Donnerstag, 5. Dezember 2019

Private Krankenversicherung Der Kostenkiller der PKV

"Unseriös kalkuliert": Ozan Sözeri ist Chef des Beratungshauses "Widge.de" mit 30 Mitarbeitern. Der Wirtschaftsingenieur und Ex-Versicherungsmakler boxt für Versicherte den Wechsel in günstigere und nicht selten sogar bessere Tarife durch

2. Teil: "Beitragsexplosion geht auf Fehlkalkulation zurück"

mm: Wenn Beiträge um 40 Prozent und mehr steigen, ist dies ein Indiz dafür, dass die Billigpreispolitik einzelner Anbieter sich jetzt rächt?

Sözeri: Ich würde das nicht nur auf dieses Jahr beschränken, in dem der Wechsel von einer gesetzlichen in eine private Krankenkasse erleichtert wurde. Die Central wirbt schon seit Jahren aggressiv um neue Kunden und machte es ihnen dabei so leicht wie möglich. So mussten ihre potentiellen Neukunden im Vergleich zu den Wettbewerbern nur einen Bruchteil der Antragsfragen beantworten. Sie haben einfach jeden Versicherten eingefangen, der nicht bei Drei auf dem Baum war. Die Konsequenz: Das Unternehmen ist ein Sanierungsfall und die Kunden müssen es jetzt ausbaden. Doch auch die DKV hat ihre Dumpingtarife mittlerweile eingestampft, und das werden auch andere noch tun.

mm: Wie begründen die Anbieter ihre Beitragserhöhung? Sind die Begründungen plausibel?

Sözeri: Plausibel ja, aber legitim sind sie trotzdem nicht. Denn die besonders hohen Anpassungen gehen neben Kostensteigerungen im Gesundheitswesen zum Großteil eben auf Fehlkalkulationen oder Schönrechnungen zurück, die schon länger zurückliegen. Das Dilemma ist, die Gesellschaften können ihre Preise im Grunde gestalten, wie sie wollen. Es gibt keine ausreichende Aufsicht, die den Anbietern bei der Tarifkalkulation auf die Finger schaut.

mm: Ist der Wechsel in eine andere Privatkasse eine Option, um heftigen Beitragssteigerungen zu entkommen?

Sözeri: Nur dann, wenn der Kunde weniger als sieben Jahre bei einer Kasse versichert ist. Bei deutlich längerer Mitgliedschaft gingen andernfalls zu viele Altersrückstellungen verloren, die unter dem Strich einen monatlichen Rabatt von bis zu 250 Euro ausmachen können. Den würde der Versicherte bei einem Kassenwechsel schlicht verschenken. Zudem fällt bei einem Wechsel erneut eine aufwändige Gesundheitsprüfung an. Vorerkrankungen führen dann zu Risikoaufschlägen oder der Kunde wird einfach abgelehnt.

mm: Er könnte ja auch seinen Selbstbehalt erhöhen, um den Monatsbeitrag stabil zu halten oder zu senken.

Sözeri: Das ist zumeist eine Milchmädchenrechnung. Denn damit verschiebt sich das Problem nur auf einen späteren Zeitpunkt. Einzelne Analysen zeigen, dass im kommenden Jahr die Prämienaufschläge auch bei Tarifen mit hohen Selbstbehalten zum Teil drastisch ansteigen. Oft ist es auch gar nicht nötig, den Selbstbehalt zu erhöhen oder zwangsläufig auf Leistungen zu verzichten, um den Beitrag stabil zu halten. Diese Vorschläge unterbreiten die Anbieter ihren Kunden zwar immer wieder, wenn diese nach niedrigeren Beiträgen fragen. Doch das ist mit Verlaub pure Beutelschneiderei. Denn im Leistungsfall zahlt der Kunde wieder drauf.

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