Lebensversicherung nachgerechnet Ein Klassiker kommt in Bedrängnis

Mit dem Senken des Garantiezinses auf 1,75 Prozent entfällt ab 1. Januar 2012 de facto das Zinsversprechen bei Neuverträgen, die kürzer als 20 Jahre laufen. Das zeigen exklusive Berechnungen des Analysehauses Morgen & Morgen für das manager magazin. Der Abschluss einer Kapital-Lebensversicherung macht kaum noch Sinn.
Von Dörte Jochims und Dirk Wohleb
Lebensversicherungen: In vielen Fällen gibt es de facto kein Zinsversprechen mehr

Lebensversicherungen: In vielen Fällen gibt es de facto kein Zinsversprechen mehr

Foto: Jˆrg Carstensen/ picture alliance / dpa

Hamburg - Bei deutschen Lebensversicherungen bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen. Die Assekuranzen und ihre Kunden müssen fast täglich neue Hiobsbotschaften verdauen. Wohl deshalb suchen Anleger derzeit auf den Webseiten der Versicherer meist vergeblich nach der vertrauten Werbung in punkto Altersvorsorge. So wirbt die Aachen Münchener Leben derzeit für eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit. Und Allianz Leben  stellt den Schutz rund ums Auto in den Vordergrund. Doch es kommt noch schlimmer.

Bei der Jahreskonferenz der Allianz-Gruppe wendete sich Vorstandschef Michael Diekmann gegen die Pläne zur Einführung der EU-Richtlinie Solvency II, die für 2013 geplant ist. Demnach sollen die Versicherer die Wertpapiere zu Marktpreisen bilanzieren und für risikoreiche Anlagen Eigenkapital bilden müssen. Würden die Regelungen unverändert umgesetzt, sei das Geschäftsmodell der deutschen Lebensversicherung praktisch kaum überlebensfähig.

Eine neue Studie der Unternehmensberatungen Bain & Company sowie Towers Watson wird noch deutlicher. Fast jeder vierte der betrachteten deutschen Lebensversicherer könnte eine Solvenzquote, ein wichtiges Maß für die Zahlungsfähigkeit, von unter 100 Prozent aufweisen, heißt es. Die durchschnittliche risikoadjustierte Rendite traditioneller Lebensversicherer betrage minus drei Prozent. Die Analysen basieren auf Spezifikation für einen Testlauf, der von August bis November 2010 in Deutschland durchgeführt wurde sowie auf öffentlich zugänglichen Unternehmenskennzahlen.

Was verändert sich durch die neuen Regelungen? Müssen sich auch jene Deutsche Sorgen machen, die eine Lebensversicherungspolice besitzen? Ein Experte der Ratingagentur Assekurata zeigt die Hintergründe auf. Und wer eine neue Police abschließen will, muss sich zusätzlich auf Neuerungen einstellen, die die Rahmenbedingungen zusätzlich verschlechtern.

So senkte der Finanzminister kürzlich den Daumen. Per Verordnung will er die Versicherer dazu verdonnern, den Garantiezins mit Jahresbeginn 2012 von derzeit 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent zu senken. Das Durchwinken im Bundesrat gilt als Formsache. Exklusive Berechnungen des Analysehauses Morgen & Morgen zeigen, dass damit viele Neuabschlüsse bei Laufzeiten von bis zu 20 Jahren de facto keine positive Rendite mehr bieten.

Und zuletzt stellt ein Urteil des Europäischen Gerichtshof ( EuGH, C-236/09) die Grundlagen der Beitragskalkulation auf den Prüfstand. Anbieter müssen ab dem 21. Dezember 2012 unabhängig vom Geschlecht Unisex-Tarife anbieten - auch wenn statistisch gesehen Frauen länger leben. Jetzt sollen sich die Tarife für Männer empfindlich verteuern, kündigen Versicherer an. Das verstärkt den Effekt.

Garantiert weniger

Ab 1. Dezember 2012 bieten Versicherer für Neuverträge nur noch garantiert 1,75 Prozent statt wie bisher 2,25 Prozent. Dieser Garantiezins ist das Markenzeichen einer klassischen Kapital- oder Rentenversicherung. Er kennzeichnet die Untergrenze, mit der sich der Sparanteil der Police Jahr für Jahr verzinsen muss - und zwar ohne wenn und aber. Keine andere Anlageklasse garantiert Jahr für Jahr den Kapitalerhalt plus Mindestverzinsung. So sichern Garantiefonds das Kapital der Anleger jeweils nur zum Ende einer Laufzeit ab. Sie bieten zudem nur den Erhalt der Beiträge, garantieren aber keine Zinsen. Und die Renditeversprechen von Absolute-Return-Produkten sind lediglich Zielvorgaben, begründen jedoch keinerlei Anspruch.

Doch ein Zinsversprechen von 1,75 Prozent bedeutet nicht, dass Jahr für Jahr 1,75 Prozent auf die Beiträge gutgeschrieben wird. Es verzinst sich stets nur der Sparanteil. Laut dem Analysehaus Morgen & Morgen müssen Kosten abgezogen werden. Sie betragen inklusive Risikoschutz durchschnittlich und abhängig von der Laufzeit etwa 15 bis 20 Prozent. Daher verzinsen sich im Schnitt nur zwischen 80 und 85 Prozent der Beiträge. Bei einem reinen Direktversicherer sind es circa vier Prozent mehr.

De facto bieten Policen, die ab 1. Januar 2012 zum Garantiezins von 1,75 Prozent abgeschlossen werden, kein Zinsversprechen mehr. Das zeigen Berechnung vom Analysehaus Morgen & Morgen. Martin Zsohar, Geschäftsführer von Morgen & Morgen, rechnete für manager magazin Online aus, wie hoch die Kostenquote bei einer Police maximal sein darf, damit die garantierte Beitragsrendite positiv bleibt. Und da hier Abhängigkeiten von der Laufzeit und dem Eintrittsalter des Versicherten bestehen, wurde der Fall für einen 30 jährigen Mann kalkuliert, der monatlich 100 Euro einzahlt.

Ergebnis:

  • Bei einem Vertrag mit zwölf Jahren Laufzeit darf die Kostenquote nicht mehr als 8,5 Prozent betragen.
  • Bei zwanzig Jahren sind es maximal 14,2 Prozent.
  • Bei dreißig Jahren maximal 20,0 Prozent.
  • Bei vierzig Jahren maximal 23,2 Prozent.

Auch wenn Interessenten Angebote individuell nachrechnen lassen sollten: Für Laufzeiten mit bis zu 20 Jahren wird eng. In vielen Fällen wird die "garantierte Beitragsrendite" negativ ausfallen. Für solche Verträge gibt es de facto kein Zinsversprechen. Das wichtigste Verkaufsargument entfällt.

Der neue Unisex-Tarif verstärkt den Trend auch noch. Weil Frauen im Durchschnitt länger leben und auch länger Renten kassieren, mussten sie bisher höhere Beiträge für private Rentenversicherungen zahlen. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes dürfen jedoch ab Dezember 2012 nur noch Unisex-Tarife angeboten werden, die beide Geschlechter gleich behandeln. Als Folge kündigten die Versicherer bereits im Vorfeld eine Verteuerung für Männer an. Effekt bei Neuabschlüssen: Verteuern sich die Tarife, wird es in punkto Zinsversprechen noch enger. Auch die Gesamtverzinsung sinkt tendenziell.

Druck auf die Gesamtverzinsung

Entscheidend für den Erfolg ist jedoch de facto die Gesamtverzinsung, auch Überschussbeteiligung genannt. Dieser Zins wird Jahr für Jahr neu kalkuliert und der Police gutgeschrieben. Sein Wert lag im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 4,1 Prozent. Bezogen auf die Beiträge erzielten Versicherte durchschnittlich 3,8 Prozent. Historisch gesehen ist die Überschussbeteiligung derzeit auf niedrigem Niveau. Der Höchststand lag Ende der Neunziger Jahre bei rund acht Prozent. Seither ging es bergab. Pluspunkt ist jedoch: Die Versicherer schrieben selbst in der Finanzkrise im Schnitt mehr als vier Prozent gut.

Auch wer einen neuen Vertrag abschließt, darf nicht benachteiligt werden. Martin Zsohar von Morgen & Morgen: "Die Senkung der Garantieverzinsung hat keinen Einfluss auf die Gesamtverzinsung. Sinkt also der Garantiezins von 2,25 auf 1,75 Prozent, wird die Überschussbeteiligung genau um dieses halbe Prozent erhöht. Die Gesamtverzinsung bleibt damit bei 4,1 Prozent."

Doch ist dieses Renditeniveau zu halten? Ein Blick in die Anlagepolitik zeigt: Die Überschussbeteiligung erwirtschaften die Assekuranzen bisher vor allem mit ihrem Bond-Portfolio. So sind derzeit durchschnittlich gut 85 Prozent der Mittel in festverzinslichen Wertpapieren investiert, zeigen Studien der Ratingagentur Assekurata. Der Löwenanteil davon - etwa 60 Prozent - liegt in sicheren Euro-Staatsanleihen und Pfandbriefen. "Dabei setzen die Versicherer vor allem auf sehr lang laufende Papiere, die sie in der Regel bis zum Ende der Laufzeit halten", sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Lebensversicherung der Assekurata.

Dieser Wertpapierbestand werde ergänzt durch ein gemischtes Portfolio an riskanteren Bonds wie Unternehmensanleihen. Der Aktienanteil liegt bei mageren 3,5 Prozent. Assetklassen wie Gold fehlen völlig. Stattdessen setzen die meisten Anbieter direkt oder indirekt zusätzlich auf Immobilien.

Versicherer zahlen derzeit keine höhere Renditen

Nur weil die Versicherer besonders lang laufende Papiere bevorzugen, können sie auch in der Krise mehr als vier Prozent per anno zahlen. Denn noch liegen Altbestände mit hoher Ausschüttung im Portfolio. "Der Durchschnittskupon im Depot der Assekuranzen liegt bei 4,5 Prozent", versichert Heermann. Zum Vergleich: Die Umlaufrendite, die die Wertentwicklung aller Anleihen erstklassiger Bonität spiegelt, beträgt 2,8 Prozent. Zehnjährige Papiere bringen derzeit knapp 3,2 Prozent.

Die Versicherer zahlen also derzeit höhere Renditen aus, als sie mit Neuverträgen verdienen können. Tendenziell wird die Verzinsung sinken müssen, sofern die EZB nicht die Leitzinsen anhebt und höhere Kupons für neue Anleihen bezahlt werden. "Doch mit kleinen Abstrichen könnten die Versicherer das Renditeniveau noch einige Jahre halten", so der Assekurata-Experte.

Das Problem: Schon jetzt erfordern die hohen Garantieverpflichtungen für die laufenden Policen eine Anlagepolitik, die Märkte mit zwischenzeitlich hohen Kursschwankungen meidet.

Die geplante Einführung der europäischen Harmonisierungsrichtlinie Solvency II schnürt ab Januar 2013 das Korsett noch enger: Die Regelung sieht vor, dass die Versicherer Kapitalanlagen zu Marktwerten bilanzieren und je nach Risikograd Eigenkapital zu hinterlegen ist. "Das kommt teuer", monierten jene Versicherer, die bei dem jüngsten Testlauf zur Einführung der Regelungen teilnahmen. Selbst Tagesschwankungen der Papiere müssten dann erfasst werden. Der Kapitalbedarf sei schwer zu kalkulieren.

Mögliche Zinserhöhung wirkt negativ

Euro-Staatsanleihen gelten jedoch als sicher, selbst wenn die Emittenten hoch verschuldet sind. Hier ist kein Kapital zu hinterlegen. Daher würde der schon jetzt hohe Anteil dieser Papiere voraussichtlich noch stärker steigen. Zudem begünstigen die neuen Eigenkapitalerfordernisse kurz laufende Bonds. Die Langläufer, die in der Finanzkrise solide Zinsen brachten, wären kaum noch haltbar.

Eine Simulation von Bain und Towers zeigt zudem, dass fast jedes vierte der untersuchten Assekuranzen bei einer Einführung von Solvency II eine Solvenzquote von weniger als 100 Prozent aufweist. Die Solvenzquote misst, in wie weit das Vermögen durch Kapital gedeckt ist, das Versicherer vorhalten müssen, um eingegangene Risiken abzudecken. Die Unternehmen erfüllen somit die Anforderungen nicht. Und das könnte längerfristig schwierig werden, auch wenn bis zum in Kraft treten der neuen Regeln anno 2013 noch an Einzelheiten gefeilt werden kann.

Problemfall EZB-Zinsanhebung

Noch sind es nur Gerüchte. Und doch scheint zumindest die Richtung fix: Analysten erwarten, dass die Europäische Zentralbank angesichts der steigenden Inflation die Leitzinsen anhebt. Dann würden die Kupons neuaufgelegter Anleihen steigen, was die Lage bei der laufenden Verzinsung auf den ersten Blick entspannt. Das Problem: Die Versicherer haben viele Altverträge im Bestand. Zudem dürfte das Neugeschäft stocken. Der positive Effekt fällt bei einer Zinserhöhung also nur moderat aus. Und Lebensversicherungen könnten gegenüber Konkurrenzprodukten, die Erträge schneller anpassen können, ins Hintertreffen geraten.

Zugleich wirkt eine Zinserhöhung negativ auf die endfällige Beteiligung an den Bewertungsreserven, die seit 2008 an Kunden bezahlt wird, deren Verträge auslaufen. Sie macht derzeit bei einzelnen Anbietern bis zu 28 Prozent der Gesamtverzinsung aus, ermittelten Experten der Assekurata. In einem Mustervertrag der privaten Rentenversicherung kam ein Mann, dessen Vertrag zum Stichtag 31. Oktober 2010 auslief, unter Berücksichtigung aller Überschusskomponenten auf eine Gesamtverzinsung von durchschnittlich 5,06 Prozent. Steigt der Zins, fallen jedoch die Kurse bereits laufender Anleihen. Das mindert ihren Marktwert.

Fazit: Kein Zinsversprechen mehr, unsichere Rahmenbedingungen und dann noch im Falle einer Zinserhöhung weniger verdienen als bei der Konkurrenz: Neueinsteiger meiden klassische Kapital-Lebensversicherungen. Für Altverträge heißt es jedoch, durchhalten. Wenn Policen vor 2005 abgeschlossen wurden, wirkt zusätzlich zum höheren Garantiezins noch ein Steuervorteil.

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