Riester-Check "Da wird verschleiert, versteckt, verschwiegen"

Hohe Kosten, jämmerliche Renditen, benachteiligte Geringverdiener - die meisten Riester-Renten sind ein Flop, hat Axel Kleinlein errechnet. Im Interview erklärt der Mathematiker, wie die Anbieter ihre Kunden in die Irre führen und warum er von der Transparenzinitiative der Allianz nichts hält.
Verloren: Aus einem Angebot können Riester-Kunden faktisch nicht herausfinden, wieviel Geld ihr Vertrag tatsächlich kostet und was er leistet. Gesamtkosten von bis zu 8000 Euro und mehr sind möglich - damit wäre ein Großteil der staatlichen Zulagen wieder aufgezehrt

Verloren: Aus einem Angebot können Riester-Kunden faktisch nicht herausfinden, wieviel Geld ihr Vertrag tatsächlich kostet und was er leistet. Gesamtkosten von bis zu 8000 Euro und mehr sind möglich - damit wäre ein Großteil der staatlichen Zulagen wieder aufgezehrt

Foto: Matthias_Hiekel/ picture-alliance / dpa

mm: Herr Kleinlein Sie haben für "Öko-Test" 144 Riesterrenten-Angebote durchgerechnet. Mit welcher Rendite kann ein Kunde rechnen?

Kleinlein: Stellt man darauf ab, was die Anbieter ihren Kunden garantieren, werfen selbst die besten Policen bis zum 85. Lebensjahr kaum mehr als 0,6 Prozent Rendite im Jahresschnitt ab. Bei fondsbasierten Produkten sind die Renditen sogar durchweg negativ. Das heißt der Kunde zahlt drauf, wenn er "nur" 85 Jahre alt wird.

mm: Nun zahlen Anbieter in der Regel auch Überschussrenten. Ziehen Sie das Rechenkorsett da nicht ein wenig zu eng?

Kleinlein: Ich halte das für legitim. Schließlich sind Überschussrenten nicht garantiert und es gibt Spielräume, die Überschüsse auch für andere Zwecke als eine Rentenerhöhung einzusetzen. Aber selbst wenn wir die optimistischen Prognosen der Anbieter samt Überschüsse zu Grunde legen, erzielt der Riester-Rentner bis zum 85 Lebensjahr kaum mehr als 3 Prozent Rendite im Jahresschnitt.

mm: Abzüglich Inflation liefe das fast auf ein Nullsummenspiel heraus. Wo sehen Sie den zentralen Grund für die geringen Renditen?

Kleinlein: Das hat zwei zentrale Gründe. Zum einen nagen die Kosten an der Rendite. Zum anderen kalkulieren die Anbieter extrem vorsichtig und unterstellen mitunter ihren Kunden eine Lebenserwartung von bis zu 105 Jahren. Beides drückt auf die Höhe der garantierten Renten und damit natürlich auch ihre Rendite.

mm: Bei 105 Jahren kann man doch allenfalls von statistischen Extremwerten sprechen. Halten Sie so eine Kalkulation noch für seriös?

Kleinlein: Nein, mit derartigen Lebenserwartungen zu rechnen ist unseriös. Es ist mir unverständlich, warum das Finanzministerium derart absurde Kalkulationen sogar ausdrücklich als angemessen ansieht.

mm: Wie stark können die Kosten einen Riester-Vertrag belasten?

Kleinlein: Bezieht man auch die entgangenen Zinsen mit ein, belasten günstige Anbieter bei herkömmlichen Klassiktarifen die Verträge ihrer Kunden in der Ansparphase mit 2000 bis 3000 Euro. Die meisten getesteten Policen liegen zwischen 3000 und 5000 Euro. Es können aber auch schon mal bis zu 8000 Euro sein, um die die Gesamtkosten dann das garantierte Kapital vermindern. Das muss man sich mal vor Augen halten: Für einen Familienvater mit zwei Kindern bedeutet das, dass die Kosten so stark ins Kontor schlagen wie 80 Prozent seiner maximalen staatlichen Zulagen.

"Ein Vergleich ist für Laien unmöglich"

mm: Wer liest oder nachrechnet, würde so einen Vertrag normalerweise nicht abschließen.

Kleinlein: Natürlich nicht, aber das ist ja gerade das Problem. De jure soll der Verbraucher aus den Angebots- und Vertragsunterlagen erkennen können, was seine Police tatsächlich kostet. De facto kann er das aber nicht, weil die Anbieter durch die Bank weg die diversen Kostenbestandteile auf einzelne Posten verteilen oder im schlimmsten Fall gar nicht angeben. Da wird verschleiert, versteckt und verschwiegen, so dass selbst erfahrene Versicherungsmathematiker Probleme bekommen. Unter dem Aspekt Transparenz ist das schlicht eine Katastrophe. So schlimm war die Intransparenz noch nie.

mm: Heißt das, die gesetzlichen Informationspflichten greifen nicht?

Kleinlein: Die Informationspflichten sind zu weit gefasst, und lassen den Unternehmen zu viel Spielraum, den sie auch weidlich ausnutzen. Im Ergebnis steht der Kunde allein da und kann nicht feststellen, ob sein Vertrag wirklich etwas taugt oder er bei einem Wettbewerber besser aufgehoben ist. Ein Vergleich verschiedener Angebote ist für den Laien damit unmöglich.

mm: Kann ein Kunde denn wenigstens die ihm versprochenen Leistungen nachvollziehen?

Kleinlein: Nein. Denn dazu müsste er zum Beispiel auch die Fallstricke in den Regelungen zur Überschussbeteiligung finden können. Das Überschusssystem der Lebensversicherer ist aber erheblich komplexer geworden als noch vor wenigen Jahren. Das ist anscheinend von den Unternehmen auch so gewollt.

So schreibt zum Beispiel kein Anbieter in die Vertragsunterlagen, dass er bestimmten Kunden womöglich weniger Kostenüberschüsse zugesteht als anderen, nur weil sie weniger Geld in ihren Vertrag einzahlen oder mehr staatliche Zulagen erhalten. Im Ergebnis bedeutet das aber immer öfter, dass Geringverdiener oder Familien mit Kindern bei der Riester-Rente schlechter abschneiden als gut verdienende Singles, also genau jene Gruppe, die der Staat eigentlich besonders fördern möchte.

mm: Was muss sich ändern?

Kleinlein: Zum einen brauchen wir standardisierte, für den Kunden nachvollziehbare Leistungs- und Kostenangaben, die für alle Anbieter verbindlich sind. Dazu gehört, dass in den Unterlagen immer an der gleichen Stelle die gleiche Information stehen sollte, wir brauchen also ein einheitliches Formular. Dann kann der Kunde auch verschiedene Angebote direkt vergleichen. Zum anderen muss das Überschusssystem künftig so einfach gestaltet sein, dass der Verbraucher zumindest die Fallstricke erkennen kann. Diese Änderungen erfordern eine echte zusätzliche Regulierung.

mm: Aber die Angebote werden doch zertifiziert, also von staatlicher Seite bereits geprüft?

Kleinlein: Das Zulassungsverfahren für Riester-Produkte prüft leider nur formal und lässt solche Aspekte völlig außer Acht. Deshalb brauchen wir eine Zertifizierung, die schon im Vorfeld prüft, ob die Informationspflichten eingehalten werden. Und ein Verstoß sollte dann auch endlich zu spürbaren Konsequenzen führen, zum Beispiel zum Entzug der Zertifizierung. Heute sieht das anders aus: Selbst wenn ein Richter einen Verstoß gegen Informationspflichten feststellen würde, hätten die Unternehmen nahezu keine Konsequenzen zu befürchten. Falschparken ist da weit gefährlicher.

"Die Allianz-Kostenquote führt in die Irre"

mm: Der Marktführer Allianz hat seit Jahresbeginn mehr Transparenz für seine Produkte versprochen. Hält er Wort?

Kleinlein: Nein. Diese so genannte Transparenzoffensive besteht nur darin, dem Kunden eine neue "Kostenquote" mitzuteilen, die "Reduction in Yield". Ausgehend von einem sogenannten kostenfreien Zins wird ihm erläutert, auf wie viel Rendite er jährlich im Schnitt in der Ansparphase verzichten müsste. Der Kunde soll dann anhand dieser Größe unterschiedliche Angebote verschiedener Unternehmen vergleichen können.

mm: Das wäre doch ein Fortschritt.

Kleinlein: Diese Allianz-Kostenquote lädt aber zum Tricksen ein. Denn wenn der Allianz-Vertreter einen möglichst späten Rentenbeginn - zum Beispiel mit 70 - vorschlägt, sinkt die Allianz-Kostenquote im Vergleich zum Konkurrenzangebot, das passgenau bis 67 läuft. Die Kosten, die der Verbraucher bis zum Rentenbeginn mit 67 zahlt, können dann aber bei der Allianz-Variante "bis 70" sogar tatsächlich höher sein, trotz niedrigerer Allianz-Kostenquote. Das heißt, der Allianz-Vertrag wäre unter dem Strich tatsächlich teurer für den Kunden. Diese Allianz-Kostenquote führt in die Irre.

mm: Warum sollte ein Vermittler hier tricksen und ein Angebot mit Rentenbeginn 70 vorschlagen?

Kleinlein: Ganz einfach, je später die Rente beginnt, desto höher ist üblicherweise die Provision des Vermittlers.

mm: Lassen sich zumindest Angebote der Allianz untereinander vergleichen?

Kleinlein: Auch das ginge letztlich nur, wenn die Allianz mit einem einheitlichen Zinssatz vor Kosten rechnen würde. Das tut sie aber nicht. Bei den verdeckt von "Öko-Test" erhobenen Angeboten sind es bei einem Kunden 4,88 Prozent, beim anderen 4,74 Prozent. Ich habe den Eindruck, dass die Allianz hier mit möglichst verwirrenden Angaben rechnet, um Vergleiche nach wie vor zu verhindern.

mm: Könnte das auf die Wettbewerber abfärben? Muss jetzt der Gesetzgeber nachbessern?

Kleinlein: Beides. Auch andere Anbieter haben angekündigt, diese vermeintliche Kostenquote künftig zu verwenden. Dann hat der Kunde keine Chance mehr, tatsächlich das beste Angebot zu finden, ohne in die Irre geführt zu werden. Spätestens dann wird der Gesetzgeber nicht umhinkommen, dem Wildwuchs ein Ende zu bereiten.

mm: Was soll jetzt ein Riester-williger Neukunde tun?

Kleinlein: Er sollte nur einen Vertrag abschließen, den er auch versteht. Angesichts der Intransparenz der Produkte könnten dann aber eigentlich nur noch Versicherungsmathematiker riestern.

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