Niedrigzins Risiken der Rückversicherer steigen

In den Wirren von Euro-Krise und Naturkatastrophen sind sie der Fels in der Brandung. Doch die Risiken für die Rückversicherer steigen. Niedrigzinsen und Überkapazitäten machen der Branche zu schaffen. Analysten mahnen neue Strategien an.
Mini-Renditen: Nicht etwa Naturkatastrophen, sondern anhaltend niedrige Zinsen bringen Rückversicherer in Bedrängnis

Mini-Renditen: Nicht etwa Naturkatastrophen, sondern anhaltend niedrige Zinsen bringen Rückversicherer in Bedrängnis

Foto: Corbis

Hatten zahlreiche Naturkatastrophen die Rückversicherer im Jahr 2011 noch schwer belastet, kann die Branche jetzt aufatmen. Die Schäden im ersten Halbjahr fallen bislang gering aus. Zudem muss die Branche wegen ihrer guten Kapitalausstattung keine schlechteren Bonitätsnoten fürchten: Standard & Poor's sowie Fitch halten ihren Ausblick für die Kreditwürdigkeit der Branche "stabil".

Das heißt, die wichtigsten Noten werden sich in den kommenden 18 bis 24 Monaten nicht verändern, obwohl andere Branchen und Länder massiv unter der europäischen Schuldenkrise leiden.

"Der Sektor der Rückversicherer ist für 2012 stabil aufgestellt", erklärte Karin Clemens, leitende Analystin bei S&P vor Journalisten in Frankfurt. Gemessen am erforderlichen Risikokapital im Verhältnis zum verfügbaren Kapital seien die Rückversicherer immer noch mit einem 25 Milliarden Dollar schweren Polster ausgestattet.

Dabei profitiert die Branche auch von den deutlich gesunkenen Marktzinsen. Sinken die Zinsen, steigt der anzusetzende Marktwert der festverzinslichen Papiere und führt bilanztechnisch zu einer besseren Eigenkapitalausstattung, die in das S&P-Rating mit einfließt. "Das ist natürlich zweischneidig, denn bei der Kapitalanlage schmerzen die niedrigen Zinsen selbstverständlich", sagte Clemens.

Abhängigkeit vom Erfolg der Kapitalanlage muss sinken

MunicRe-Chef von Bomhard räumte zuletzt ein, die Niedrigzinsen bereiteten ihm mehr Sorgen als die turbulenten Finanzmärkte und die unsichere Wirtschaftslage. "Wir müssen gegen stetig sinkende Zinsen anverdienen."

Die Sorge ist nicht unbegründet, denn die Abhängigkeit der Branche vom Kapitalanlageergebnis ist hoch. Selbst in schadensarmen Jahren trägt es bei vielen Unternehmen den größeren Teil zur Profitabilität bei als ihr eigentliches Kerngeschäft, berichtet Standard & Poor's. Das Problem: Die Anlagerenditen in der Branche fallen seit fünf Jahren kontinuierlich, zuletzt auf 3,2 Prozent im Schnitt. Die Kapitalerträge dürften auch in diesem Jahr weiter zurückgehen, erwarten die Experten. Um so mehr seien die Unternehmen gezwungen, ihr versicherungstechnisches Ergebnis zu verbessern.

Das ist leichter gesagt als getan. Der Markt für Rückversicherungen leidet unter Überkapazitäten. Das Angebot der Rückversicherer werde die Nachfrage der Erstversicherer nach Policen in den nächsten zwölf Monaten übersteigen, prognostiziert auch Fitch. Wenn in wenigen Tagen die Branche in Monte Carlo die Verträge zum 1. Januar 2013 erneuert, müssen sich die Rückversicherer auf harte Verhandlungen einstellen.

Druck bleibt hoch - Wo die Wachstumschancen liegen

Höhere Preise ließen sich vermutlich noch bei der Absicherung gegen Risiken aus Naturkatastrophen durchsetzen. In den anderen Sparten müssten die Rückversicherer dagegen eher mit stagnierenden Erlösen rechnen, heißt es. "Im Schitt erwarten wir bestenfalls Preissteigerungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich", sagt S&P-Analystin Clemens, deren Team die weltweit 40 größte Rückversicherer bewertet.

Niedrigzinsen, Überkapazitäten und die ungewisse konjunkturelle Entwicklung werden den Druck auf die Rückversicherer in den kommenden zwei Jahren hoch halten, ist man bei Standard & Poor's überzeugt. Dabei dürfte die Schere zwischen den einzelnen Marktteilnehmern noch weiter auseinandergehen.

Erfolgreich würden jene Rückversicherer sein, die nicht nur über eine starke Kapitalausstattung verfügen, sondern auch ein umfassendes Wissen in der Modellierung von Schadensrisiken haben. Dies sei Voraussetzung dafür, um mit innovativen Produkten in großteils gesättigten Märkten zu punkten und zugleich in neue Märkte vorzudringen.

Innovative Produkte, neue Märkte

Die größten Wachstumschancen sieht S&P für die Rückversicherer in den aufstrebenden Schwellenländern. Dort waren 2011 zweistellige Wachstumsraten zu verzeichnen, während die Branche in den Industriestaaten kaum noch wächst. Im asiatisch-pazifischen Raum liegen aber auch die größten Verlustrisiken, wie die Schadensbilanzen des gleichen Jahres zeigen. Ein ausgezeichnetes strategisches Risikomanagement sei daher der Schlüssel zum Erfolg in diesen Regionen.

Mit Blick auf einzelne Segmente sehen die Experten gute Chancen für profitables Wachstum zum Beispiel in der Landwirtschaft (Ernteausfälle), in der Kreditversicherung oder der Lebensrückversicherung. Die Hannover Rück zum Beispiel hat ihr Engagement in der Lebensrückversicherung in der Vergangenheit kontinuierlich ausgeweitet und wächst profitabel dabei.

Auch die verschärften Eigenkapitalregeln unter Solvency II könnten den Rückversicherern zusätzliche Erlöse bescheren. Denn Erstversicherer würden den Druck steigender Anforderungen durch zusätzlich eingekauften Rückversicherungsschutz zu mildern versuchen, sagt Clemens voraus. Andere Marktbeobachter glauben dagegen, Solvency II als neue Erlösquelle für die Rückversicherer würde erheblich überschätzt.

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