Versicherer Straßen, Wind und Sonne statt Staatsanleihen

Deutsche Versicherer investieren Milliarden Euro in erneuerbare Energien und Infrastrukturprojekte - und wollen ihr Engagement ausbauen. Davon könnte am Ende auch der Versicherte profitieren. Doch bevor weitere Milliarden fließen, wartet die Assekuranz auf Zusagen aus Berlin.
Renditen von 6 Prozent und mehr: Die Versicherer entdecken Erneuerbare Energien als alternatives Investment zu vermeintlich sicheren Staatsanleihen

Renditen von 6 Prozent und mehr: Die Versicherer entdecken Erneuerbare Energien als alternatives Investment zu vermeintlich sicheren Staatsanleihen

Foto: DPA

Hamburg - Die Schuldenbremse in Europa ist beschlossen, die Regierungen müssen ihre Haushalte sanieren und Schulden abbauen. So will es der Fiskalpakt. Sanierungsbedürftig sind aber nicht nur die Staatsfinanzen, sondern auch Straßen, Brücken, Kanalisationen, Schienen- und Stromnetze. Allein die Erneuerung der Verkehrswege und Energieversorgung wird die EU-Staaten in den nächsten zehn Jahren mindestens 700 Milliarden Euro kosten, schätzt die UBS. Der Finanzierungsbedarf ist enorm. Institutionelle Investoren könnten hier einspringen.

Die Erst- und Rückversicherer gehören mit 1280 Milliarden Euro Kapitalanlagen zu den größten institutionellen Investoren in Deutschland. Angesichts Euro-Schuldenkrise und niedriger Kapitalmarktzinsen suchen sie händeringend nach neuen Investmentoptionen - jenseits von schwach rentierenden, vermeintlich sicheren Staatsanleihen und Bankpapieren.

Das ist verständlich: Die Lebensversicherer, bei ihnen allein liegen rund 747 Milliarden der Assets, müssen ihren Kunden im Schnitt 3,4 Prozent Zinsen auf den Sparanteil zahlen und möglichst noch eine Überschussbeteiligung obendrauf. Mit herkömmlich festverzinslichen Papieren lässt sich das immer schwerer erreichen.

Die Suche nach alternativen Investments, die kalkulierbar fortlaufend höhere Renditen als einfache Rentenpapiere abwerfen, ist daher verständlich. Investitionen in Infrastrukturprojekte oder Erneuerbare Energien, die über lange Zeiträume gesicherte Erträge liefern, stellen aus Sicht der Assekuranz diese Alternative dar. Sie kommen der langfristig orientierten Kapitalanlage der Branche mit ihren zugleich langfristigen Zahlungsverpflichtungen sehr entgegen.

Stabile Renditen - unabhängig vom Kapitalmarkt

"Infrastrukturprojekte bieten stabile Renditen, die von den Risiken der Kapitalmärkte relativ unabhängig sind. Außerdem handelt es sich hier um sehr langfristige Anlageformen, die eine solide Grundlage für unser Geschäftsmodell der Lebensversicherung darstellen", sagt Rainer Husmann, Geschäftsführer der Allianz Capital Partners. Die Tochter der Allianz-Gruppe ist die konzerneigene Investitionsplattform für alternative Anlagen.

Auch die Meag, der Vermögensmanager der Münchner Rück und dessen Erstversicherungsgruppe Ergo, schätzt die Vorteile solcher Investments: "Stabile Cashflows, insbesondere bei regulierten Anlageformen, sowie niedrige Korrelation mit Aktien, Renten und Immobilien."

In der Versicherungswirtschaft gelten Allianz und Münchener-Rück-Gruppe als Vorreiter bei alternativen Investments. Die Allianz hat bislang 1,3 Milliarden Euro in Erneuerbare Energien investiert. Der Konzern verfügt über gut drei Dutzend Wind- und Solarparks in Europa, die Energie für mehr als 350.000 Haushalte produzieren und erwägt, Kundengelder auch in einen deutschen Offshore-Windpark zu investieren. Voraussetzung: Zu erwartende Renditen und Langzeitrisiken so eines Investments auf hoher See müssen ausgeglichen sein.

Auch an Energie-Infrastrukturinvestments ist die Allianz interessiert. Der Versicherer beteiligte sich bislang mit umgerechnet 1,2 Milliarden Euro an der norwegischen Statoil-Tochter Gassled. Das Unternehmen betreibt die Leitungen, die norwegisches Gas nach Großbritannien und Europa transportieren. Die Transportpreise reguliert das norwegische Ministerium für Erdöl und Energie.

Versicherer wollen weitere Milliarden investieren

Die Summen klingen gewichtig, nehmen sich zu den gesamten Kapitalanlagen der Allianz-Gruppe von 461 Milliarden Euro aber noch vergleichsweise bescheiden aus. Die Munich Re-Gruppe , der zweitgrößte Versicherungskonzern in Deutschland, ist in Erneuerbare Energien (inklusive Stromnetze) bislang mit 0,3 Prozent ihrer rund 202 Milliarden Euro schweren Gesamtkapitalanlage investiert, berichtet Meag-Geschäftsführer Holger Kerzel.

Die Generali Deutschland (Aachen Münchener, Generali Versicherung, CosmosDirekt) verfügt über rund 100 Milliarden Euro Anlagekapital. Davon sind 0,4 Prozent in klassische Infrastrukturprojekte und Erneuerbare Energien angelegt. "Das Anlagesegment befindet sich im Aufbau", sagt Manfred Oedingen, der als Generalbevollmächtigter der Generali Deutschland.

Die Talanx-Gruppe (Hannover Rück, HDI-Gerling, Neue Leben, PB und Targo Versicherung) wiederum hat nach eigenen Angaben gar 3 Prozent ihrer Kapitalanlagen von 78,4 Milliarden Euro in alternative Investments investiert, zählt dazu aber auch ihre direkte Energie-Infrastrukturbeteiligung an dem Netzbetreiber Amprion.

Die R+V Versicherungen als fünftgrößter Versicherer in Deutschland haben von rund 61 Milliarden Euro jeweils 1 Prozent in Erneuerbare Energien und 1 Prozent in klassische Infrastrukturprojekte angelegt, teilt der Konzern ebenfalls auf Anfrage mit.

Versicherungskonzerne wollen nachhaltige Investments ausbauen

Die meisten befragten Versicherungskonzerne planen, ihre Investments auszubauen. Die Munich Re will mittelfristig neben den bereits bekannten 2,5 Milliarden Euro für Erneuerbare Energien noch 1,5 Milliarden Euro in klassische Infrastrukturprojekte leiten. Die Allianz nennt keine konkreten Ziele, bekräftigt jedoch, ihre Investitionen in diesen Bereichen auszubauen.

Die Generali  erwägt, ihr Engagement auf etwa 1 Prozent der Kapitalanlagen anzuheben. Die Talanx-Gruppe kann sich "grundsätzlich vorstellen, unseren Anteil alternativer Infrastruktur-Investments im Portfolio auszubauen, wozu auch Investitionen in regenerative Energien zählen könnten." Und auch der R+V-Konzern will sein Engagement "tendenziell" erhöhen. Angesichts des anhaltend niedrigen Zinsniveaus und der Euro-Schuldenkrise blieben alternative Anlageklassen für die Gruppe "selbstverständlich" ein Thema.

Aggregierte Zahlen zu Infrastrukturinvestments und Erneuerbare Energien für die gesamte deutsche Versicherungswirtschaft liegen nicht vor. Das liegt zum einen daran, dass Versicherer ihre Kapitalanlage im Detail nur ungern offenlegen. Zum anderen handelt es sich noch um ein sehr junges Anlagesegment, das nur wenige institutionelle Investoren wirklich als eigene, abgegrenzte Assetklasse begreifen und damit auch über eine entsprechende Expertise sowie ein professionelles Management verfügen, wie eine Studie der privaten Steinbeiß Hochschule Berlin im vergangenen Jahr zeigt. Ihre Umfrage unter mehr als 100 institutionellen Investoren in Deutschland lässt gleichwohl aufhorchen.

Die Staatsanleihen-Krise zwingt zum Umdenken

Demzufolge geben die Investoren an, den Infrastrukturanteil an ihren Anlageportfolien bis Frühjahr 2014 im Schnitt auf 1,6 Prozent mehr als verdoppeln zu wollen. Die Gruppe der 38 Versicherer unter den befragten Investoren erklärte, den Infrastrukturanteil von 1,7 Prozent auf 2,2 Prozent ihrer Kapitalanlagen zu erhöhen. Gemessen an einem Portfolio, das zu 80 Prozent aus Rentenpapieren besteht, wäre das noch nicht viel. Dabei wird es aber vermutlich nicht bleiben.

"Der Zwang zu größerer Diversifikation steigt. Gerade die Staatsbond-Krise im vergangenen Jahr wird zu einem erheblichen Umdenken geführt haben", ist Konrad Finkenzeller von der Real Estate Business School der Universität Regensburg überzeugt.

Viele Versicherer dürften bestrebt sein, ihr Renten-Portfolio noch stärker zugunsten von alternativen Investments zu reduzieren. "Bei alternativen Assets wie Erneuerbare Energien und Infrastruktur stehen wir noch am Anfang der Wachstumsstory", sagt der Wissenschaftler. Auf mittlere Sicht hält Finkenzeller einen Anteil dieser Investments von 5 Prozent an den Gesamtkapitalanlagen der Versicherer durchaus für möglich.

"Stehen noch am Anfang der Wachstumsstory"

Für ein künftig höheres Engagement in diesem Anlagesegment könnten auch die "attraktiven" Renditen sprechen, die institutionelle Investoren mit ihren Investments in diesem Bereich bereits erzielen beziehungsweise erwarten. Die Infrastrukturinvestments der Generali werfen durchschnittlich 6 bis 7 Prozent ab, teilt der Konzern mit. Die Munic Re erwartet "zu Unternehmensanleihen vergleichbare Renditen". Die Allianz unterstellt im Bereich Erneuerbare Energien Renditen konkret von 7 bis 8 Prozent, Experten der Versicherungsgruppe Talanx taxieren sie zwischen 6 bis 10 Prozent bei mittleren Risikoprofilen. Investitionen in Transportnetze (Schiene und Straße) könnten sogar mehr als 10 Prozent Rendite abwerfen, heißt es in Hannover.

Die Risiken in Infrastrukturinvestments und Erneuerbare Energien sehen die befragten fünf größten Versicherungsgruppen in Deutschland vor allem auf regulatorischer Seite. So hatte etwa die spanische Regierung beschlossen, die Bedingungen für die Einspeisung von Solarstrom 2010 rückwirkend (!) zu ändern. Bislang gilt dies als Einzelfall, eine solche Kehrtwende erschwere allerdings langfristige Investitionen, heißt es. Investitionen wiederum in Energie- oder Transportnetze unterlägen dem Risiko, dass sich die Netzentgelte ändern könnten. "Trotz dieses Risikos bewerten wir die Cash Flows insgesamt immer noch als attraktiv und relativ stabil", heißt zum Beispiel bei der Generali.

Regulatorische Risiken bestehen aber auch auf anderer Ebene, und sie könnten dem erklärten Willen der Investoren, weitere Milliarden in Erneuerbare Energien und Infrastrukturprojekte zu leiten, einen empfindlichen Dämpfer verpassen. Davor warnt ein jetzt veröffentlichtes Positionspapier des Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV).

Uneinigkeit über Risiken - GDV sieht die Politik gefordert

Nach den ab 2013 geltenden neuen Eigenkapitalvorschriften (Solvency II) müssen Versicherer risikoreiche Investments mit mehr Eigenmitteln unterlegen. Bislang, so scheint es, halten die Experten der EU-Kommission Anlagen in Infrastrukturprojekte und Erneuerbare Energien offenbar für genauso riskant wie Anlagen in Hedgefonds oder Private Equity - obwohl diese "deutlich höhere finanzielle Risiken aufweisen", kritisiert der GDV.

Eine Eigenmittelquote von 49 Prozent, mit der Private Equity-Engagements unterlegt werden sollen, hält der Verband für Investitionen in nachhaltige Energie- und Infrastrukturprojekte für unangemessen. Schließlich zeichneten sich die Risikoprofile dieser Anlagen in der Regel durch garantierte Abnahmepreise, eine geringe Korrelation zu Kapitalmarktrisiken und durch ihre Unabhängigkeit von Rohstoffpreisen aus. Das politisch verfolgte Ziel, mehr privates Kapital für nachhaltige Energie- und Infrastrukturprojekte zu mobilisieren, werde damit torpediert.

Forderung nach separater Risikoklasse mit niedriger Kapitalunterlegung

Der GDV fordert deshalb für dieses noch junge Anlagesegment eine seperate Risikoklasse mit einer niedrigeren Kapitalunterlegung - und weiß dabei die Investoren der Assekuranz auf seiner Seite. "Investitionen in Erneuerbare Energien sind aktuell mit Eigenkapitalvolumina zu unterlegen, die gegenüber dem Risiko der Investitionen häufig als überambitioniert oder zu hoch erscheinen", erklärt auch Meag-Geschäftsführer Holger Kerzel. Der Manager sieht deshalb "Handlungsbedarf", um damit "ein ausreichendes Kapitalangebot für die Finanzierung dringend notwendiger Infrastrukturmaßnahmen zu schaffen".

Ein weiterer möglicher Hemmschuh für alternative Investments: Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) verpflichtet die Energieversorger bekanntlich zur Abnahme von Ökostrom zu festgelegten Preisen. Diese als sicher geltenden Erlöse müsste die ökonomische Bilanz nach Solvency II "angemessen" berücksichtigen, fordert der GDV. Auf Grundlage einer "Barwert-Bilanzierung" würden Investitionen in Erneuerbare Energien mit gesicherten Erlösen nicht mehr den teils deutlich schwankenden Marktwerten unterliegen. Die Bilanz eines Versicherers wäre damit stabiler und unabhängiger von Kapitalmarktschwankungen - die Attraktivität von Investitonen in Erneuerbare Energie und Infrastruktur würde damit deutlich erhöht, glaubt die Assekuranz.

Man darf gespannt sein, wie weit sich die Bundesregierung für die Forderungen der milliardenschweren Investoren in Brüssel verwenden wird. Mehr privates finanzielles Engagement im Bereich Infrastruktur und Erneuerbare Energien wird den Staatsfinanzen sicherlich nicht abträglich sein. Wenn alles gut geht, könnte am Ende sogar der Lebensversicherte davon profitieren.

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