Montag, 23. September 2019

Anlagedilemma Lebensversicherer und Sparer im Zangengriff

Druck von allen Seiten: Niedrigzinsen, Regulierung und hohe Verpflichtungen gegenüber den Kunden bringen manchen Lebensversicherer in die Klemme

Aktiencrash und Schuldenkrise? Die Assekuranz sieht sich davon kaum berührt. Gleichwohl lauern Gefahren im Portfolio. Auch die Zinsen dürften niedrig bleiben - für manche Lebensversicherer ein existentielles Problem, sagen Experten.

Hamburg - Mögen die Kurse an den Aktienmärkten auch stürzen, auf Nachfragen gibt die deutsche Assekuranz immer wieder den Fels in der Brandung. Die Krise berühre die Versicherer kaum, schließlich machten Aktien gerade mal 3,3 Prozent ihrer gesamten Kapitalanlagen aus.

Auch mit Blick auf die Staatsanleihen europäischer Schuldenstaaten wie Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien (PIIGS) fühlt sich die Branche auf der sicheren Seite. Mit rund 3 Prozent der Anlagen sei das Engagement der Assekuranz auch hier überschaubar, heißt es beruhigend.

Aktiencrash, Schuldenkrise - alles kein Problem? Die Investoren sehen das anders. Seit dem 26. Juli, als die Welt des Dax Börsen-Chart zeigen mit 7350 Punkten noch in Ordnung war, schicken die Anleger die Aktien der Versicherer ebenso auf Talfahrt wie den deutschen Leitindex selbst. Allen voran die Allianz-Aktie: Mit rund 24 Prozent rutschten sie und der Dax bis vergangenen Montag im Gleichschritt ab.

Neben dem dauerhaft niedrigen Zinsniveau ist es das starke Engagement der Assekuranz im Bankensektor, das die Investoren beunruhigt. Für die deutschen Lebensversicherer schätzen Analysten, dass gut die Hälfte ihrer 734 Milliarden Euro schweren Kapitalanlagen mit Bankenrisiken behaftet ist.

Investitionen in Bankanleihen interpretiert der Markt zusehends als Risiko: Die Absicherung etwa eines zehn Millionen Euro schweren Portfolios europäischer Bankanleihen über Kreditausfallversicherungen ist derzeit so teuer wie zur Zeit der Lehman-Pleite.

Investments in Bürgerschulden

Eine Sorge nimmt dabei immer mehr Raum ein: "Die europäischen Regierungen garantieren für die europäischen Banken. Wenn aber die Regierungen selber nicht stabil sind, dann sind es die Banken auch nicht", bemerkt ein Marktteilnehmer - mit Folgen für die Versicherer. Denn diese investieren das Geld ihrer Kunden nicht nur in die einst vom Staat geretteten Banken, sondern zugleich auch in die horrende Staatsverschuldung, die sich beispielsweise die deutschen Bürger in den vergangenen Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg selbst genehmigt haben: Gut 20 Prozent ihres Geldes haben deutsche Versicherer in europäischen Staatsanleihen und Darlehen an diese Staaten investiert, teilt der Assekuranz-Branchenverband GDV auf Anfrage mit.

Nun ist das Zinsniveau in Europa politisch gewollt immer weiter gesunken. Zugleich zwingen die Staaten die meisten Versicherer über verschärfte Eigenkapitalregeln, auch in Zukunft ihr Geld in vermeintlich sichere und aktuell noch - auf Deutschland bezogen - niedrig verzinste Staatspapiere oder Bankentitel zu stecken. Oder in Alternativen, die zumindest gleich sicher wie Staatsanleihen angesehen werden.

Kunden von Lebensversicherern müssen sich deshalb mit vergleichsweise niedrigen Zinsen begnügen. Denn das niedrige EZB-Zinsniveau lässt die Ablaufleistungen der Lebensversicherungen seit Jahren schrumpfen, während eine steigende Inflation das Ersparte zugleich schrittweise entwertet. "Die Guthaben der Vorsorgesparer werden zusehends zur Manövriermasse der Politik", beklagt Manfred Poweleit, Chef des unabhängigen Branchendienstes Map-Report.

Zur Panik besteht vorerst kein Grund. Denn es ist das erklärte Ziel Europas, weder Staaten noch systemrelevante Banken in die Insolvenz fallen zu lassen.

Dennoch: Die im Zuge der Krise politisch gewollten Niedrigzinsen einerseits und die strengen Anlagevorschriften andererseits werden zusehends zu einem ernsthaften Problem für die Lebensversicherer und ihre Kunden. Nicht von ungefähr hat die Bundesregierung den garantierten Mindestzins mit Beginn kommenden Jahres auf 1,75 Prozent gesenkt.

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