Lebensversicherungen Deutsche zahlen fast 179 Milliarden Euro ein

Die Versicherer haben mit Lebensversicherungen im vergangenen Jahr mehr Milliarden gescheffelt, als vielfach erwartet worden ist. Doch der vermeintlich solide Aufschwung stammt vor allem aus umstrittenen Einmalgeschäften - und hinter der vermeintlich glänzenden Kulisse türmen sich weitere Probleme.
GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen: Prämienwachstum ohne Einmaleinzahlungen nur bei 0,5 Prozent

GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen: Prämienwachstum ohne Einmaleinzahlungen nur bei 0,5 Prozent

Foto: Frank Leonhardt/ picture-alliance/ dpa

Berlin - Vor allem Dank des starken Einmalbeitragsgeschäfts der Lebensversicherer hat die deutsche Assekuranz im vergangenen Jahr ihre Beitragseinnahmen deutlich steigern können. Das gesamte Prämienvolumen kletterte um 4,3 Prozent auf 178,8 Milliarden Euro. Ohne das in der Vergangenheit nicht unumstrittene Geschäft gegen einmalige eingezahlte hohe Summen hätte das Wachstum der gesamten Branche lediglich 0,5 Prozent betragen, teilte der Branchenverband GDV am Mittwoch in Berlin mit.

Die Versicherungswirtschaft weise in einem weiter labilen Umfeld, das von nach wie vor bestehenden Risiken im Bankensektor als auch ungelösten Problemen nicht weniger Staatshaushalte geprägt sei, einen robusten Verlauf auf, zeigte sich Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), am Mittwoch gleichwohl überzeugt.

Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer selbst kletterten im vergangenen Jahr um 6,0 Prozent auf 90,4 Milliarden Euro. Das Geschäft mit Einmalbeiträgen in der stärksten Sparte der Assekuranz fiel mit einem Plus von 30 Prozent deutlich niedriger aus als im Vorjahr (plus 60 Prozent). Mit rund 27 Milliarden Euro machten diese Beiträge aber immer noch mehr als ein Viertel der Prämieneinnahmen der Lebensversicherer aus. Das Geschäft gegen laufende Monatsprämie, also das eigentliche Kerngeschäft der Lebensversicherer, ging hingegen um 1,4 Prozent auf 63,34 Milliarden Euro zurück.

Sollte der Zustrom der Einmalbeiträge weiter zurückfallen, schließt der GDV einen Rückgang des Prämienvolumens in der Lebensversicherung im laufenden Jahr nicht aus. Eine genauere Prognose scheute der Verband allerdings.

Größerer Puffer für Altverträge

Die Assekuranz insgesamt steht derzeit unter einem scharfen Regulierungsdruck. So hat der Finanzminister der Branche zum 1. Januar 2012 einen um 50 Basispunkte niedrigeren Garantiezins von 1,75 Prozent verordnet. In der Lebensversicherung müssen die Unternehmen zudem größere Puffer für Altverträge mit einem höheren Garantiezins bilden. Luxemburger Richter verordnen der Branche europaweit Unisex-Tarife. Und mit Solvency II, den neuen Eigenkapitalrichtlinien, greift Brüssel indirekt in die Kapitalanlagepolitik der Branche ein.

Scharfe Kritik übte der GDV an dem sogenannten Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofes, demzufolge die Versicherer das Geschlecht bei der Kalkulation von Lebens-, Kranken-, Renten- und Kfz-Versicherungen ab Dezember 2012 nicht mehr verwenden dürfen. Die Assekuranz muss Männern und Frauen unabhängig von ihrem Geschlecht bei neuen Verträgen für gleiche Prämien dann auch gleiche Leistungen anbieten.

Mit dem Urteil werde nur vordergründig mehr Gleichberechtigung hergestellt. "Faktisch bedeuten Unisex-Tarife weniger Gerechtigkeit", sagte GDV-Präsident Hoenen. So erhielten Frauen in der Rentenversicherung aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung insgesamt "viel höhere Rentenleistungen", und junge Männer nähmen ihre Kfz-Versicherung deutlich stärker in Anspruch als jungen Frauen. "Unisex-Tarife führen nicht zu mehr Gleichberechtigung, sondern zu Gleichmacherei", kritisierte der GDV-Präsident. Geschlechtsneutrale Tarife würden systematisch immer ein Geschlecht benachteiligen, solange es signifikante Leistungsunterschiede - wie etwa bei der Lebenserwartung - gibt. "Das kann man nicht weg definieren, auch nicht mit Mitteln des Rechts."

"Das ist versicherungsmathematisch ein klarer Rückschritt. Das Urteil wird uns daran hindern, unseren Kunden passgenaue und risikogerechte Angebote zu machen", ergänzte GDV-Vorstand Maximilian Zimmerer aus. Künftig sei die Assekuranz für Neuverträge gezwungen, zwischen den Kunden eine Quersubventionierung zu organisieren. Das Urteil bedeute vor allem für die Anbieter von Lebens- und Rentenversicherungen ein Risiko, für das sie zusätzliche Sicherheiten in der Kalkulation einbauen müssten.

Gesamtverzinsung im Schnitt bei 4,8 Prozent

Experten gehen davon aus, dass die Beiträge sowohl in der privaten Krankenversicherung als auch in der Rentenversicherung insgesamt leicht steigen werden. Auch mehrfache Nachfrage von Journalisten wollte der GDV sich am Mittwoch nicht auf mögliche Prämienprognosen hinsichtlich des Urteils festlegen.

GDV-Vorstand Zimmerer, der zugleich Chef des Marktführers Allianz Leben ist, kritisierte die Garantiezinssenkung um 50 Basispunkte als zu groß und überhastet. Angesichts der schon zum Zeitpunkt der Entscheidung wieder gestiegenen Kapitalmarktzinsen, höherer Inflationsraten und der zu erwartenden Wende der EZB in ihrer Zinspolitik, hätte das Ministerium mit seiner Entscheidung besser abgewartet. "Jetzt haben wir den niedrigsten Höchstrechnungszins in der gesamten Euro-Zone", kritisierte Zimmerer. Das schaffe für die deutsche Assekuranz im europäischen Binnenmarkt auch Wettbewerbsnachteile.

Mit Blick auf die Kunden käme es jetzt darauf an, sie noch intensiver auf den Wert von laufender Überschussbeteiligung und Schlussgewinnanteile hinzuweisen, die zusammen mit der garantierten Leistung die Gesamtverzinsung einer Police bilden. Laut Hochrechnung der Ratingagentur Assekurata liegt die Gesamtverzinsung im Schnitt aktuell bei 4,8 Prozent. "Wer hier von Magerzinsen spricht, kann kaum einen Überblick über die Verzinsung von Alternativanlagen haben", stichelte Zimmerer gegen Kritiker, die schon ein Ende der Lebensversicherung wähnen. "Wir liegen hier deutlich über der Umlaufrendite. Und das wissen auch unsere Kunden." 90 Milliarden Euro Beitragszahlung allein in der Lebensversicherung seien ein klarer Vertrauensbeweis der Kunden.

Trotz des für die Branche offenbar zur Zufriedenheit verlaufenen letzten Testlaufs hält der GDV Nachbesserungen an den geplanten neuen Eigenkapitalregeln Solvency II für unerlässlich. Das Regelwerk sei zu komplex und würde es den Lebensversicherern "deutlich erschweren oder sogar unmöglich machen, langfristige Zinsgarantien anzubieten", sagte GDV-Präsident Hoenen. Das neue Aufsichtsregime "darf kein Instrument zur Marktkonsolidierung sein", warnte Hoenen. Die Verhandlungen über Solvency II laufen noch. Das neue Regelwerk soll 2013 in Kraft treten, vereinzelt sind Überleitungsfristen vorgesehen.

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