Altersvorsorge Regierung kann Riester-Rente kaum retten

Ministerin von der Leyen will Riester-Sparer künftig stärker an den Gewinnen beteiligen. Das wird ihre Lage nicht wirklich bessern. Denn Versicherer drehen an der Kostenschraube, degradieren staatliche Zulagen allmählich zur Farce und drücken die Rendite in den Keller.
Ursula von der Leyen: Die Ministerin will Riester-Sparer finanziell künftig besser stellen. Doch Versicherer finden immer neue Wege des "Abkassierens", behauptet eine Studie von Öko-Test

Ursula von der Leyen: Die Ministerin will Riester-Sparer finanziell künftig besser stellen. Doch Versicherer finden immer neue Wege des "Abkassierens", behauptet eine Studie von Öko-Test

Foto: dapd

Hamburg - Bundesministerin Ursula von der Leyen will Millionen Riester-Sparer in Deutschland besser stellen. So soll zum Beispiel ein neues Informationsblatt die Produkte transparenter machen und ein 150-Euro-Kostendeckel den Wechsel des Anbieters erleichtern. Wichtiger noch: Die Ministerin will Kunden stärker an den Risikogewinnen der Anbieter beteiligen - statt 75 sollen ihnen künftig 90 Prozent dieser Gewinne zustehen.

Insbesondere beim letzten Punkt wird die Ministerin auf harten Widerstand der politisch gut vernetzten Branche stoßen. Denn die Risikoüberschüsse nehmen angesichts niedriger Kapitalmarktzinsen eine immer wichtigere Bedeutung ein. Nach Daten der Finanzaufsicht waren sie mit 6,46 Milliarden Euro zuletzt fast genauso hoch wie die Überschüsse aus den Kapitalanlagen der Lebensversicherer. Verbleiben davon 15 Prozent weniger in den Konzernkassen, ist das nicht unerheblich. Vor allem bei Aktiengesellschaften oder Töchtern von börsennotierten Versicherern ist der Verteilungskampf um die Gewinne zwischen den Lebensversicherten und den Eignern des Unternehmens längst im Gange.

Manche Experten meinen, ohnehin stehen die Risikoüberschüsse dem Kunden ganz zu. Schließlich stammen sie aus seinen Beiträgen und entstehen nur deshalb, weil viele Rentner das vom Versicherer mitunter biblisch hoch kalkulierte Lebensalter nicht erreichen.

Sollte sich von der Leyen mit ihren Plänen durchsetzen, könnte sich in der als latent intransparent und renditeschwach kritisierten Riester-Rente einiges zum Besseren wenden. Die Botschaft hören unabhängige Experten wohl, allein ihnen fehlt der Glaube.

Öko-Test: Neue Kostenklauseln helfen, Gewinne zu verschieben

"An der Abzocke wird sich wohl nichts ändern", sagt Barbara Sternberger-Frey von "Öko-Test". Das hätten bereits die Reformen der vergangenen Jahre gezeigt. Werde dem "Trend zum Abkassieren" an einer Stelle ein Riegel vorgeschoben, entdeckten die Anbieter einen neuen Trick, zeigt sich die Expertin skeptisch. So habe die Branche längst eine neue Methode gefunden, um mehr vom Gesamtgewinn für sich abzuzweigen.

Zum Beispiel stellten die Allianz oder die R+V dem Kunden neuerdings Kosten auf das angesparte Guthaben (Deckungskapital) in Rechnung, beklagt Sternberger-Frey. Oft seien dies nur kleine Beträge im Jahr, die sich über die gesamte Vertragslaufzeit eingedenk des Zinseszinseffektes aber zu tausenden Euro summieren könnten. Der "Trick" an diesen neuen Kostenklauseln: Ein Teil des Zinsgewinns wird so in einen Kostengewinn umgewidmet. Vom Kostengewinn kann der Anbieter ganz legal 50 Prozent für sich behalten, vom Zinsgewinn lediglich 10 Prozent.

Ein Kunde kann die Tragweite dieser und anderer Kostenklauseln kaum einschätzen. Und das Verwirrspiel um die Rendite fressenden Kosten in der Riester-Rente geht offenbar trotz aller Kritik weiter. Kein Anbieter weise die tatsächlichen Gesamtkosten einer Police aus, schreibt "Öko-Test" in seiner jüngsten Studie. Sternberger-Frey hat dafür 168 aktuelle Riester-Angebote - 89 klassische, 79 fondsgebundene Policen - von 42 Versicherern und auch deren Garantiemodell analysiert.

"Die Kostenangaben sind eine Katastrophe", sagt die Expertin. Vielfach verteilten Versicherer einzelne Kostenbestandteile auf zig verschiedene Bezugsgrößen, so dass kein Kunde sie addieren oder nachrechnen könne. Das Ganze folge dem Prinzip: "Verschleiern, verschweigen verwirren, Kontrolle verhindern." Wohl aus gutem Grund.

Riester-Vertragskosten vereinzelt doppelt so hoch wie die Zulagen

In den verdeckt eingeholten Angeboten für einen 30-jährigen Durchschnittsverdiener zehrten die Vertragskosten in drei Viertel aller Fälle nicht nur die staatliche Förderung auf, sondern sogar ein Vielfaches davon. Nach 37 Sparjahren stehen 5689 Euro Zulagen vom Staat im Schnitt 7468 Euro Vertragskosten gegenüber, hat "Öko-Test" nachgerechnet. Bei teuren Riester-Anbietern wie der Württembergischen Leben belaufe sich der Vermögensverlust in der Ansparphase durch die Vertragskosten mit 11.950 Euro sogar auf mehr als das Doppelte der Zulagen.

Besser fällt die Kostenrechnung für eine 35-jährige alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern aus. Grundzulage und Kinderzulagen summieren sich nach 32 Sparjahren auf 10.108 Euro. Im Schnitt fressen die Vertragskosten gleichwohl 57 Prozent der Zulagen auf.

Nun drückt in diesem Jahr bereits der niedrigere Garantiezins von 1,75 Prozent empfindlich auf die garantierte Rente. Offenbar haben die Lebensversicherer die Absenkung des Zinses aber auch zum Anlass genommen, heimlich an der Kostenschraube zu drehen. Denn die garantierte Rentenrendite sinkt in diesem Jahr mit 0,77 Prozentpunkten im Schnitt deutlich stärker als es die Kürzung des Rechnungszinses um 50 Basispunkte entspricht.

Anbieter drehen heimlich an der Kostenschraube

Wenn Lebensversicherer weiter versteckt oder offen an der Kostenschraube drehen und so die Zulagen vernichten, werden viele Riester-Sparer ihre Vorsorgelücke erst recht nicht schließen können. Das Ziel der staatlichen Förderung der Riester-Rente in Deutschland wird damit ad absurdum geführt. Die in Aussicht gestellte höhere Beteiligung der Kunden an den Risikogewinnen dürfte daran nur wenig ändern.

Der Bund der Versicherten (BdV) begrüßt zwar von der Leyens Pläne, hält sie jedoch für unzureichend. "Die Rentabilitätsprobleme der Riester-Rente werden damit nur ansatzweise angegangen, aber bei weitem nicht gelöst", sagt BdV-Chef Axel Kleinlein.

Und in der Tat: Wer nur auf die Rendite der garantierten Leistungen in der Riester-Rente schielt, den beschleichen automatisch starke Zweifel. Nach Berechnungen von "Öko-Test" sind für den Single bestenfalls 0,58 Prozent und für die alleinerziehende Mutter 0,91 Prozent Rentenrendite drin.

Erst wenn die Anbieter die prognostizierten Überschüsse erwirtschaften, kann der Riester-Sparer damit die Inflationsrate relativ sicher auffangen. Wird die Alleinerziehende 85 Jahre alt, wirft ihr Riester-Vertrag je nach Anbieter im Jahresschnitt zwischen 1,59 bis 3,04 Prozent Rendite ab. Die Police des durchschnittlich verdienenden Single bringt es entsprechend auf 1,74 bis 3,12 Prozent Rendite.

Kapitalerhalt garantiert - aber sicher?

Sicher sind die in Aussicht gestellten Überschüsse aber nicht. In diesem Jahr sank die laufende Verzinsung des Sparanteils einer Lebensversicherungspolice um 0,4 Prozentpunkte auf 3,9 Prozent im Schnitt. Wegen des niedrigen Zinsniveaus und verschärfter Eigenkapitalregeln rechnet die Branche intern für das kommende Jahr mit einem weiteren Gewinnrückgang in ähnlicher Höhe.

Eine ganze Reihe von Unternehmen erreicht das durchschnittliche Überschussniveau aber schon länger nicht mehr. Vor allem sie prägen die Diskussion über neue, abgespeckte Garantiemodelle und verabschieden sich im Neugeschäft zusehends von der klassischen, lebenslangen Zinsgarantie. Damit verschaffen sie sich Luft bei künftig steigenden Eigenkapitalforderungen, denn Solvency II betrachtet auch lebenslange Garantien als Risiko.

Ein Weg ist dabei die fondsbasierte Rente, womit der Riester-Kunde stärker das Anlagerisiko trägt. Zwar müssen die Anbieter den Kapitalerhalt garantieren. Die Garantie gilt aber nur zum Zeitpunkt des Rentenbeginns und wohlgemerkt nur für die unverzinste(!) Summe der Einzahlungen. Liegen die so genannten Garantie- oder Wertsicherungsfonds bei vorzeitiger Vertragskündigung oder -wechsel gerade am Boden, geht der Kunde schlimmstenfalls leer aus. Auf dieses Risiko, kritisiert "Öko-Test", weisen nur wenige Anbieter hin.

Riester-Wertsicherungsfonds decken nicht alles ab

Auch sicherten die meisten hinter Riester-Policen liegenden Sicherungsfonds lediglich 80 Prozent des Fondswertes ab. Dabei bedienten sich die Gesellschaften oft komplexer Finanzderivate, so dass der Wert der Garantie für den Laien kaum einzuschätzen ist.

Dass Garantiefonds keineswegs so garantiert sicher sind, wie die Anbieter gern behaupten, zeigt der Fall HDI-Gerling. Nach geharnischter Kritik von Kunden und Maklern tauschte der Versicherer bei seiner Riester-Rente "TwoTrust" die seit Jahren Verluste schreibenden Garantiefonds aus.

"Die Anpassungsmechanismen bei Garantiefonds sind extrem unterschiedlich", sagt Sternberger-Frey. Wann und wie genau die Versicherer eingreifen müssen, wenn mit den Fonds die Garantie abschmiert, bewegt sich offenbar auch in einer rechtlichen Grauzone.

Kann eine Fondsgesellschaft ihre Versprechen nicht halten, steht wieder die Versicherung in der Verantwortung, wo sie doch ursprünglich das Risiko des Kapitalerhalts in der Ansparphase über einen externen Fonds bewusst ausgelagert hatte. Hat auch der Versicherer Probleme, muss die brancheninterne Auffanggesellschaft "Protektor" den Kapitalerhalt stemmen und dafür gegebenenfalls einen Sonderbeitrag von ihren Mitgliedern verlangen. Am Ende könnte die Finanzaufsicht Bafin sogar die Garantieleistung der Verträge um 5 Prozent kürzen.

Mit anderen Worten: Im schlimmsten Fall sind lediglich 95 Prozent der unverzinsten Einzahlungen garantiert. Dem klassischen Riester-Sparer gehen die Zinsen dagegen nicht verloren. Nur wissen das die wenigsten Verbraucher, und die Gesellschaften selbst tun wenig, dass sich etwas daran ändert.

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