Private Krankenversicherung Der Kostenkiller der PKV

Auf viele Privatpatienten kommen 2012 drastisch steigende Beiträge zu - vereinzelt bis zu 40 Prozent und mehr. Betroffen sind ältere wie junge Versicherte. Aber kein Kunde muss die Preisexplosion hinnehmen. Wer sich wehrt, kann viel Geld sparen, sagt Berater Ozan Sözeri.
"Unseriös kalkuliert": Ozan Sözeri ist Chef des Beratungshauses "Widge.de" mit 30 Mitarbeitern. Der Wirtschaftsingenieur und Ex-Versicherungsmakler boxt für Versicherte den Wechsel in günstigere und nicht selten sogar bessere Tarife durch

"Unseriös kalkuliert": Ozan Sözeri ist Chef des Beratungshauses "Widge.de" mit 30 Mitarbeitern. Der Wirtschaftsingenieur und Ex-Versicherungsmakler boxt für Versicherte den Wechsel in günstigere und nicht selten sogar bessere Tarife durch

mm: Herr Sözeri, Ihr Unternehmen berät Versicherte privater Krankenkassen, die kräftige Beitragssteigerungen nicht mehr hinnehmen wollen. Wie viel schlagen die Anbieter im kommenden Jahr drauf?

Sözeri: Nach einer Analyse von Morgen & Morgen liegen die Aufschläge im Schnitt bei 4,4 Prozent - 5,1 Prozent bei den Männern, 3,6 Prozent bei den Frauen. Diese Zahlen muss man aber stark relativieren, denn sie erfassen lediglich neu abgeschlossene Tarife. Für Bestandskunden liegen die Beitragsanpassungen in der Regel deutlich höher.

mm: 4,4 Prozent klingt zunächst einmal moderat. Wer ist diesmal besonders betroffen?

Sözeri: Die Kunden der Central Krankenversicherung trifft es im nächsten Jahr besonders hart. Die Kasse hat die Beiträge im Schnitt um 12,9 Prozent erhöht. Vereinzelt schnellen hier die Prämien sogar um mehr als 40 Prozent in die Höhe - das teilweise auch für Tarife, die erst seit zwei oder drei Jahren bestehen und noch nicht einmal ein neues Tarifkollektiv haben. Das heißt, diese Tarife wurden von Beginn an unseriös kalkuliert und fliegen den Versicherten jetzt um die Ohren. Und die trifft definitiv keine Schuld.

mm: Gibt es jenseits einzelner Anbieter bestimmte Gruppen, die mit starken Prämienerhöhungen rechnen müssen?

Sözeri: Besonders betroffen sind immer wieder ältere Menschen, die seit 15 oder 20 Jahren bei einem Anbieter versichert sind. Oft sitzen sie in geschlossenen Tarifen fest, die nicht mehr angeboten werden, wo also keine jungen Kunden nachkommen. Das heißt, der Tarif vergreist und verteuert sich von Jahr zu Jahr, weil keinerlei Ausgleich mehr stattfindet. Diese Kunden sind dann oft wegen ihrer Vorerkrankungen und Altersrückstellungen an den Anbieter gefesselt. Denn ihre Rückstellungen würden sie bei einem Kassenwechsel verlieren, oder sie würden wegen der Vorerkrankungen schlicht abgelehnt. Der Versicherer muss sich also nicht mehr bemühen, die älteren Kunden zu halten. Sie sind ohnehin festgenagelt.

mm: Wie hoch steigen die Tarife für diese älteren Bestandskunden im Schnitt?

Sözeri: Das lässt sich seriöserweise nicht beziffern. Denn die Gesellschaften sind nicht verpflichtet, die Anpassungen auch für die älteren Bestandskunden zu veröffentlichen. Und Sie tun alles, damit solche Zahlen nicht bekannt werden. Der Grund dafür ist klar: Die Zahlen lägen zweifelsohne deutlich höher und das schadet dem Neugeschäft.

"Beitragsexplosion geht auf Fehlkalkulation zurück"

mm: Wenn Beiträge um 40 Prozent und mehr steigen, ist dies ein Indiz dafür, dass die Billigpreispolitik einzelner Anbieter sich jetzt rächt?

Sözeri: Ich würde das nicht nur auf dieses Jahr beschränken, in dem der Wechsel von einer gesetzlichen in eine private Krankenkasse erleichtert wurde. Die Central wirbt schon seit Jahren aggressiv um neue Kunden und machte es ihnen dabei so leicht wie möglich. So mussten ihre potentiellen Neukunden im Vergleich zu den Wettbewerbern nur einen Bruchteil der Antragsfragen beantworten. Sie haben einfach jeden Versicherten eingefangen, der nicht bei Drei auf dem Baum war. Die Konsequenz: Das Unternehmen ist ein Sanierungsfall und die Kunden müssen es jetzt ausbaden. Doch auch die DKV hat ihre Dumpingtarife mittlerweile eingestampft, und das werden auch andere noch tun.

mm: Wie begründen die Anbieter ihre Beitragserhöhung? Sind die Begründungen plausibel?

Sözeri: Plausibel ja, aber legitim sind sie trotzdem nicht. Denn die besonders hohen Anpassungen gehen neben Kostensteigerungen im Gesundheitswesen zum Großteil eben auf Fehlkalkulationen oder Schönrechnungen zurück, die schon länger zurückliegen. Das Dilemma ist, die Gesellschaften können ihre Preise im Grunde gestalten, wie sie wollen. Es gibt keine ausreichende Aufsicht, die den Anbietern bei der Tarifkalkulation auf die Finger schaut.

mm: Ist der Wechsel in eine andere Privatkasse eine Option, um heftigen Beitragssteigerungen zu entkommen?

Sözeri: Nur dann, wenn der Kunde weniger als sieben Jahre bei einer Kasse versichert ist. Bei deutlich längerer Mitgliedschaft gingen andernfalls zu viele Altersrückstellungen verloren, die unter dem Strich einen monatlichen Rabatt von bis zu 250 Euro ausmachen können. Den würde der Versicherte bei einem Kassenwechsel schlicht verschenken. Zudem fällt bei einem Wechsel erneut eine aufwändige Gesundheitsprüfung an. Vorerkrankungen führen dann zu Risikoaufschlägen oder der Kunde wird einfach abgelehnt.

mm: Er könnte ja auch seinen Selbstbehalt erhöhen, um den Monatsbeitrag stabil zu halten oder zu senken.

Sözeri: Das ist zumeist eine Milchmädchenrechnung. Denn damit verschiebt sich das Problem nur auf einen späteren Zeitpunkt. Einzelne Analysen zeigen, dass im kommenden Jahr die Prämienaufschläge auch bei Tarifen mit hohen Selbstbehalten zum Teil drastisch ansteigen. Oft ist es auch gar nicht nötig, den Selbstbehalt zu erhöhen oder zwangsläufig auf Leistungen zu verzichten, um den Beitrag stabil zu halten. Diese Vorschläge unterbreiten die Anbieter ihren Kunden zwar immer wieder, wenn diese nach niedrigeren Beiträgen fragen. Doch das ist mit Verlaub pure Beutelschneiderei. Denn im Leistungsfall zahlt der Kunde wieder drauf.

Warum der Basistarif keine Alternative ist

mm: Empfiehlt sich ein Wechsel in den Basistarif, den alle Privatkassen anbieten müssen?

Sözeri: Nein, der ist zum einem mit 575 Euro monatlich alles andere als günstig, und wer einmal in den Basistarif wechselt, erlebt da sein blaues Wunder. Viele Ärzte verweigern den Kunden im Basistarif die Behandlung, weil diese zu schlecht abgegolten werden. Mit einem Gebührensatz von 1,2 gibt sich kein Arzt zufrieden. Wünscht der Kunde dennoch eine Behandlung, muss er die Spanne zum 2,3fachen oder 3,5fachen Abrechnungssatz oft aus eigener Tasche zahlen, andernfalls wird aus er Praxis komplimentiert oder bekommt erst gar keinen Termin. Das grundlegende Problem ist: Der Arzt hat das Recht, diese höheren Sätze auch im Basistarif zu verlangen.

mm: Wie reagieren private Kassen für gewöhnlich, wenn Kunden eine Beitragserhöhung anzweifeln oder einen günstigeren Tarif wünschen?

Sözeri: Üblicherweise bieten die Kassen dem Kunden dann drittklassige Tarife mit deutlichen Leistungsabstrichen an oder fordern sie auf, ihren Selbstbehalt zu erhöhen. Damit sollte sich kein Versicherter abspeisen lassen. In der absoluten Mehrzahl der Fälle führt der Versicherer auch einen Tarif, der gleiche oder mitunter sogar bessere Leistungen für weniger Geld anbietet.

mm: Warum informieren private Krankenversicherer in diesen Fällen so schlecht?

Sözeri: Weil ihr primäres Interesse möglichst hohe Einnahmen sind.

mm: Wenn der Kunde Ihnen ein Mandat erteilt, was tun Sie dann für ihn konkret?

Sözeri: Unsere Dienstleistung besteht aus bis zu 80 verschiedenen Schritten, je nachdem wie sehr sich der Versicherer des Kunden quer stellt. Im Kern schauen wir uns den Tarif des Versicherten an, recherchieren und prüfen aufwändig die Alternativen bei seinem Anbieter, stellen Punkt für Punkt die Tarifalternative dem alten Tarif gegenüber und stellen dem Kunden dieses Ergebnis in einer detaillierten Auswertung in einem persönlichen Gespräch dann vor. Erst danach entscheidet er sich für oder gegen eine weitere, dann aber kostenpflichtige Zusammenarbeit.

mm: Wieviele Angebote unterbreiten Sie dem Kunden?

Sözeri: In der Regel zwei oder drei gute Alternativen, mehr Optionen kommen nur selten in Frage. Geprüft und gerechnet haben wir aber ein Vielfaches an Tarifalternativen.

"Im Schnitt liegt die Ersparnis bei 270 monatlich"

mm: Wenn Sie gegenüber dem Versicherer die Interessen des Kunden vertreten, kommt es dabei auch zu Reibereien?

Sözeri: 50 Prozent meines Arbeitstages bestehen darin, diese Reibereien zu klären und nicht selten müssen wir dabei auch unsere Anwälte in die Spur schicken, um die Interessen des Kunden gegen den Widerstand des Versicherers gegen einen Tarifwechsel durchzusetzen.

mm: Mit welchen Argumenten lehnen die Gesellschaften den Wechsel in einen günstigeren Tarif ab?

Sözeri: Ein Standardargument ist oft, der Kunde sei zu alt oder zu krank. Immer wieder versuchen die Gesellschaften auch, den Wechsel mit neuen Risikozuschlägen zu vereiteln. Mitunter erklären sie das Tarifkollektiv einfach für geschlossen oder nur für Neukunden zugänglich. Zur beliebten Hinhaltetaktik gehört, die Korrespondenz einfach zu verweigern. Die Kassen sind da sehr erfinderisch. All diese Strategien und Argumente entbehren aber jeder rechtlichen Basis.

mm.de: Sie werben mit Einsparungen von bis zu 40 Prozent bei gleichem Leistungsniveau. Wie viel Geld sparen Ihre Kunden im Schnitt ein?

Sözeri: Im Schnitt liegt die durchschnittliche Ersparnis unserer gut 2000 Kunden, für die wir seit 2010 einen Tarifwechsel durchgeboxt haben, bei etwa 270 Euro monatlich - bei gleichem Leistungsniveau wohlgemerkt. Mitunter verbessert sich für sie sogar der Leistungskatalog. Manche verzichten aber ganz bewusst auf Leistungen, um noch mehr Ersparnis herauszuholen.

mm.de: Wie oft entscheiden sich Kunden, die Leistungen zu reduzieren, um eine Ersparnis zu erzielen?

Sözeri: Mit einem von 15 Kunden ist das der Ausnahmefall. Wir bevormunden die Versicherten nicht, das ist nicht unser Job. Wenn sie mehr einsparen möchten als unsere recherchierten Alternativen hergeben, dann ist das ihre Entscheidung.

mm: Sie haben den Beruf des Versicherungsmaklers an den Nagel gehängt. Sind Beratungshonorare so viel lukrativer als üppige Vermittlerprovisionen?

Sözeri: Auf den Einzelfall gerechnet ganz bestimmt nicht. Um es an dieser Stelle klar zu betonen, wir arbeiten absolut unabhängig von Versicherungsunternehmen und beziehen keine Provisionen. Unsere Gebühr ist auch völlig transparent. Willigt der Kunde nach erheblicher Vorarbeit von uns in ein Mandat ein, dann berechnen wir ihm als erfolgsabhängiges Honorar acht mal die monatliche Ersparnis. Den Job des Versicherungsmaklers habe ich übrigens mit Freude an den Nagel gehängt: Wenn Sie zweimal in der Woche ältere Versicherte am Telefon haben, die ihren Beitrag nicht mehr zahlen können und deren Geschichte dazu hören, dann wissen sie auch warum. Anfangs bot ich den Service umsonst an. Irgendwann musste ich mich entscheiden: Entweder gehe ich als Makler bankrott oder ich widme mich dem zeitaufwändigen Beratungsgeschäft des Tarifwechsels.

Was der Service kostet

mm: Pro Kunde fährt Ihr Unternehmen damit rund 2160 Euro Beratungshonorar ein. Das ist kein Pappenstiel im Vergleich zu anderen Honorarberatern oder Verbraucherzentralen, die ja auch in diesem Bereich tätig sind. Welchen echten Mehrwert bietet "Widge" seinen Kunden?

Sözeri: Ein Gespräch in der Verbraucherzentrale dauert selten mehr als 40 Minuten. Die Verbraucherberater können in dieser Zeit gar nicht diese aufwändige Arbeit leisten, wie wir es tun. Wir investieren für jeden Interessenten mindestens sieben Arbeitsstunden. Und der Verbraucher zahlt nur, wenn er mit den Tarifalternativen zufrieden ist. Ein Wettbewerber verlangt für einen vergleichbaren Service zwölf Mal die Ersparnis eines Monatsbeitrags - und ganz gleich ob der Kunde das Angebot annimmt oder nicht, das Honorar fällt in jedem Fall an.

mm: Je höher die Ersparnis des Kunden ausfällt, desto höher ist Ihr Honorar. Ist da die Versuchung nicht groß, dem Versicherten einen leistungsschwachen Billigtarif vorzuschlagen? Dort ziehen dann im Folgejahr die Beiträge umso stärker an und der Versicherte steht vor dem gleichen Dilemma. Eine Beitragsgarantie können Sie ja nicht geben.

Sözeri: Dieser Versuchung werden wir nicht erliegen. Wir behandeln die Kunden fair. Wenn wir sie gut beraten, fair behandeln und eine ordentliche Ersparnis bei gleichen Leistungen für die Kunden erzielen, dann empfehlen sie uns weiter. Das ist neben unseren Mitarbeitern unser größtes Kapital, und das werden wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

mm: Sie sind mit der PKV eher in einem Nischenmarkt tätig. Welches Potential trauen Sie dem Markt zu?

Sözeri: Für intensive Beratungsleistungen zu einem möglichen Tarifwechsel kommen etwa zwei Millionen der rund neun Millionen privat Krankenversicherten in Deutschland in Frage. Das Potential ist also groß. Seit einem Jahr arbeiten wir bundesweit mit ausgewählten Versicherungsmaklern zusammen, die sich unseren strengen Prinzipien unterordnen müssen. Über mangelnden Zulauf können wir uns nicht beklagen. Täglich wenden sich etwa 50 Versicherte mit einem Wechselwunsch an uns. Mehr als zwei Drittel der angefragten Tarifwechsel boxen wir für unsere Kunden erfolgreich durch.