Mittwoch, 13. November 2019

Unisex-Versicherung "Das ist Betrug und Männerdiskriminierung"

Wer wird diskriminiert? Versicherer dürfen die Beiträge künftig nicht mehr nach dem Geschlecht kalkulieren, sagt der Europäische Gerichtshof.

Ob Mann oder Frau, das soll in der Versicherung künftig keine Rolle mehr spielen, urteilen höchste Richter. Branchenexperte Manfred Poweleit sieht die Männer damit um ihre Altersvorsorge betrogen und ruft sie zum Boykott der privaten Rentenversicherung auf. Auch in der privaten Krankenversicherung drohe ein weiterer Preisschub.

mm: Herr Poweleit, der Europäische Gerichtshof fordert von der Assekuranz ab 2012 geschlechtsneutrale Tarife ein. Sie rufen die Männer jetzt zum Boykott gegen die private Rentenversicherung auf. Das sollten Sie erklären.

Poweleit: Mit ihrem Urteil setzen die Luxemburger Richter grundlegende mathematische Regeln außer Kraft. Sie schaffen damit ein Umfeld, in dem Männer die Rentenversicherung zur Altersvorsorge nicht mehr nutzen sollten. Wer als Mann nach 2012 eine private Rentenpolice kauft, wird um seine Altersvorsorge regelrecht betrogen. Ich halte das Urteil für ein krasses Fehlurteil.

mm: Betrogen?

Poweleit: Ja. Dem Urteil nach sollen Prämien und Renten für Männer und Frauen künftig gleich hoch ausfallen. Wer als 65-jähriger Mann einmalig 50.000 Euro in eine sofort beginnende Rentenversicherung einzahlt, erzielt derzeit im Schnitt eine Monatsrente von rund 300 Euro. Nach der aktuellen Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes hat ein Mann eine Lebenserwartung von 77,3 Jahren und die Frau von 82,5 Jahren. Die Frau bezieht also im Schnitt gut fünf Jahre länger Rente als der Mann und erhielte bei gleicher Einzahlung 18.720 Euro oder 42,17 Prozent mehr ausgezahlt. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Das ist für mich Betrug, offene Männerdiskriminierung.

mm: Über Gerechtigkeit lässt sich trefflich streiten. So zahlt eine 40-jährige Single-Frau mit komplettem Versicherungsschutz jährlich rund 1500 Euro Prämien mehr als ein Mann - in erster Linie wegen ihres Geschlechts. Was also spricht gegen ein Diskriminierungsverbot in der Assekuranz?

Poweleit: Ich halte es überhaupt nicht für diskriminierend, wenn Versicherer zur Absicherung unterschiedlicher Risiken auch unterschiedlich hohe Prämien verlangen. Frauen leben nun einmal 5,2 Jahre länger als Männer. Deshalb sind Renten- und Krankenversicherungen nun einmal teurer. Aus Sicht der Versichertengemeinschaft sind das nicht von der Hand zu weisende Risiken. Jetzt aber schreiben die Richter der Assekuranz Diskriminierung ja geradewegs vor.

mm: Moment. In der klassischen Riester-Rente sind geschlechtsneutrale Tarife seit Jahren Pflicht. Unabhängig vom Geschlecht gilt: gleiche Prämie, gleiche Leistung. Hören Sie heute noch jemanden über Diskriminierung oder das drohende Aus der Riester-Rente klagen?

Poweleit: Nein, und das ist auch unverständlich …

mm: … vielleicht weil die Riester-Rente trotz Unisex boomt und die Assekuranz gut daran verdient?

Poweleit: Seien Sie versichert - Menschen, die das nötige mathematische Verständnis für dieses Produkt haben, nehmen die Riester-Rentenversicherung nicht sonderlich ernst. Wir sollten auch eines nicht vergessen. Das Produkt ist noch jung. Ich schließe nicht aus, wenn wir erst einmal statistisch ausreichend verwertbare Ablaufleistungen über diese Verträge haben, dass sich dann noch so mancher Kunde wundern dürfte.

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung