Streit um mehr Transparenz Verstehen Sie Ihren Riester-Vertrag?

Die Bundesregierung will Riester- und Rürup-Produkte transparenter machen. Ein für alle Anbieter verbindliches Info-Blatt soll das leisten. Der Entwurf liegt jetzt vor. Allein der Streit über die Kostenquote zeigt - das Unterfangen mutet an wie die Quadratur des Kreises. Dabei könnte es auch ganz einfach sein.
Quadratur des Kreises: Der Weg zu mehr Transparenz in der staatlich geförderten Altersvorsorge über ein zweiseitiges Informationsblatt ist schwierig und umstritten

Quadratur des Kreises: Der Weg zu mehr Transparenz in der staatlich geförderten Altersvorsorge über ein zweiseitiges Informationsblatt ist schwierig und umstritten

Foto: Corbis

Hamburg - "Kaufe nur, was Du verstehst." Dieser Investmentgrundsatz sollte auch bei der Altersvorsorge gelten. Machen wir die Probe aufs Exempel und lesen, was ein Versicherer zu den Kosten seiner Riester-Rente schreibt: "Verwaltungskosten 4,5 Prozent jedes Eigenbeitrages und jeder Zulage, dazu jährlich zwölf Euro zuzüglich ein Euro pro Beitragszahlung sowie jährlich 1,5 Prozent der Jahresrente."

Angaben wie diese versteht kein Verbraucher. Sie verschleiern bewusst, verhindern den Produktvergleich und nähren die anhaltende Kritik an dem System der staatlich geförderten Altersvorsorge. Nach dem Willen der Bundesregierung soll ein für alle Anbieter einheitliches und ab 2013 verbindliches Produktinformationsblatt für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit nicht zuletzt bei den Kosten sorgen. Das beauftragte Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) hat mit einer Studie nun ein Standard-Produktinformationsblatt  vorgelegt - und zwar jeweils für die nach staatlichen Riesterkriterien zertifizierten Produkte Fondspolice, Banksparplan, Bausparvertrag, Bankdarlehen (Wohn-Riester) und Zusatzpolice.

Die Kritik der Experten fällt unterschiedlich aus. Die Meinungen gehen vor allem bei der wichtigen Frage der Darstellung der Kosten auseinander - ein Konflikt, der sich bereits im Sommer vergangenen Jahres abzeichnete, als das Bundesfinanzministerium den Diskussionsentwurf zum Produktinformationsblatt vorlegte.

Kosten belasten die Rendite eines Vorsorgevertrages und damit auch die spätere Rente. Wie und in welchem Ausmaß sie das unter der Annahme einer bestimmten Wertentwicklung tun, soll die neue Kenngröße der Effektivkosten ("Reduction in Yield"; RiY) darstellen. Das IFF verwendet die RiY und folgt damit der vom Finanzministerium ausgesprochenen Empfehlung. Der Marktführer Allianz Leben hatte die RiY bereits Anfang 2011 für neue Produkte eingeführt.

Mark Ortmann, Geschäftsführer des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA), ist ein Verfechter der neuen "stabilen" Kenngröße und lobt den Standardentwurf für seine Kostendarstellung insgesamt: "Nach Einführung des neuen Produktinformationsblattes werden es die Anbieter deutlich schwerer haben, Kosten zu verstecken."

Axel Kleinlein, Vorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV), sieht dagegen durch die im IFF-Entwurf verwendeten Kennzahlen und Begriffe "der Irreführung Tür und Tor geöffnet". Besonders die "Effektivkosten", welche die Renditeminderung durch Kosten ausweisen, sind dem Versicherungsmathematiker ein Dorn im Auge.

Effektivkostenquote - eine Zahl kann nicht alles leisten

Der Verbraucher sollte wissen, dass die neue Vergleichskennziffer nur dann aussagekräftig ist, wenn dem Vergleich etwa zweier Verträge jeweils gleiche Laufzeiten, gleiche Beitragszahlungsdauer und die identische unterstellte Verzinsung vor Kosten zugrunde liegen, sagt Kleinlein. Zudem sollten die zu vergleichenden Policen auch mit der gleichen Sterbetafel kalkuliert worden sein, denn sie ist mit entscheidend für die Höhe der Risikokosten.

Zum Hintergrund: Bei einer Rentenversicherung geht der Versicherer das Risiko ein, dass der Kunde länger lebt als erwartet, das Unternehmen also länger Rente zahlen muss. Dieses "Langlebigkeitsrisiko" muss der Anbieter in der Kalkulation mit bestimmten Kosten ansetzen. Das Problem laut Kleinlein: Die neue Kennziffer berücksichtige diese Risikokosten eben nicht.

Zudem ließen sich die Effektivkosten finanzmathematisch auch leicht manipulieren, wendet der Mathematiker weiter ein. "Ein Angebot, das einen späteren Rentenbezug unterstellt, erscheint immer merklich günstiger als eines mit einem passgenauen Rentenbeginn." So weist das IFF-Produktinformationsblatt für die Riester-Fondspolice bei einem Rentenbeginn mit 65 eine Effektivkostenquote von 2,1 Prozent aus. Ginge man aber bei identischer Kalkulation von einem Rentenbeginn mit 70 aus, läge die Kostenquote bei nur 1,8 Prozent.

"Das Produkt erscheint kostengünstiger, obwohl die Abschlusskosten bei gleichen Verwaltungskosten dann sogar höher sind", sagt der Experte und rechnet vor: Wenn der Kunde mit 67 in Rente geht, stünden ihm beim ersten Angebot 54.569 Euro für die Rente zur Verfügung, beim zweiten mit der niedrigeren Kostenquote jedoch nur 53.732 Euro. "Trotz niedrigerer Kostenquote fällt die Rente also geringer aus." Der Verbraucher habe jedoch keine Chance, dies anhand eines Vergleichs der Kostenquoten zu erkennen, kritisiert der BdV-Vorsitzende.

Ortmann, der den IFF-Entwurf sehr detailliert und auf neun eng bedruckten Seiten bespricht, hält die prozentuale Effektivkostenquote im Gegensatz zu Kleinlein zwar für die richtige Größe. Doch allein diesem einen von elf Informationsblöcken auf dem IFF-Informationsblatt widmet der ITA-Geschäftsführer zwei Seiten Kritik und Anregungen. Darüber hinaus schlägt Ortmann an vielen Stellen treffendere Begriffe und verständlichere Grafiken vor als sie das IFF verwendet - etwa bei der Darstellung der Chance-Risiko-Verteilung.

Verständlich geht auch anders

Bei der Darstellung der Effektivkosten bemängelt ITA-Chef Ortmann, dass der IFF-Entwurf auf den einzelnen Informationsblättern für die unterschiedlichen Produktarten Synonyme verwendet, was zur Verwirrung beitragen kann. Für verwirrend hält der Experte zudem die Vorgehensweise, die Effektivkosten neben einer Prozentzahl zusätzlich auch in einem kumulierten Euro-Betrag anzugeben. So bleiben die prozentualen Effektivkosten in etwa gleich hoch, auch wenn der unterstellte jährliche Ertrag etwa von 2 Prozent auf 8 Prozent vervierfacht wird. Nicht stabil ist dagegen der Euro-Betrag, er steigt nahezu um den gleichen Faktor wie der unterstellte jährliche Ertrag.

"Das liegt daran, dass Kosten auf die künftige Wertentwicklung berechnet werden. Wenn man eine solche Angabe in Euro bringt, dann müsste der Betrag abgezinst dargestellt werden", wendet Ortmann ein. Alternativ ließen sich mehrere Wertentwicklungsannahmen ausweisen und dafür jeweils die prozentualen Effektivkosten und die Effektivkosten in Euro angeben. Das bedürfte dann aber einer Tabelle, und die Kosten sind nur eines von 19 Elementen, die das lediglich zwei Seiten lange Produktinformationsblatt berücksichtigen soll.

Ortmann will sagen: Es gibt Zusammenhänge bei Finanzprodukten, die sind nicht ganz einfach und man sollte den Verbraucher vielleicht sogar besser damit verschonen.

Wie die Quadratur des Kreises auf zwei Din-A4-Seiten

Allein der Diskurs über die richtige und am besten verständliche Darstellung der Kosten eines Finanzproduktes zeigt die Schwierigkeit des Unterfangens, mehr Transparenz zu schaffen. Auf beschränkten zwei Din-A4-Seiten gleicht es fast der Quadratur des Kreises. Vielleicht muss man tatsächlich noch einmal neu denken. Vielleicht sind es womöglich die ganz einfachen Relationen, die ein Finanzprodukt für den Laien überhaupt erst verständlich und damit transparent machen. Was spräche etwa gegen folgende Informationen auf einem Produktblatt?

• "Bei diesem Produkt müssen Sie mindestens X Jahre leben, um mit der garantierten Rente das herauszubekommen, was Sie eingezahlt haben."

• "Bei diesem Produkt müssen Sie Y Jahre leben, um mit der in Aussicht gestellten Rente inklusive Überschüsse eine Inflation von 2 Prozent zu schlagen."

• "Beim Kauf dieses Produkts müssen sie auf X Euro Rente auf Grund aller Kosten verzichten."

Trotz der Einwände, die man gegen so eine Darstellungsform erheben könnte, einen Gedanken sollten diese Vorschläge des BdV dem Gesetzgeber vielleicht wert sein. Denn letztlich geht es um Verständlichkeit - und ohne diese bleibt Transparenz nur ein frommer Wunsch.

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