Eigenkapital EU-Beamte bedrohen Lebensversicherer

Der Streit um schärfere Eigenkapitalregeln für die Versicherer spitzt sich zu. Ein schlecht vorbereiteter Test erregt die Gemüter. Träten die Regeln in Kraft, drohe der Branche ein "Chaos" warnt der GDV. Lebensversicherern sei es dann kaum noch möglich, Kunden langfristige Zinsgarantien zu einem akzeptablen Preis zu bieten.
Streit um Solvency II: Auch Versicherer sollen ihre Anlagen mit mehr Eigenkapital absichern

Streit um Solvency II: Auch Versicherer sollen ihre Anlagen mit mehr Eigenkapital absichern

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Hamburg - Zockende Banken, verantwortungsvolle Versicherer. Der Vergleich mag überzeichnen, die deutsche Assekuranz hat aber nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie sich für die Finanzkrise nicht verantwortlich fühlt. Und da sie nun einmal ein grundlegend anderes Geschäftsmodell als die Banken verfolgt, will sie bei den Aufräumarbeiten der Krise mit den Banken auch nicht in einem Topf landen.

Das gilt besonders mit Blick auf die geplante, verschärfte Eigenkapitalausstattung (Solvency II) der Versicherer. Das Regelwerk und die Durchführungsbestimmungen sollen 2013 europaweit in Kraft treten. Ohne Nachbesserungen aber stehe damit das Modell der deutschen Lebensversicherung mit ihren jahrzehntelangen Garantien zur Disposition, warnt der Interessenverband GDV.

Die Sorgen und Warnungen des GDV vor einer Überregulierung durch die im Sommer 2009 vom EU-Parlament verabschiedete Rahmenrichtlinie sind nicht neu. Tonlage und Stil der Auseinandersetzung haben sich allerdings erheblich verschärft. Setzte die Assekuranz in ihrem Bemühen um eine "Regulierung mit Augenmaß" bislang auf Diplomatie, informelle Gespräche und die Unterstützung der Bundesregierung, greift sie nun die europäische Versicherungsaufsicht "EIOPA" frontal an. Von Seiten des GDV ist von "Chaos", "obskuren Daten" und einem "verlorenen Vertrauen" der Branche in das Projekt Solvency II die Rede.

"Das war keine gelungene Generalprobe"

Anlass für die Aufregung ist der fünfte und vermutlich letzte Probelauf (QIS5) zu Solvency II, an der sich in Deutschland bis Ende vergangenen Jahres 242 Versicherer beteiligt und die vorgeschlagenen Kapitalanforderungen getestet haben. EIOPA wird voraussichtlich im März einen Bericht über den entscheidenden Testlauf abliefern.

Für den GDV steht indes jetzt schon fest, dass der finale Probelauf vollends daneben gegangen ist. "Das Regelwerk ist noch nicht reif für die Umsetzung. Das war keine gelungene Generalprobe", zieht Jörg von Fürstenwerth eine vernichtende Bilanz. Der Vorsitzende der GDV-Hauptgeschäftsführung sieht noch "erheblichen Nachbesserungsbedarf", mit "kosmetischen Korrekturen" allein sei es nicht getan. In der aktuell vorgeschlagenen Form würde das Regelwerk sein Ziel, ein stabiles Aufsichtsregime für Europa zu schaffen, "klar verfehlen".

Neben einer schlampigen Vorbereitung des Tests - die Unterlagen seien zunächst unvollständig, fehlerhaft und dann auch noch unverständlich gewesen - begehrt der GDV vehement gegen zahlreiche und zuletzt gegenüber dem vorangegangenen Testlauf sogar verschärfte Vorgaben der europäischen Versicherungsaufsicht auf.

Bewertung zu Marktpreisen: Portfolios würden sehr stark schwanken

So hält der Verband die vorgegebene Methodik zur Bestimmung der Zinsstrukturkurve, mit der Zinsentwicklungen über viele Jahrzehnte modelliert werden und auf deren Grundlage die Lebensversicherer ihre zumeist jahrzehntelangen Verbindlichkeiten bewerten und entsprechend mit Kapital unterlegen müssen, für völlig ungeeignet. Sie beruhe zum Teil auf "obskuren Daten", die unverlässlich seien und "erratischen Schwankungen" unterlägen, heißt es in einem 19 Seiten langen Positionspapier.

Die Methode könne zu stark schwankenden Ergebnissen und damit auch stark schwankenden Kapitalanforderungen an ein Unternehmen innerhalb kurzer Zeit führen. Das heißt, langfristig anlegende Lebensversicherer müssten im schlimmsten Fall kurzfristig ihr Kapital erhöhen oder signifikant umschichten. Denn binnen weniger Tage könnte sich die aufsichtsrechtliche Einschätzung eines Versicherers von "grundsolide" in "Aufsichtsmaßnahmen in großem Umfang erforderlich" umkehren - und das, obwohl sich an der Finanzstabilität des Unternehmens nichts geändert habe, befürchtet der GDV. Unter dieser Voraussetzung sei es nahezu unmöglich, langfristige Zinsgarantien noch zu einem akzeptablen Preis anzubieten.

Konservative Anlagestrategien der Versicherer angeblich ignoriert

Carsten Zielke teilt die Kritik. Nach der Finanzkrise und der europäischen Staatenkrise habe sich das Zinsniveau extrem volatil entwickelt. "Unter den verschärften Vorgaben wäre es dann ein reines Glücksspiel, welche Solvenzquote ein Versicherer gerade ausweist", sagt Versicherungsanalyst und Bilanzexperte der Société Générale im Gespräch mit manager magazin. So eine Solvenzquote hätte auch keine Aussagekraft mehr.

Das Kernproblem für ihn: Das Modell gibt vor, dass ein Versicherer unter Umständen sein Portfolio jederzeit liquidieren muss. "Wenn dann bei der Bewertung für ein Großteil der Assets Marktwerte unterstellt werden, ist so ein Portfolio natürlich stark anfällig."

Neue Parameter griffen indirekt auch in die Kapitalanlagepolitik selbst ein, kritisiert der GDV. So ist für den Verband nicht nachvollziehbar, warum zur Absicherung einer Unternehmensanleihe mit zehnjähriger Laufzeit und der Bonitätsnote "AA" beim aktuellen Test etwa vier Mal so viel Solvenzkapital - 10,6 Prozent des Marktwerts der Anleihe - vorgehalten werden muss wie noch beim vorangegangenen Test. Diese Neuinterpretation des Spread-Risikos setze den Anreiz, eher in kurzfristig statt langfristig laufende Kapitalanlagen zu investieren.

Damit ignoriere die europäische Aufsicht aber die weit verbreitete Kaufen-und-Halten-Strategie der Versicherungswirtschaft und treibe einen Keil zwischen langfristig eingegangenen Verpflichtungen und der bis jetzt überwiegend langfristig orientierten Kapitalanlage. Den Lebensversicherern werde es damit schwerer fallen, ihre jahrzehntelangen Verpflichtungen zu decken. Unter diesen Vorgaben würde die Branche als langfristiger Investor zusehends ausfallen. "Die Folgen für die europäischen Volkswirtschaften wären einschneidend", warnt der GDV.

Der Abschied der Assekuranz aus Unternehmensanleihen droht

"Unter dieser Maßgabe stellt Solvency II einen Anreiz dar, nur noch in gut verzinste Staatsanleihen zu investieren", sagt auch Zielke. Damit würden die Versicherer aus einer diversifizierten Kapitalanlagepolitik gedrängt und eine wichtige Refinanzierungsquelle von Unternehmen über den Verkauf von Corporate Bonds allmählich trockengelegt. Allein die deutschen Erstversicherer managen Kapitalanlagen in Höhe von rund 1,04 Billionen Euro. Zwar machen reine Unternehmensanleihen (Stand Juni 2010) lediglich 1,6 Prozent des Anlagekapitals aus. Doch auch über Aktien (3,2 Prozent), an Unternehmen vergebene Darlehen (0,9 Prozent) oder Beteiligungen (3,5 Prozent) stellen Versicherer eine wichtige Refinanzierungsquelle von Unternehmen dar.

Rund 87 Prozent des Anlagekapitals der Erstversicherer sind in festverzinslichen, zumeist länger laufenden Papieren angelegt, ein Großteil davon in festverzinslichen Bankanleihen jedweder Art. Kritik richtet sich daher auch gegen die Vorgabe, dass Versicherer Beteiligungen an Finanz- und Kreditinstituten neu bewerten sollen. Nach QIS5 sollen sie vollständig von den Eigenmitteln abgezogen werden. Finanzkrise hin, Bankenkrise her - für den GDV ist diese Vorgabe unakzeptabel, unterstellt sie doch quasi eine Wertlosigkeit der Beteiligung. Der GDV plädiert vielmehr dafür, Beteiligungen an Banken wie Aktien mit ihrem Marktwert anzusetzen und dem gängigen Stresstest zu unterziehen.

Als ebenso verfehlt sieht der Verband die verschärften Vorgaben für Immobilieninvestments der Versicherer an, die den Kauf je nach Art der Finanzierung mit bis zu 100 Prozent Eigenkapital unterlegen müssen. Der GDV hält diese Risikoeinschätzung für übertrieben, sie orientiere sich zudem allein am sehr viel schwankungsanfälligeren britischen Immobilienmarkt. Der Werthaltigkeit der Immobilienportfolios europäischer Versicherer würde damit nicht annähernd Rechnung getragen, kritisiert der GDV und warnt: Die Versicherungswirtschaft als wichtiger Investor für den Wohnungsbau würde künftig wegfallen.

Das letzte Wort zu Solvency II dürfte indes noch nicht gesprochen sein, Nachbesserungen schließen Beobachter nicht aus, zumal scharfe Kritik auch in anderen Ländern wie Frankreich aufbrandet. Dort wie hier sehen sich vor allem kleinere Anbieter sowie Versicherungsvereine durch das Regelwerk überfordert und in ihrer Existenz gefährdet. Sie verlangen Übergangsfristen von mehreren Jahren über 2013 hinaus.

So schlecht scheinen die Chancen dafür nicht zu stehen. Die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA deutete zuletzt jedenfalls an, dass es für einzelne Sparten und kleinere Versicherer Übergangsregelungen geben könnte. Solvency II dürfte also über Jahre eine Dauerbaustelle bleiben. Von dem Leitgedanken, dass ein höheres Risiko in der Kapitalanlage künftig mehr Eigenkapital erfordert, wird sich die Aufsicht aber wohl nicht abbringen lassen.

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