Mittwoch, 20. November 2019

Lebensversicherer Das stille Sterben

Friedhofsruhe: Der deutsche Lebensversicherungsmarkt wird künftig kräftig schrumpfen

Anhaltende Niedrigzinsen setzen den deutschen Lebensversicherern und ihren Kunden kräftg zu. Manche Anbieter geben auf, stellen das Neugeschäft ein und wickeln die Altverträge nur noch ab. Allein im vergangenen Jahr waren es sechs Unternehmen. Sie werden nicht die letzten sein, sagen Experten.

Hamburg - Das anhaltend niedrige Zinsniveau macht den deutschen Lebensversicherern immer mehr zu schaffen. Was erste Schätzungen bereits andeuteten, bestätigen jetzt zwei marktbreite Studien in dieser Woche. Sowohl in der Kapitallebensversicherung als auch in der für das Neugeschäft bedeutenderen privaten Rentenversicherung fällt die Verzinsung in diesem Jahr im Schnitt auf 4,07 Prozent (Vorjahr: 4,2) und damit laut Branchendienst Map-Report auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Die Ratingagentur Assekurata kommt auf nahezu identische Werte.

Doch damit nicht genug. Das seit Jahren unter fallenden Vertragsrenditen stagnierende bis rückläufige Neugeschäft veranlasst schwächere Marktteilnehmer verstärkt dazu, sich aus dem Wettbewerb zurückzuziehen. Denn es fällt ihnen immer schwerer, Neukunden wettbewerbsfähige Verzinsungen anzudienen. Sechs Lebensversicherer haben allein im vergangenen Jahr ihr Neugeschäft eingestellt. Sie stellen zusammen einen Marktanteil von 3,34 Prozent dar, hat Assekurata errechnet. Die noch bestehenden Verträge werden abgewickelt. Diesen Vorgang bezeichnet man in der Branche als Run-off.

Zu den Unternehmen zählen unter anderem die Ergo-Tochter "Victoria Leben" und die "Bayerische Beamten Lebensversicherung". Letztere hat ihr Neugeschäft auf die Neue BBL übertragen. Zumindest die Victoria dürfte einem breiteren Publikum bekannt sein, denn die Profikicker des Clubs Schalke 04 trugen das Label des Versicherers jahrelang auf ihrem Trikot. Doch das ist Vergangenheit, und viel Glück hat es ihnen nicht gebracht. Vergangenheit sind in gewisser Weise auch die beiden Lebensversicherer "Familienschutz Leben" und "Plus Leben", die zur Stuttgarter Versicherungsgruppe gehören - sie nehmen ebenso keine neuen Kunden mehr auf. "Das Neugeschäft ist eingestellt. Bestehende Verträge führt die Plus Leben ohne Nachteile für die Kunden weiter", erklärt eine Sprecherin gegenüber manager magazin.

Ihr Neugeschäft haben ebenso die zur niederländischen Delta-Lloyd-Gruppe zählende "Delta Lloyd Lebensversicherung" und "Hamburger Leben" eingestellt. "Der Run-off ist Realität", sagt eine Sprecherin. Auch hier wollen die Unternehmen selbstverständlich ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Kunden erfüllen.

Darüber hinaus wird auch der zur Talanx-Gruppe zählende Lebensversicherer Aspecta keine Neukunden mehr annehmen, sobald er mit der Schwester HDI-Gerling Leben verschmolzen ist. Der Antrag zur Verschmelzung liege der Finanzaufsicht Bafin vor. Man warte auf grünes Licht der Behörde, wie ein Sprecher der Talanx-Gruppe in Köln erklärt.

Konzerne begründen den Marktaustritt ihrer Lebensversicherungstöchter gern mit der "Konzentration auf erfolgreiche Vertriebswege" oder der Absicht, das "Markenspektrum im Inland zu straffen". Echte Kenner des in Deutschland schwer zu überblickenden Gesamtmarkts mit rund 100 Anbietern wissen es besser. "Die Gesellschaften, die jetzt aufgegeben haben oder von ihren Konzernmüttern aus dem Verkehr gezogen wurden, zählen mit zu den schwächsten", sagt Marc Surminski zu manager magazin. Will sagen: Sie bieten unterdurchschnittliche Verzinsungen und können deshalb auch neue Kunden kaum begeistern.

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