Berufsunfähigkeit "Versicherer haben nicht viel dazugelernt"

Jeder fünfte Arbeitnehmer gibt berufsunfähig vorzeitig den Job auf, immer öfter wegen psychischer Probleme. Die wenigsten sind versichert, ihnen droht Armut. Ein Milliardenmarkt für die Assekuranz. Doch sie lässt den Markt weitgehend links liegen. Ein Skandal, meint Experte Manfred Poweleit.
Berufsunfähig: Psychische Störungen und Burn-out sind immer öfter der Grund, warum Menschen ihren Job vorzeitig aufgeben

Berufsunfähig: Psychische Störungen und Burn-out sind immer öfter der Grund, warum Menschen ihren Job vorzeitig aufgeben

Foto: Corbis

mm: Herr Poweleit, lange Zeit hieß es, jeder vierte Bundesbürger steige berufs- oder erwerbsunfähig vorzeitig aus dem Job aus. Nach Ihren Berechnungen ist es jetzt jeder fünfte. Wie begründet sich der erfreuliche Rückgang - leben die Menschen gesünder, ist das Risiko gesunken?

Poweleit: Das Risiko ist sicherlich etwas dadurch gesunken, dass körperlich sehr beschwerliche Arbeit immer weniger nachgefragt wird und diese Knochenarbeit die Menschen in der Masse weniger belastet. Ich glaube, dass auch die erhöhte Lebenserwartung viel damit zu tun hat, dass wir weniger Menschen haben, die sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode arbeiten.

mm: Nach Ihrem jüngsten Report scheint das Risiko der Berufsunfähigkeit aber auch in gefährlichen Berufen zu sinken.

Poweleit: Es ist in der Tat auffällig, dass das Invaliditätsrisiko besonders in den Berufen stark gesunken ist, die in unserem Vergleich vor fünf Jahren noch mit sehr hohen Risiken verzeichnet waren. Gleichzeitig ging in diesen Berufen aber auch die Beschäftigung sehr deutlich zurück. In manchen schweren Bauhandwerken ist mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer vom Markt verschwunden. Da drängt sich der Verdacht auf, dass so mancher Arbeitsplatz über die Berufsunfähigkeitsversicherung sozialverträglich abgebaut wurde.

mm: Die Rentenversicherung als Abladerampe für überzähliges Personal? Das ist nicht so einfach - schließlich reden gutachtende Ärzte vorher ein Wort mit.

Poweleit: Die Zahlen wie auch manche Hinweise aus Verbänden und Unternehmen, die uns erreicht haben, untermauern diese These. Die Entsorgung von Menschen in die Rente zum Aufpolieren der Arbeitslosenstatistik dürfte so professionell ablaufen, dass die Auffindung geeigneter Ärzte wohl nur ein logistisches Detailproblem ist.

mm: Halten Sie das Berufsunfähigkeitsrisiko nun trotzdem noch für hoch?

Poweleit: Die berufliche Etablierung ist von hohem Wert für die Menschen, nicht nur finanziell. Mit fast 20 Prozent ist das Berunfsunfähigkeitsrisiko nach wie vor sehr hoch. Hohe gesundheitliche Risiken sehe ich darin, dass bei körperlich wenig belastenden Tätigkeiten die große Gefahr psychischer Erkrankung unterschätzt wird.

mm.de: Der Anteil psychischer Erkrankungen als Ursache für Berufsunfähigkeit hat sich nach Ihren Berechnungen in den vergangenen zehn Jahren auf zuletzt 39 Prozent mehr als verdoppelt. Wie begründen Sie den starken Anstieg?

"Die Annahmepolitik der Versicherer ist häufig abschreckend"

Poweleit: Der Wertemangel in unserer Gesellschaft spielt da sicherlich eine große Rolle. Erschreckend finde ich, dass nahezu 30.000 Kinder im Alter zwischen zehn und 15 Jahren zuletzt mit psychischen Erkrankungen ins Krankenhaus mussten; bei den 15- bis 20-Jährigen waren es sogar mehr als 70.000 Jugendliche - wir reden hier wohlgemerkt über ein Jahr. Schulische Arbeitszeiten von bis zu 50 Wochenstunden mit Hausaufgaben und Klausurvorbereitung schon für Zehnjährige sind ja keine Ausnahme mehr. Zusätzlich führen mangelnde Zuwendung im Elternhaus und Scheidungen häufig zu Dramen bei Kindern, die wir noch gar nicht richtig auf dem Schirm haben. Wir müssen uns darüber klar sein, dass viele dieser Kinder bereits krank auf den Arbeitsmarkt gelangen. Wir haben viel Anlass, uns über die psychische Gesundheit unserer Kinder große Sorgen zu machen und endlich richtig zu handeln.

mm.de: Berufsunfähigkeit als unterschätztes Risiko war in den vergangenen Jahren ein Dauerbrenner auch in der Werbung der Lebensversicherer. Mit Erfolg? Haben sich mehr Erwerbstätige gegen das Risiko abgesichert?

Poweleit : Die Zahl der Verträge stagniert bei gut 17 Millionen Stück, der Anteil am gesamten Prämienvolumen ist seit zwei Jahren sogar rückläufig. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass mindestens jede zweite Police nur eine Beitragsbefreiung enthält, also den Beitrag der Hauptversicherung weiterzahlt, aber keine Rente leistet. Kaum mehr als ein Fünftel der Erwerbstätigen hat einen Vertrag mit einer Rentenleistung im Invaliditätsfall.

mm.de: Sind denn wenigstens die Renten im Berufsunfähigkeitsfall ausreichend?

Poweleit: Nein, die durchschnittlich vereinbarte Monatsrente von 584 Euro in der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung ist als Vorsorge gegen die Frührentnerarmut unzureichend. Wer nicht privat vorsorgt, bekommt vom Staat im Schnitt nicht mehr als 600 Euro Monatsrente. Zum Vergleich: Die Armutsgrenze für eine Kleinfamilie mit einem Kind liegt über 1500 Euro.

mm.de: Nun sind BU-Policen nicht gerade günstig. Scheuen die Verbraucher den hohen Preis? Fehlt es an leistungsstarken und zugleich bezahlbaren Angeboten?

Poweleit: Viele Policen sind schlicht zu teuer . Und Verbraucher geben ihr Geld lieber anderweitig aus, weil sie den Wert ihrer eigenen Arbeitskraft nicht erkennen. Angesichts des heftigen, wenig sinnvollen Bedingungswettbewerbs scheuen viele Vermittler auch das Haftungsrisiko. Und die Annahmepolitik der Versicherer ist häufig auch abschreckend.

"Nur wenige konzentrieren sich auf die Bedürfnisse der Kunden"

mm.de: Welche Verantwortung tragen die Lebensversicherer selbst an dem Zustand?

Poweleit: Berufsunfähigkeitpolicen taugen nicht für Policenverkäufer. Hier ist richtige Versicherungsberatung durch den ausgebildeten Profi gefragt. Der Profi braucht dann aber eine verlässliche und kalkulierbare Annahmepolitik. Wenn mindestens jeder dritte Antrag von der Versicherung  abgelehnt oder die beantragte Leistung gekürzt wird, riskieren es die professionellen Vermittler nicht gern, ganze Kundenbeziehungen auf's Spiel zu setzen.

mm.de: Die Lebensversicherer benötigen doch dringend neue Erlösquellen. Wenn sie quasi ein Drittel der BU-Anträge ablehnen, entgeht den Unternehmen doch auch viel Geld. Da stellt sich die Frage, scheuen die Versicherer das Risiko?

Poweleit: Erwarten Sie bitte nicht von mir, die Politik der Lebensversicherer zu verstehen. In der Vorsorge gegen die Risiken Tod und Invalidität haben sie eine unikate Marktposition, die Kunden brauchen ihre Produkte dringend, und es ließe sich in der Tat mehr gutes Geld damit verdienen. Doch was macht die Branche? Sie lässt sich auf das Thema der rein finanziellen Altersvorsorge reduzieren, wo man unter Konkurrenzdruck des Investmentbankings gerät und im Zuge der Staatsschuldenkrise unter sinkenden Zinsen gewaltig leidet.

mm.de: Nach der Privaten Krankenversicherung steht auch die Provisionspraxis in der Lebensversicherung auf dem Prüfstand. Wenn man die Provisionen bei BU-Policen nach oben begrenzte und sie damit günstiger machte, wüchse damit nicht die Chance auf ein Massengeschäft?

Poweleit: Nein, der Preis eines Versicherungsprodukts bestimmt sich nach dem Schadenverlauf. Niedrigere Provisionen würden den Monatsbeitrag nur im Centbereich senken. Provisionen sind nur ein unbedeutendes Randthema. Wenn aber lediglich 0,35 Prozent der Verträge schadenträchtig sind und die Höhe der vereinbarten Renten sehr überschaubar bleibt, wird vermutlich gutes Geld verdient.

mm.de: Sie haben Lebensversicherern vor Jahren gerade mit Blick auf das Thema Berufsunfähigkeit vorgeworfen, die Branche käme ihrer Versorgungsfunktion und Verantwortung für die Gesellschaft nicht nach. Bleiben Sie dabei?

Poweleit: Lebensversicherer haben in den vergangenen Jahren nicht viel dazugelernt. Sie wollen Policen verkaufen, statt Probleme der Kunden zu lösen. Nur wenige Anbieter konzentrieren sich auf die Bedürfnisse der Kunden und damit auf die Realisierung von Absatzchancen. Und in Sachen Risikoberatung sind manche Kollegen der Schadenversicherung den Lebensversicherern meilenweit voraus. Vielleicht sollte man hier mal miteinander reden und sein Wissen austauschen. Die Lebensversicherer könnten davon nur profitieren.

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