Sonntag, 8. Dezember 2019

Krankenversicherung Locktarife mit Risiken und Nebenwirkungen

Visite am Krankenbett: Privatversicherte können sich die Chefarztbehandlung mit einem Aufschlag im Beitrag erkaufen

Gutverdiener können ab 2011 schneller und leichter von einer gesetzlichen in eine private Krankenkasse wechseln. So manche PKV rechnet mit einem wahren Ansturm, und aggressive Anbieter werben mit Billigtarifen. Doch nach dem Wechsel kann die Rechnung in die Höhe schnellen.

Hamburg - Wer derzeit Angebote zu einer privaten Krankenversicherung im Internet studiert, kann schon ins Grübeln geraten: Offerten von weniger als 100 Euro monatlich sind kein Einzelfall, und sie versprechen Versicherungsschutz de luxe. Junge Gutverdiener könnten bei einem Wechsel von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die private Krankenversicherung (PKV) monatlich bis zu 200 Euro sparen. Und ab 2011 geht's noch leichter: Die Versicherungspflichtgrenze, also das Mindesteinkommen, ab der Versicherte in die PKV wechseln können, fällt auf ein monatliches Bruttoeinkommen von 4125 Euro, die Wartezeit verkürzt sich auf ein Jahr. Rosige Aussichten also?

Zumindest für die PKV, möchte man meinen. Einige Anbieter rechnen mit einem regelrechten Wechselboom. Von bis zu 300.000 Neukunden für die private Krankenvollversicherung ist vereinzelt die Rede. "Da schwingt viel Zweckoptimismus mit", dämpft Manfred Poweleit die Erwartungen. Sein Branchendienst Map-Report rechnet allenfalls mit 100.000 Neukunden im nächsten Jahr. Der Kampf um die jungen Wechselwilligen aber ist bereits voll entbrannt. Und die Vermittler verdienen kräftig mit: PKV-Anbieter, die mit Strukturvertrieben kooperieren, zahlen auch schon 'mal umgerechnet bis zu 10.000 Euro an den Vermittler eines Neukunden.

Verbraucherschützern sind niedrigste Einstiegstarife für Neukunden und hohe Vermittlerprovisionen schon länger ein Dorn im Auge. "Diese Billigheimer-Tarife locken Verbraucher in die PKV, die dort nichts zu suchen haben, und der Versicherungsschutz entspricht unter Umständen noch nicht einmal dem der GKV", warnt Lars Gatschke von der Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv).

"Rundum-Sorglos-Paket zu Schnäppchenpreisen gibt es nicht"

"Ein Rundum-Sorglos-Paket zu Schnäppchenpreisen gibt es nicht", sagt Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen. Die Offerten hätten entweder erhebliche Lücken in der Leistung oder sähen hohe Selbstbehalte sowie versteckte Selbstbehalte (nur teilweise Erstattung der Kosten) vor. Und Map-Report-Chef Poweleit warnt die vermeintlichen Schnäppchenjäger: "Wer aus Preisgründen zur PKV wechseln will, sollte lieber bleiben, wo er ist."

Günstige Lockvogelangebote stoßen mittlerweile auch in der Branche selbst auf Kritik. Weniger als 150 Euro könne keine seriös kalkulierte private Krankenversicherung kosten, sagte unlängst Klaus Henkel, Chef der Süddeutsche Krankenversicherung, dem "Handelsblatt".

Eines sollte dem wechselwilligen Kunden zugleich auch klar sein: Hohe Vermittlergebühren holen sich die Anbieter früher oder später wieder - zumeist über steigende Beiträge. "Alles über einen Jahresbeitrag geht auf die Knochen der Versichertengemeinschaft", sagt Poweleit. Nicht zuletzt leide unter der Provisionsspirale die Beratungsqualität: "Wer nur die Eurozeichen im Auge hat, übersieht dadurch leicht den Bedarf der Kunden", ist sich der Experte hier einmal mit Verbraucherschützern einig.

Aschenputtel-Prinzip - die schlechten ins Töpfchen ...

Dass PKV-Anbieter überhaupt niedrigste Monatsprämien anbieten können, liegt an ihrem großen Spielraum in der Tarifpolitik. Er erlaubt es ihnen, Versichertengruppen mit unterschiedlicher Risikostruktur systematisch voneinander zu trennen und den Wettbewerb auf junge Neukunden zu konzentrieren.

In der Vergangenheit haben die Anbieter diese Option auch reichlich genutzt. Mit Folgen: "Diese Politik [der Risikoseparierung] ermöglichte ihnen, durch neue Tarife mit relativ niedrigen Prämien Zugänge zu gewinnen, führte aber zu überdurchschnittlichen Prämienzuwächsen in der Folgezeit. Ältere Tarife wurden entsprechend auf einem überdurchschnittlichen Prämienniveau angeboten", stellt eine Studie des Berliner IGES-Institut in Zusammenarbeit dem Gesundheitsexperten Bert Rürup fest.

Mit anderen Worten: Während ältere Tarife mit ihren Kunden "vergreisen", mitunter gar geschlossen werden und die Beiträge der Kunden dort kontinuierlich anziehen, jagen aggressive Anbieter den Neukunden mit Dumping-Beiträgen hinterher, um für den überlebenswichtigen Nachwuchs im System zu sorgen.

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