Montag, 21. Oktober 2019

Lebensversicherungen Deutsche zahlen fast 179 Milliarden Euro ein

GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen: Prämienwachstum ohne Einmaleinzahlungen nur bei 0,5 Prozent

Die Versicherer haben mit Lebensversicherungen im vergangenen Jahr mehr Milliarden gescheffelt, als vielfach erwartet worden ist. Doch der vermeintlich solide Aufschwung stammt vor allem aus umstrittenen Einmalgeschäften - und hinter der vermeintlich glänzenden Kulisse türmen sich weitere Probleme.

Berlin - Vor allem Dank des starken Einmalbeitragsgeschäfts der Lebensversicherer hat die deutsche Assekuranz im vergangenen Jahr ihre Beitragseinnahmen deutlich steigern können. Das gesamte Prämienvolumen kletterte um 4,3 Prozent auf 178,8 Milliarden Euro. Ohne das in der Vergangenheit nicht unumstrittene Geschäft gegen einmalige eingezahlte hohe Summen hätte das Wachstum der gesamten Branche lediglich 0,5 Prozent betragen, teilte der Branchenverband GDV am Mittwoch in Berlin mit.

Die Versicherungswirtschaft weise in einem weiter labilen Umfeld, das von nach wie vor bestehenden Risiken im Bankensektor als auch ungelösten Problemen nicht weniger Staatshaushalte geprägt sei, einen robusten Verlauf auf, zeigte sich Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), am Mittwoch gleichwohl überzeugt.

Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer selbst kletterten im vergangenen Jahr um 6,0 Prozent auf 90,4 Milliarden Euro. Das Geschäft mit Einmalbeiträgen in der stärksten Sparte der Assekuranz fiel mit einem Plus von 30 Prozent deutlich niedriger aus als im Vorjahr (plus 60 Prozent). Mit rund 27 Milliarden Euro machten diese Beiträge aber immer noch mehr als ein Viertel der Prämieneinnahmen der Lebensversicherer aus. Das Geschäft gegen laufende Monatsprämie, also das eigentliche Kerngeschäft der Lebensversicherer, ging hingegen um 1,4 Prozent auf 63,34 Milliarden Euro zurück.

Sollte der Zustrom der Einmalbeiträge weiter zurückfallen, schließt der GDV einen Rückgang des Prämienvolumens in der Lebensversicherung im laufenden Jahr nicht aus. Eine genauere Prognose scheute der Verband allerdings.

Größerer Puffer für Altverträge

Die Assekuranz insgesamt steht derzeit unter einem scharfen Regulierungsdruck. So hat der Finanzminister der Branche zum 1. Januar 2012 einen um 50 Basispunkte niedrigeren Garantiezins von 1,75 Prozent verordnet. In der Lebensversicherung müssen die Unternehmen zudem größere Puffer für Altverträge mit einem höheren Garantiezins bilden. Luxemburger Richter verordnen der Branche europaweit Unisex-Tarife. Und mit Solvency II, den neuen Eigenkapitalrichtlinien, greift Brüssel indirekt in die Kapitalanlagepolitik der Branche ein.

Scharfe Kritik übte der GDV an dem sogenannten Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofes, demzufolge die Versicherer das Geschlecht bei der Kalkulation von Lebens-, Kranken-, Renten- und Kfz-Versicherungen ab Dezember 2012 nicht mehr verwenden dürfen. Die Assekuranz muss Männern und Frauen unabhängig von ihrem Geschlecht bei neuen Verträgen für gleiche Prämien dann auch gleiche Leistungen anbieten.

Mit dem Urteil werde nur vordergründig mehr Gleichberechtigung hergestellt. "Faktisch bedeuten Unisex-Tarife weniger Gerechtigkeit", sagte GDV-Präsident Hoenen. So erhielten Frauen in der Rentenversicherung aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung insgesamt "viel höhere Rentenleistungen", und junge Männer nähmen ihre Kfz-Versicherung deutlich stärker in Anspruch als jungen Frauen. "Unisex-Tarife führen nicht zu mehr Gleichberechtigung, sondern zu Gleichmacherei", kritisierte der GDV-Präsident. Geschlechtsneutrale Tarife würden systematisch immer ein Geschlecht benachteiligen, solange es signifikante Leistungsunterschiede - wie etwa bei der Lebenserwartung - gibt. "Das kann man nicht weg definieren, auch nicht mit Mitteln des Rechts."

"Das ist versicherungsmathematisch ein klarer Rückschritt. Das Urteil wird uns daran hindern, unseren Kunden passgenaue und risikogerechte Angebote zu machen", ergänzte GDV-Vorstand Maximilian Zimmerer aus. Künftig sei die Assekuranz für Neuverträge gezwungen, zwischen den Kunden eine Quersubventionierung zu organisieren. Das Urteil bedeute vor allem für die Anbieter von Lebens- und Rentenversicherungen ein Risiko, für das sie zusätzliche Sicherheiten in der Kalkulation einbauen müssten.

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