdV: "Neutrale Positionierung nicht zu erwarten"

Angesichts eines starken Mangels an Mathematikern sei "zwingend davon auszugehen, dass sich keine Mitarbeiter finden lassen, die nicht von vornherein direkt oder indirekt der Anbieterseite zuzurechnen sind", befürchtet der BdV-Vorsitzende. "Eine neutrale Positionierung der PIA ist daher nicht zu erwarten", ist Kleinlein überzeugt.

Ein wichtiges Ziel ist es, dass Kunden alle Kosten eines Vertrags erkennen können. Das ist bislang Experten vorbehalten, zumal Anbieter ihre Kosten nicht einheitlich angeben und sehr kreativ darin sind, einzelne Kostenkomponenten tief im Vertragswerk zu verstecken, kritisieren Verbraucherschützer.

Positiv bewerten Gatschke und Kleinlein daher, dass der Gesetzgeber jetzt einen Katalog von Kostenarten vorschreibt. Damit könnten Versicherer dem Kunden künftig nicht mehr so leicht versteckte Kosten unterjubeln. "Kosten, die in dem Katalog nicht genannt werden und dem Verbraucher auch nicht durch ein individuelles Produktinformationsblatt bekannt gemacht werden, schuldet der Verbraucher dem Versicherer nicht", sagt Gatschke.

Ebenso positiv bewerten die Verbraucherschützer, dass der Gesetzgeber die Kosten bei einem Vertragswechsel auf 150 Euro beschränken will. Bislang machen die wenigsten Kunden von ihrem Wechselrecht Gebrauch, weil sie dann hohe Verwaltungsgebühren zahlen müssen.

Kosten bei Vertragswechsel nur vordergründig gedeckelt

Auch die vom neuen Anbieter erneut verlangten Abschluss- und Vertriebskosten können den Riester-Sparer von einem Vertragswechsel abhalten. Um den Wechsel zu erleichtern, soll der Anbieter künftig maximal die Hälfte des übertragenen Kapitals bei der Berechnung der erneuten Abschluss- und Vertriebskosten zugrunde legen dürfen.

Verbraucherschützer halten diese Regelung für unzureichend. Bei einem Anbieterwechsel sollten überhaupt keine neuen Abschluss- und Vertriebskosten anfallen dürfen, fordert Gatschke. Andernfalls würden die neuen Informationspflichten dem Kunden wenig nützen. "Wie soll ein Kunde adäquat reagieren können, wenn er erkennt, dass das Produkt richtig teuer für ihn wird und er eigentlich den Anbieter wechseln müsste, dann aber Gefahr läuft, von dem gebildeten Kapital noch einmal einen erheblichen Teil für neue Provisionen zahlen zu müssen", wendet der Verbraucherschützer ein.

Besonders teuer und daher wirtschaftlich unsinnig werde der Wechsel vor allem für Verbraucher, die lange in einen Vertrag eingezahlt haben und dann wechseln wollten, hebt Gatschke hervor. "Die Wechselmöglichkeiten sind also auch weiterhin stark eingeschränkt und führen stets zu massiven Verlusten", warnt ebenso Kleinlein.

Kostenvergleich kann in die Irre führen

Kosten belasten die Rendite eines Vorsorgevertrages und damit auch die spätere Rente. Wie und in welchem Ausmaß sie das unter der Annahme einer bestimmten Wertentwicklung tun, soll eine einzige Kennziffer zeigen: die "Reduction in Yield" (RiY) - oft auch als Effektivkosten- oder Gesamtkostenquote bezeichnet

Einige Anbieter nutzen diese Kennzahl bereits in neuen Verträgen. Kleinlein als auch Gatschke fordern erneut, auf die Kennziffer zu verzichten, weil sie aus ihrer Sicht einen Produktvergleich massiv unterminiere und den Verbraucher in die Irre führe. Dies gelte insbesondere dann, wenn der Kunde Verträge mit unterschiedlicher langer Laufzeit vergleichen wolle.

Zum einen berücksichtige die RiY nicht alle Vertragskosten. So fehlen etwa die Kosten im Rentenbezug, kritisiert Kleinlein. Zum anderen basiere die Kennziffer auf einer unterstellten Rendite vor Kosten, die falsche Erwartungen wecken könnte. Der Verbraucher könne Angebote nur dann vergleichen, wenn sie jeweils exakt von gleichen Verzinsungen vor Kosten ausgingen und die Verträge exakt gleich lang laufen. Verspreche ein Konkurrenzprodukt höhere Erträge, sei entweder kein Vergleich möglich oder er führe in die "Irre".

Im Ergebnis könnte dies dazu führen, dass der Kunde nicht nur zu dem riskanteren Produkt greift, sondern auch zu dem tatsächlich teureren. Kleinlein macht dies an zwei Beispielen deutlich.

Favorisierte Kostenquote in der Kritik

Ein Angebot der Chance-Risiko-Klasse 5 - das mit einer Rendite vor Kosten von 8 Prozent gerechnet wird - weist eine Gesamtkostenquote von 1,7 Prozent aus. Ein anderes Angebot der Chance-Risiko-Klasse 2 weist bei identischen Kosten eine Quote von 1,8 Prozent aus. Der Kunde werde dann durch die Kostenangabe irregeführt und greife sehr wahrscheinlich - "trotz identischer Kosten" - zum riskanteren Produkt.

Im zweiten Beispiel vergleicht der Anleger zwei Angebote. Das eine stellt ihm einen Rentenbeginn mit 67 Jahren in Aussicht, das andere mit 62 Jahren. Das erste Angebot weist eine Kostenquote von 1,0 und das zweite von 1,1 Prozent aus. Unter dem Aspekt der Kosten dürfte der Kunde wohl zu dem länger laufenden Vertrag greifen. In Euro und Cent gerechnet sei der kürzer laufende Vertrag tatsächlich aber mit geringeren Kosten belastet und würde dem Kunden eine höhere Rente bieten, erläutert Kleinlein. Der "Irreführung" des Kunden sei damit Tür und Tor geöffnet. "Öko-Test" stellte indes in eigenen Analysen die gleichen Schwächen der "Reduction in Yield" heraus und rät dem Gesetzgeber ebenfalls dringend davon ab.

Verbraucherschützer favorisieren ein anderes Modell - die "Reduction in Payment" (RiP). Im Kern gibt sie an, um wieviel Prozent die Ablaufleistung einer Rentenversicherung durch die Vertragskosten insgesamt geschmälert wird. Sie umfasse damit auch die entgangenen Erträge, die ein Verbraucher durch Vertragskosten erleidet. Die RiP bilde damit den gesamten Vermögensverlust im Vergleich zu einem Vertrag ohne Kosten ab.

Der angebliche Vorteil: Mit der prozentualen RiP ließen sich nicht nur Verträge unterschiedlicher Anbieter, sondern auch unterschiedlicher Laufzeit vergleichen. Da mit dieser Kenngröße die Gesamtkosten eines Vertrags auch in Euro und Cent darstellbar seien, halten Verbraucherschützer sie nicht nur für griffiger sondern auch für weniger manipulationsanfällig im Vergleich zur "Reduction in Yield".

Neues Gesetz, neue Lücke

Die Auseinandersetzung um mehr Transparenz in der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge gärt schon lange, im Grunde seit Einführung der Riester-Rente. Der Streit dürfte mit dem Gesetzentwurf für einheitliche und verbindliche Vertragsinformationen auch noch nicht beendet sein, denn das grundlegende Problem ist damit nicht gelöst.

Bei einer von Anfang an obligatorischen Privatvorsorge hätte der Staat als zentraler Akteur ohne Gewinnerzielungsabsicht kostengünstigste und in hohem Maße transparente Produkte vorschreiben, vielleicht sogar selbst schaffen können. Einmal als freiwillige Lösung installiert, um die unvermeidliche Leistungsrücknahmen bei der gesetzlichen Rente zu kompensieren, lässt sich das Rad in der privaten Altersvorsorge jedoch kaum noch zurückdrehen. So sind es eben Versicherungs- und Bankkonzerne, die die Vorsorgeprodukte immer komplizierter konstruieren und profitorientiert vertreiben lassen.

Der Staat kann die stets neuen Auswüchse dieser Entwicklung nur nachträglich mit Gesetzen zu korrigieren versuchen. So manchen Experten erinnert das ein wenig an das bekannte Hase-Igel-Spiel: "Wird dem Trend zum Abkassieren an einer Stelle ein Riegel vorgeschoben, entdecken die Anbieter an anderer Stelle einen neuen Trick", sagt ein Insider. Das hätten die Reformen der vergangenen Jahre gezeigt.

Wie in der Vergangenheit, räumt der Gesetzgeber der Assekuranz auch diesmal viel Zeit ein: Die neuen Info-Pflichten treten erst 18 Monate nach Verkündung Kraft. Etwas mehr verbindliche Transparenz bei Riester- und Rürup-Produkten ist damit realistischerweise nicht vor Sommer 2014 zu erwarten. Man darf gespannt sein, was sich die Branche bis dahin neues ausgedacht hat.

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