Dienstag, 12. November 2019

Lebensversicherung nachgerechnet Ein Klassiker kommt in Bedrängnis

Lebensversicherungen: In vielen Fällen gibt es de facto kein Zinsversprechen mehr

Mit dem Senken des Garantiezinses auf 1,75 Prozent entfällt ab 1. Januar 2012 de facto das Zinsversprechen bei Neuverträgen, die kürzer als 20 Jahre laufen. Das zeigen exklusive Berechnungen des Analysehauses Morgen & Morgen für das manager magazin. Der Abschluss einer Kapital-Lebensversicherung macht kaum noch Sinn.

Hamburg - Bei deutschen Lebensversicherungen bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen. Die Assekuranzen und ihre Kunden müssen fast täglich neue Hiobsbotschaften verdauen. Wohl deshalb suchen Anleger derzeit auf den Webseiten der Versicherer meist vergeblich nach der vertrauten Werbung in punkto Altersvorsorge. So wirbt die Aachen Münchener Leben derzeit für eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit. Und Allianz Leben Börsen-Chart zeigen stellt den Schutz rund ums Auto in den Vordergrund. Doch es kommt noch schlimmer.

Bei der Jahreskonferenz der Allianz-Gruppe wendete sich Vorstandschef Michael Diekmann gegen die Pläne zur Einführung der EU-Richtlinie Solvency II, die für 2013 geplant ist. Demnach sollen die Versicherer die Wertpapiere zu Marktpreisen bilanzieren und für risikoreiche Anlagen Eigenkapital bilden müssen. Würden die Regelungen unverändert umgesetzt, sei das Geschäftsmodell der deutschen Lebensversicherung praktisch kaum überlebensfähig.

Eine neue Studie der Unternehmensberatungen Bain & Company sowie Towers Watson wird noch deutlicher. Fast jeder vierte der betrachteten deutschen Lebensversicherer könnte eine Solvenzquote, ein wichtiges Maß für die Zahlungsfähigkeit, von unter 100 Prozent aufweisen, heißt es. Die durchschnittliche risikoadjustierte Rendite traditioneller Lebensversicherer betrage minus drei Prozent. Die Analysen basieren auf Spezifikation für einen Testlauf, der von August bis November 2010 in Deutschland durchgeführt wurde sowie auf öffentlich zugänglichen Unternehmenskennzahlen.

Was verändert sich durch die neuen Regelungen? Müssen sich auch jene Deutsche Sorgen machen, die eine Lebensversicherungspolice besitzen? Ein Experte der Ratingagentur Assekurata zeigt die Hintergründe auf. Und wer eine neue Police abschließen will, muss sich zusätzlich auf Neuerungen einstellen, die die Rahmenbedingungen zusätzlich verschlechtern.

So senkte der Finanzminister kürzlich den Daumen. Per Verordnung will er die Versicherer dazu verdonnern, den Garantiezins mit Jahresbeginn 2012 von derzeit 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent zu senken. Das Durchwinken im Bundesrat gilt als Formsache. Exklusive Berechnungen des Analysehauses Morgen & Morgen zeigen, dass damit viele Neuabschlüsse bei Laufzeiten von bis zu 20 Jahren de facto keine positive Rendite mehr bieten.

Und zuletzt stellt ein Urteil des Europäischen Gerichtshof ( EuGH, C-236/09) die Grundlagen der Beitragskalkulation auf den Prüfstand. Anbieter müssen ab dem 21. Dezember 2012 unabhängig vom Geschlecht Unisex-Tarife anbieten - auch wenn statistisch gesehen Frauen länger leben. Jetzt sollen sich die Tarife für Männer empfindlich verteuern, kündigen Versicherer an. Das verstärkt den Effekt.

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