Gewinnverteilung Lebensversicherer bevorzugen Aktionäre

Gute Lebensversicherer verdienen viel Geld und geben es ihren Kunden zurück. So weit die Theorie. Tatsächlich machen die Anbieter aus Zusammensetzung und Verteilung ihrer Gewinne ein Geheimnis. Viele bevorzugen die Eigner immer stärker - zum Nachteil der Kunden, sagt Experte Hermann Weinmann im Interview mit manager magazin Online.
Kampf um den Kuchen: Viele Lebensversicherer verwöhnen ihre Anteilseigner mit einem steigenden Anteil am Gewinn - zum Nachteil der Kunden

Kampf um den Kuchen: Viele Lebensversicherer verwöhnen ihre Anteilseigner mit einem steigenden Anteil am Gewinn - zum Nachteil der Kunden

Foto: Corbis

mm: Herr Professor Weinmann, als Lebensversicherter fragt man sich immer wieder, wie mein Anbieter eigentlich Gewinne erwirtschaftet und wie er mich daran beteiligt. Welche Gewinnquellen hat ein Lebensversicherer?

Weinmann: Ein Lebensversicherer muss seinem Kunden unter Umständen jahrzehntelang eine Rente zahlen. Damit er dies auch in schlechten Kapitalmarktzeiten kann, kalkuliert er die Prämien äußerst vorsichtig. Deshalb sagt er seinem Kunden zunächst eine relativ niedrige, garantierte Leistung zu. Tatsächlich stellen sich aufgrund der vorsichtigen Kalkulation Überschüsse ein, etwa Überschüsse bei den Kapitalanlagen. Diese ergeben sich aus der Differenz der erzielten Rendite des angelegten Geldes und der garantierten Verzinsung des Sparanteils des Kundenbeitrags. Stärkste Gewinnquelle eines Lebensversicherers sind in der Regel auch seine Kapitalanlagen.

mm: Welche Gewinnquellen hat ein Lebensversicherer noch?

Weinmann: Ein Lebensversicherer erzielt zudem Risikoüberschüsse und Kostenüberschüsse. Erstere entstehen in der Rentenversicherung, wenn die Menschen früher sterben als kalkuliert und in der Risikolebensversicherung, wenn weniger Menschen sterben als kalkuliert. Das Risikoergebnis ist für die Branche sehr wichtig geworden. Im Krisenjahr 2008 war es etwa siebenmal so groß wie ihr Kapitalanlageergebnis.

mm: Wie verhält es sich mit den Kostenüberschüssen?

Weinmann: Hier stehen Verwaltungskosten und Abschlusskosten im Vordergrund. Sind sie niedriger als kalkuliert, entstehen auch hier Überschüsse. Es gilt aber, dass Verwaltungskostengewinne bei vielen Gesellschaften durch Abschlusskostenverluste aufgezehrt werden. Wir haben also im Wesentlichen drei Gewinn- oder Überschussquellen, die zusammen den sogenannten Rohüberschuss ergeben. In die Entwicklung der einzelnen Rohüberschussquellen geben die Versicherungsunternehmen aber keinen tieferen Einblick.

mm: Wie wird dieser Rohüberschuss nun verteilt?

Weinmann: Ein Teil wird dem Versicherungsnehmer direkt gutgeschrieben, das ist die sogenannte Direktgutschrift. Ein anderer Teil des aus den drei Gewinnquellen erzielten Rohüberschusses wandert zunächst in die Rückstellung für Beitragsrückerstattung, die sogenannte RfB. Dabei sind sowohl Zeitpunkt als auch Höhe der Auszahlung aus der RfB noch unbestimmt. Wenn man so will, fungiert die RfB damit als Puffer für schwierige Kapitalmarktzeiten, um auch in diesen dem Versicherten eine möglichst konstante Überschussbeteiligung zu gewähren. Ein weiterer Teil des Rohüberschusses geht als Jahresüberschuss an das Unternehmen beziehungsweise seine Aktionäre.

mm: Und das machen alle Unternehmen gleich?

Aktionäre der Allianz Leben beanspruchen 22 Prozent der Gewinne

Weinmann: Nein, das handhaben die Unternehmen ganz unterschiedlich. Nach meiner Analyse der zehn größten Lebensversicherer lag im vergangenen Jahr der Anteil der Versicherungsnehmer am Rohüberschuss zum Beispiel bei der Allianz Leben  bei rund 78 Prozent, die Kunden der Generali Leben erhielten dagegen 100 Prozent. Mit anderen Worten: Die Aktionäre behielten im Fall der Allianz rund 22 Prozent des Rohüberschusses für sich ein, die Anteilseigner der Generali gingen dagegen leer aus.

mm: Ist ein Kunde damit bei der Generali  besser aufgehoben ist als bei der Allianz ?

Weinmann: Nein, das heißt es keineswegs. Wie bereits angedeutet kennen wir zwar die Höhe des Rohüberschusses. Aus dem Jahresabschluss eines Lebensversicherers ist aber nicht ersichtlich, wie stark jeweils Kapitalanlage-, Risiko- und Kostenergebnis dazu beitragen. Meine Analyse lässt vielmehr den Schluss zu, dass die Generali betriebswirtschaftlich gesehen - etwa bei der Kapitalanlage - deutlich weniger erfolgreich agierte als die Allianz und deshalb den gesamten Rohüberschuss an die Versicherten auskehren musste, um ihre Zusagen gegenüber den Versicherten und die Vorgaben der Mindestzuführungsverordnung einhalten zu können.

mm: Diese Verordnung gibt doch eigentlich klar vor, wie stark die Versicherten an den einzelnen Ergebnissen zu beteiligen sind.

Weinmann: Das ist richtig. An den Kapitalerträgen stehen den Versicherten mindestens 90 Prozent, an den Risikoüberschüssen mindestens 75 Prozent und an den Kostenüberschüssen mindestens 50 Prozent zu. Die Zahlen zur Mindestzuführung veröffentlichen die Lebensversicherer aber nicht. Sie sind ein wohlgehütetes Geheimnis und lediglich der Finanzaufsicht Bafin im Zuge der internen Rechnungslegung zugänglich. Wir wissen also nicht, ob die Versicherer nach der 50-75-90-Regel ihren Kunden gerade mal das gesetzliche Minimum zukommen lassen oder darüber hinausgehen.

mm: Das alles wirkt nicht gerade transparent.

Weinmann: Das ist es auch nicht. Die zentralen Fragen sind doch: Wie erfolgreich ist mein Lebensversicherer betriebswirtschaftlich? Wie hantiert er mit meinem Geld? Wie beteiligt es mich als Versicherten am Unternehmenserfolg? Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist die Analyse und damit eine Antwort auf diese Fragen allenfalls einem Bilanzexperten möglich. Mehr Transparenz wäre hier wünschenswert - auch im Sinne der Verbraucher.

mm: Was würde für mehr Transparenz sorgen?

Bevorzugung der Anteilseigner nimmt zu

Weinmann: Gerade mit Blick auf die einzelnen Gewinnquellen eines Lebensversicherers brauchen wir transparentere Abschlüsse. Es wäre wünschenswert zu erfahren, wie sich ein Rohüberschuss zusammensetzt oder besser noch, wie hoch genau die besagte Mindestzuführung ist. Ich bin kein Verbraucherschützer. Aber als Verbraucher würde ich gern wissen, wo mein Versicherer wie viel Gewinn erwirtschaftet, was er davon mir direkt zukommen lässt, was er für schlechtere Zeiten vorerst zurückhält, welcher Anteil des Gewinns im Unternehmen als Eigenkapital verbleibt oder den Aktionären zufließt. Solche Informationen würden die Entscheidung für einen Anbieter deutlich erleichtern. Bislang aber liefert kein Versicherer diese Hinweise. Im Sinne von mehr Transparenz sehe ich hier den Gesetzgeber gefordert.

mm: Bleiben wir bei den beiden Beispielen. Haben Generali und Allianz ihren Rohüberschuss zu Gunsten der Anteilseigner und damit zu Lasten der Versicherten im vergangenen Jahr ausgeweitet?

Weinmann: Die Generali nicht, sie musste schon im Jahr 2009 ihren kompletten Rohüberschuss an die Versicherten abführen, die Aktionäre gingen also bereits 2009 leer aus. Bei der Allianz Leben beanspruchten die Anteilseigner im Jahr 2009 rund 16,7 Prozent des Rohüberschusses für sich, im vergangenen Jahr wuchs ihr Anteil dann auf 21,7 Prozent. Er lag aber auch schon mal höher. Im Krisenjahr 2008 zum Beispiel gingen 27 Prozent der Überschüsse an die Anteilseigner.

mm: Reden wir hier von Einzelfällen?

Weinmann: Nein, durchaus nicht. So hat zum Beispiel die Axa Leben den Anteil der Anteilseigner auf 14,1 Prozent im Jahr 2010 angehoben. Und bei der Zurich Deutscher Herold beanspruchen die Aktionäre mittlerweile knapp 16 Prozent des Rohüberschusses. Wir können hier schon fast von einem Trend im Markt sprechen.

mm: Halten Sie das mit Blick auf die Lebensversicherten für gerecht?

Weinmann: Gerecht ist in diesem Zusammenhang ein schwieriges Wort. Wenn wir uns die Kostensituation, die Risikopolitik und den Kapitalanlageerfolg der Allianz Leben näher vor Augen führen, müssen wir konzedieren, dass dies ein betriebswirtschaftlich sehr gut geführtes Unternehmen ist. Beziehen wir aber neben der Fähigkeit, Überschüsse zu erzielen, die Beteiligung des Versicherungsnehmers an diesen Gewinnen mit ein, dann fällt die Allianz in meiner Gesamtbetrachtung 2010 auf den zweiten Platz hinter die R+V Lebensversicherung zurück, gefolgt von der Debeka und der Bayern Versicherung.

mm: Noch mal nachgehakt: Halten Sie einen Anteil von 20 Prozent und mehr am Rohüberschuss für die Anteilseigner eines Lebensversicherers für angemessen?

Weinmann: Die Allianz könnte ihre Kunden sicherlich stärker am Unternehmenserfolg beteiligen, die Verteilung des Rohüberschusses ist letztlich aber eine unternehmenspolitische Entscheidung. Der Kunde sollte sich bei dieser Frage auch eines vor Augen halten: Eine Beteiligungsquote von 100 Prozent an niedrigen Gewinnen muss keineswegs besser sein als eine niedrigere Beteiligung an sehr hohen Gewinnen. Aber da Sie konkret fragen: Selbst wenn ein Lebensversicherer betriebswirtschaftlich sehr leistungsfähig ist, hielte ich persönlich als Kunde 20 Prozent oder mehr vom Kuchen für das Unternehmen oder seine Anteilseigner auf Dauer für zu hoch.

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