Dienstag, 22. Oktober 2019

Berufsunfähigkeit "Versicherer haben nicht viel dazugelernt"

Berufsunfähig: Psychische Störungen und Burn-out sind immer öfter der Grund, warum Menschen ihren Job vorzeitig aufgeben

Jeder fünfte Arbeitnehmer gibt berufsunfähig vorzeitig den Job auf, immer öfter wegen psychischer Probleme. Die wenigsten sind versichert, ihnen droht Armut. Ein Milliardenmarkt für die Assekuranz. Doch sie lässt den Markt weitgehend links liegen. Ein Skandal, meint Experte Manfred Poweleit.

mm: Herr Poweleit, lange Zeit hieß es, jeder vierte Bundesbürger steige berufs- oder erwerbsunfähig vorzeitig aus dem Job aus. Nach Ihren Berechnungen ist es jetzt jeder fünfte. Wie begründet sich der erfreuliche Rückgang - leben die Menschen gesünder, ist das Risiko gesunken?

Poweleit: Das Risiko ist sicherlich etwas dadurch gesunken, dass körperlich sehr beschwerliche Arbeit immer weniger nachgefragt wird und diese Knochenarbeit die Menschen in der Masse weniger belastet. Ich glaube, dass auch die erhöhte Lebenserwartung viel damit zu tun hat, dass wir weniger Menschen haben, die sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode arbeiten.

mm: Nach Ihrem jüngsten Report scheint das Risiko der Berufsunfähigkeit aber auch in gefährlichen Berufen zu sinken.

Poweleit: Es ist in der Tat auffällig, dass das Invaliditätsrisiko besonders in den Berufen stark gesunken ist, die in unserem Vergleich vor fünf Jahren noch mit sehr hohen Risiken verzeichnet waren. Gleichzeitig ging in diesen Berufen aber auch die Beschäftigung sehr deutlich zurück. In manchen schweren Bauhandwerken ist mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer vom Markt verschwunden. Da drängt sich der Verdacht auf, dass so mancher Arbeitsplatz über die Berufsunfähigkeitsversicherung sozialverträglich abgebaut wurde.

mm: Die Rentenversicherung als Abladerampe für überzähliges Personal? Das ist nicht so einfach - schließlich reden gutachtende Ärzte vorher ein Wort mit.

Poweleit: Die Zahlen wie auch manche Hinweise aus Verbänden und Unternehmen, die uns erreicht haben, untermauern diese These. Die Entsorgung von Menschen in die Rente zum Aufpolieren der Arbeitslosenstatistik dürfte so professionell ablaufen, dass die Auffindung geeigneter Ärzte wohl nur ein logistisches Detailproblem ist.

mm: Halten Sie das Berufsunfähigkeitsrisiko nun trotzdem noch für hoch?

Poweleit: Die berufliche Etablierung ist von hohem Wert für die Menschen, nicht nur finanziell. Mit fast 20 Prozent ist das Berunfsunfähigkeitsrisiko nach wie vor sehr hoch. Hohe gesundheitliche Risiken sehe ich darin, dass bei körperlich wenig belastenden Tätigkeiten die große Gefahr psychischer Erkrankung unterschätzt wird.

mm.de: Der Anteil psychischer Erkrankungen als Ursache für Berufsunfähigkeit hat sich nach Ihren Berechnungen in den vergangenen zehn Jahren auf zuletzt 39 Prozent mehr als verdoppelt. Wie begründen Sie den starken Anstieg?

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