Garantiezins sinkt Lebensversicherer starten Schlussverkauf

Das Geschäft der Lebensversicherer fällt im ersten Halbjahr deutlich zurück. Weil 2012 der Garantiezins sinkt, setzen die Anbieter jetzt auf einen turbulenten Schlussspurt. Das kann sich rechnen, doch es gibt auch Gründe gegen einen Abschluss. Was Verbraucher wissen müssen.
"Für Kunden, die Wert auf Garantien legen, tickt jetzt die Uhr": Lebensversicherer in Deutschland werben für einen Abschluss noch in diesem Jahr

"Für Kunden, die Wert auf Garantien legen, tickt jetzt die Uhr": Lebensversicherer in Deutschland werben für einen Abschluss noch in diesem Jahr

Foto: Z1020 Martin Schutt/ dpa

Hamburg - Die Versicherungswirtschaft hatte sich vergeblich dagegen gewehrt, denn sie fürchtet Geschäftseinbußen. Doch die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums steht: Der Garantiezins für neue Lebensversicherungen sinkt zum 1. Januar 2012 von 2,25 auf 1,75 Prozent. Mit diesem Schritt will die Regierung Versicherer daran hindern, Zinsversprechen zu geben, die sie später wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes nicht halten können.

So mancher Anbieter rührt bereits die Werbetrommel, wirbt für den Abschluss noch zu alten Konditionen. "Für Kunden, die Wert auf Garantien legen, tickt jetzt die Uhr", geht zum Beispiel der Volkswohlbund dieser Tage in die Offensive.

"Wir erwarten einen regen Schlussverkauf", sagt Thorsten Rudnik, Vorstand beim Bund der Versicherten. Auch andere Lebensversicherer würden offensiv mit dem jetzt noch höheren Garantiezins werben. "Vermittler haben eine anstehende Garantiezinssenkung oder den drohenden Wegfall des Steuerprivilegs immer wieder als wichtiges Kaufargument ins Spiel gebracht. Diese Chance werden sie sich auch diesmal nicht entgehen lassen", ist ebenso Finanzexperte Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen überzeugt.

Geschäft rückläufig - Anbieter stehen unter Druck

In der Vergangenheit schienen die Argumente bei den Kunden zumindest teilweise zu verfangen. So schoss die Zahl verkaufter Policen etwa im Jahr 1999 auch deshalb um rund 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr in die Höhe, weil klar war, dass der Garantiezins im Jahr 2000 von 4 Prozent auf 3,25 Prozent gesenkt würde. Der Wegfall des Steuerprivilegs im Jahr 2005 spielte der Branche in 2004 ein Vertragsplus von rund 40 Prozent ein, wie eine Statistik von Map-Report zeigt.

Diesmal könnte das Werben der Branche besonders kräftig ausfallen. Denn der in den beiden vergangenen Jahren einzige Wachstumsmotor, das umstrittene Geschäft gegen hohe Einmalbeiträge, ist im ersten Halbjahr offenbar um ein Viertel eingebrochen, berichten "Financial Times Deutschland" und "Handelsblatt" ohne Angaben von Quellen. Das zuletzt rückläufige Geschäft gegen regelmäßigen Monatsbeitrag, das eigentliche Kerngeschäft, habe zwar leicht zugelegt, den kräftigen Rückgang aber nicht ausgleichen können.

Der Dortmunder Volkswohlbund jedenfalls munitioniert seine 13.000 Versicherungsmakler und freien Finanzdienstleister für das Schlussverkaufsgeschäft bereits mit einem "Rechnungszins-Tool" auf. Im Beratungsgespräch eingesetzt soll es dem Kunden schnell und individuell verdeutlichen, wie viel Geld für ihn auf dem Spiel steht, sollte er nicht mehr zu alten Garantiezinskonditionen abschließen.

Zinseszinseffekt nicht zu unterschätzen

Wegen der langfristigen Orientierung der Produkte "ist der Rechnungszins mit seiner Zinseszinswirkung einer der wesentlichen Einflussfaktoren bei der Kalkulation von Lebensversicherungen und deren Garantieleistungen", stellt Vertriebsvorstand Dietmar Bläsing im Gespräch mit manager magazin fest. Wenn nun dieser Einflussfaktor um 50 Basispunkte abgesenkt wird, würden die Garantieleistungen teilweise deutlich sinken.

"Menschen, die ohnehin den Abschluss einer solchen Police erwägen, sind deshalb gut beraten, den Abschluss noch in 2011 zu suchen, um sich diese höheren Garantiewerte zu sichern", sagt der Manager vom Volkswohlbund und liefert gleich ein Rechenbeispiel mit: So erhielte ein 30-jähriger Mann, der 100 Euro in eine private Rentenversicherung einzahlt, mit 65 Jahren statt 193 Euro nur 162 Euro garantierte Monatsrente und damit 16 Prozent weniger, wenn er zu niedrigeren Garantiezinsen ab 2012 abschließt.

Zinsen gibt's nur auf den Sparanteil

Bläsing macht ein weiteres Argument für den Kauf einer Police noch in diesem Jahr geltend. Denn hinzu kommt, dass Kapitalleistungen aus Verträgen, die noch in 2011 abgeschlossen werden, mit Erreichen des 60. Lebensjahrs ausgezahlt werden können. Schließt der Kunde im kommenden Jahr ab, kann die Auszahlung erst mit dem 62. Lebensjahr beginnen. Hintergrund ist, dass 2012 die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung beginnt und damit Leistungen aus staatlich geförderten Riester- oder Rürup-Renten erst ab dem 62. Lebensjahr fließen dürfen.

Zweifelsohne, über Jahrzehnte gewährte Garantieleistungen in der Ansparphase und später in der Rentenphase (garantierte Rente), die ein Lebensversicherer unabhängig von der Kapitalmarktlage gewähren muss, stehen bei den Deutschen hoch im Kurs.

Die garantierte Verzinsung allein sollte allerdings kein zwingendes Kaufargument sein. Reduziert auf garantierte Leistungen werfen selbst beste Riester-Renten für den Kunden bis zum 85. Lebensjahr eine Rendite von lediglich 0,6 Prozent jährlich ab, was ganz entscheidend an den Kosten dieser Produkte liegt. Bei fondsbasierten Policen sind die Renditen sogar durchweg negativ. Das heißt, der Kunde zahlt drauf, wenn er "nur" 85 Jahre alt wird.

Überschüsse bessern Garantien auf, sind aber nicht sicher

Nicht von ungefähr beteiligen die Lebensversicherer ihre Kunden deshalb an den erwirtschafteten Kapitalmarktgewinnen (zu 90 Prozent), an den Kostengewinnen (zu 50 Prozent), die sich durch Kosteneinsparungen ergeben, und an den Risikogewinnen (zu 75 Prozent). Letztere entstehen dann, wenn weniger Menschen vorzeitig sterben und einkalkulierte Beiträge für den Todesfallschutz nicht im kalkulierten Umfang benötigt werden. Zusammen bilden diese Ertragsquellen die laufende Gewinn- oder Überschussbeteiligung eines Jahres. Dieses Jahr liegt sie im Branchenschnitt bei 4,08 Prozent. Rund 40 Lebensversicherer hatten die Gewinnbeteiliung für 2011 gesenkt.

Und die Verzinsung der Kundenguthaben könnte im kommenden Jahr weiter fallen, sagen Skeptiker voraus. Denn das Zinsniveau an den Kapitalmärkten wird angesichts der grassierenden Schuldenkrise kaum steigen. Zudem werden Lebensversicherer ab 2013 mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Eigenmittel für ihre am Kapitalmarkt eingegangenen Risiken und jahrzehntelangen Garantiezusagen bereitstellen müssen. Das Geld steht dann für die gewinnträchtige Kapitalanlage nicht zur Verfügung. So mancher Beobachter zweifelt deshalb, dass die Branche im kommenden Jahr bei der laufenden Gewinnbeteiliung die 4 vor dem Komma noch halten kann. "Bei einzelnen Anbietern schließen wir einen weiteren Einbruch der Überschussbeteiligung nicht aus", sagt Rudnik.

Kosten und Risikoabsicherung drücken kräftig auf den Sparanteil

Und noch einen Aspekt sollten potenzielle Policenkäufer berücksichtigen: Die Anbieter verzinsen immer nur den Sparanteil der Monatsprämie, der sich nach Abzug von Kosten für Provisionen, Verwaltung und Risikoabsicherung ergibt. Nach einer Berechnung des Analysehauses Morgen & Morgen für den Bund der Versicherten landen bei schlechten Anbietern somit von 100 Euro Monatsbeitrag lediglich zwischen 65 und 70 Euro im Spartopf, bei sehr guten Anbietern würden zwischen 90 und 93 Euro tatsächlich verzinst - bei zwölf Jahre laufenden Policen wohlgemerkt. Doch auch bei lang laufenden Verträgen stiegen die verzinsten Sparanteile unter schwachen Anbietern allenfalls auf 70 und 75 Prozent. "Sollte die Verzinsung weiter sinken, wird die Beitragsrendite so eines Vertrags dann allenfalls noch die Inflation kompensieren können - vorausgesetzt, der Kunde hält den Vertrag überhaupt durch", sagt Rudnik.

Was der Verbraucher grundsätzlich beachten sollte

Den Werbebotschaften der Lebensversicherer wegen der anstehenden Garantiezinssenkung ist deshalb mit Vorsicht zu begegnen. Vor dem Abschluss einer Police sollte der Verbraucher ein paar grundsätzliche Fragen und Tipps berücksichtigen, raten Verbraucherschützer:

• Ein Vertrag, den der Kunde vorzeitig kündigt, rechnet sich wegen anfallender Stornogebühren nicht. Da viele Kunden immer noch ihre Verträge frühzeitig auflösen, sollte jeder Verbraucher daher genau prüfen, welchen Betrag er langfristig aufbringen und über Jahre zahlen kann. Wer jetzt unsicher ist, ob er die Police womöglich einmal vor Ablauf für eine mögliche Anschaffung storniert, sollte keinen Vertrag abschließen.

• Jedes Vorsorgeprodukt sollte den Bedürfnissen eines Kunden entsprechen. Da eine Lebensversicherung weitere Komponenten wie zum Beispiel eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit oder eine Hinterbliebenenversorgung mit einschließen kann, sollte jeder Verbraucher seinen tatsächlichen Bedarf mit unabhängiger Unterstützung analysieren lassen.

• Die Leistungsunterschiede unter den Lebensversicherern sind groß, und von Prognoserechnungen der Anbieter sollte sich kein Kunde blenden lassen. Mit unabhängiger Beratung, Vergleichsprogrammen und langfristig orientierten Leistungsvergleichen, wie sie etwa der Branchendienst Map-Report erstellt, lässt sich die Entscheidungsfindung erleichtern. Allerdings sind gute Ablaufleisten eines Versicherers in der Vergangenheit eben auch kein Blankoscheck für die Zukunft.

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