Montag, 19. August 2019

Riester-Check "Da wird verschleiert, versteckt, verschwiegen"

Verloren: Aus einem Angebot können Riester-Kunden faktisch nicht herausfinden, wieviel Geld ihr Vertrag tatsächlich kostet und was er leistet. Gesamtkosten von bis zu 8000 Euro und mehr sind möglich - damit wäre ein Großteil der staatlichen Zulagen wieder aufgezehrt

Hohe Kosten, jämmerliche Renditen, benachteiligte Geringverdiener - die meisten Riester-Renten sind ein Flop, hat Axel Kleinlein errechnet. Im Interview erklärt der Mathematiker, wie die Anbieter ihre Kunden in die Irre führen und warum er von der Transparenzinitiative der Allianz nichts hält.

mm: Herr Kleinlein Sie haben für "Öko-Test" 144 Riesterrenten-Angebote durchgerechnet. Mit welcher Rendite kann ein Kunde rechnen?

Kleinlein: Stellt man darauf ab, was die Anbieter ihren Kunden garantieren, werfen selbst die besten Policen bis zum 85. Lebensjahr kaum mehr als 0,6 Prozent Rendite im Jahresschnitt ab. Bei fondsbasierten Produkten sind die Renditen sogar durchweg negativ. Das heißt der Kunde zahlt drauf, wenn er "nur" 85 Jahre alt wird.

mm: Nun zahlen Anbieter in der Regel auch Überschussrenten. Ziehen Sie das Rechenkorsett da nicht ein wenig zu eng?

Kleinlein: Ich halte das für legitim. Schließlich sind Überschussrenten nicht garantiert und es gibt Spielräume, die Überschüsse auch für andere Zwecke als eine Rentenerhöhung einzusetzen. Aber selbst wenn wir die optimistischen Prognosen der Anbieter samt Überschüsse zu Grunde legen, erzielt der Riester-Rentner bis zum 85 Lebensjahr kaum mehr als 3 Prozent Rendite im Jahresschnitt.

mm: Abzüglich Inflation liefe das fast auf ein Nullsummenspiel heraus. Wo sehen Sie den zentralen Grund für die geringen Renditen?

Kleinlein: Das hat zwei zentrale Gründe. Zum einen nagen die Kosten an der Rendite. Zum anderen kalkulieren die Anbieter extrem vorsichtig und unterstellen mitunter ihren Kunden eine Lebenserwartung von bis zu 105 Jahren. Beides drückt auf die Höhe der garantierten Renten und damit natürlich auch ihre Rendite.

mm: Bei 105 Jahren kann man doch allenfalls von statistischen Extremwerten sprechen. Halten Sie so eine Kalkulation noch für seriös?

Kleinlein: Nein, mit derartigen Lebenserwartungen zu rechnen ist unseriös. Es ist mir unverständlich, warum das Finanzministerium derart absurde Kalkulationen sogar ausdrücklich als angemessen ansieht.

mm: Wie stark können die Kosten einen Riester-Vertrag belasten?

Kleinlein: Bezieht man auch die entgangenen Zinsen mit ein, belasten günstige Anbieter bei herkömmlichen Klassiktarifen die Verträge ihrer Kunden in der Ansparphase mit 2000 bis 3000 Euro. Die meisten getesteten Policen liegen zwischen 3000 und 5000 Euro. Es können aber auch schon mal bis zu 8000 Euro sein, um die die Gesamtkosten dann das garantierte Kapital vermindern. Das muss man sich mal vor Augen halten: Für einen Familienvater mit zwei Kindern bedeutet das, dass die Kosten so stark ins Kontor schlagen wie 80 Prozent seiner maximalen staatlichen Zulagen.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung