Mittwoch, 18. September 2019

Riester-Check "Da wird verschleiert, versteckt, verschwiegen"

Verloren: Aus einem Angebot können Riester-Kunden faktisch nicht herausfinden, wieviel Geld ihr Vertrag tatsächlich kostet und was er leistet. Gesamtkosten von bis zu 8000 Euro und mehr sind möglich - damit wäre ein Großteil der staatlichen Zulagen wieder aufgezehrt

2. Teil: "Ein Vergleich ist für Laien unmöglich"

mm: Wer liest oder nachrechnet, würde so einen Vertrag normalerweise nicht abschließen.

Kleinlein: Natürlich nicht, aber das ist ja gerade das Problem. De jure soll der Verbraucher aus den Angebots- und Vertragsunterlagen erkennen können, was seine Police tatsächlich kostet. De facto kann er das aber nicht, weil die Anbieter durch die Bank weg die diversen Kostenbestandteile auf einzelne Posten verteilen oder im schlimmsten Fall gar nicht angeben. Da wird verschleiert, versteckt und verschwiegen, so dass selbst erfahrene Versicherungsmathematiker Probleme bekommen. Unter dem Aspekt Transparenz ist das schlicht eine Katastrophe. So schlimm war die Intransparenz noch nie.

mm: Heißt das, die gesetzlichen Informationspflichten greifen nicht?

Kleinlein: Die Informationspflichten sind zu weit gefasst, und lassen den Unternehmen zu viel Spielraum, den sie auch weidlich ausnutzen. Im Ergebnis steht der Kunde allein da und kann nicht feststellen, ob sein Vertrag wirklich etwas taugt oder er bei einem Wettbewerber besser aufgehoben ist. Ein Vergleich verschiedener Angebote ist für den Laien damit unmöglich.

mm: Kann ein Kunde denn wenigstens die ihm versprochenen Leistungen nachvollziehen?

Kleinlein: Nein. Denn dazu müsste er zum Beispiel auch die Fallstricke in den Regelungen zur Überschussbeteiligung finden können. Das Überschusssystem der Lebensversicherer ist aber erheblich komplexer geworden als noch vor wenigen Jahren. Das ist anscheinend von den Unternehmen auch so gewollt.

So schreibt zum Beispiel kein Anbieter in die Vertragsunterlagen, dass er bestimmten Kunden womöglich weniger Kostenüberschüsse zugesteht als anderen, nur weil sie weniger Geld in ihren Vertrag einzahlen oder mehr staatliche Zulagen erhalten. Im Ergebnis bedeutet das aber immer öfter, dass Geringverdiener oder Familien mit Kindern bei der Riester-Rente schlechter abschneiden als gut verdienende Singles, also genau jene Gruppe, die der Staat eigentlich besonders fördern möchte.

mm: Was muss sich ändern?

Kleinlein: Zum einen brauchen wir standardisierte, für den Kunden nachvollziehbare Leistungs- und Kostenangaben, die für alle Anbieter verbindlich sind. Dazu gehört, dass in den Unterlagen immer an der gleichen Stelle die gleiche Information stehen sollte, wir brauchen also ein einheitliches Formular. Dann kann der Kunde auch verschiedene Angebote direkt vergleichen. Zum anderen muss das Überschusssystem künftig so einfach gestaltet sein, dass der Verbraucher zumindest die Fallstricke erkennen kann. Diese Änderungen erfordern eine echte zusätzliche Regulierung.

mm: Aber die Angebote werden doch zertifiziert, also von staatlicher Seite bereits geprüft?

Kleinlein: Das Zulassungsverfahren für Riester-Produkte prüft leider nur formal und lässt solche Aspekte völlig außer Acht. Deshalb brauchen wir eine Zertifizierung, die schon im Vorfeld prüft, ob die Informationspflichten eingehalten werden. Und ein Verstoß sollte dann auch endlich zu spürbaren Konsequenzen führen, zum Beispiel zum Entzug der Zertifizierung. Heute sieht das anders aus: Selbst wenn ein Richter einen Verstoß gegen Informationspflichten feststellen würde, hätten die Unternehmen nahezu keine Konsequenzen zu befürchten. Falschparken ist da weit gefährlicher.

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