Pflegeversicherung "Obligatorische Zusatzversicherung sinnvoll"

Ob privat oder gesetzlich krankenversichert - die Regierung sollte die geplante zusätzliche Pflegeversicherung für alle verbindlich vorschreiben, sagt Uwe Laue. Im Interview lehnt der Chef der Debeka-Versicherungen eine Bürgerversicherung ab und sagt, warum die gesetzlichen Kassen für das Zusatzgeschäft nicht geeignet seien.
Pflege im Alter: Wegen der steigenden Lebenserwartung werden in Deutschland immer mehr Menschen zum Pflegefall werden. Die Einnahmen der gesetzlichen Pflegekassen werden schon in Kürze die Ausgaben nicht mehr decken. Die Bundesregierung will deshalb zu mehr privater Vorsorge anleiten - notfalls auch mit Zwang.

Pflege im Alter: Wegen der steigenden Lebenserwartung werden in Deutschland immer mehr Menschen zum Pflegefall werden. Die Einnahmen der gesetzlichen Pflegekassen werden schon in Kürze die Ausgaben nicht mehr decken. Die Bundesregierung will deshalb zu mehr privater Vorsorge anleiten - notfalls auch mit Zwang.

Foto: dapd

mm: Herr Laue, die Gesundheitsreform ist noch nicht in trockenen Tüchern, da fasst Gesundheitsminister Philipp Rösler mit der Pflegeversicherung bereits das nächste heiße Eisen an. Drängt die Zeit so sehr?

Laue: Ja, diese Eile ist geboten. In Deutschland erreichen immer mehr Menschen ein hohes Alter. Im Jahr 2000 war "nur" jeder sechste Bürger älter als 65 Jahre, 2050 wird es jeder dritte sein. Und laut Statistiken wird sich die Zahl der über 80-jährigen bis dahin verdreifachen. Diese Entwicklung hat natürlich weit reichende Auswirkungen auf die Pflegeversicherung, deren Leistungen vor allem im höheren Lebensalter erforderlich werden.

mm: Welche Auswirkungen meinen Sie?

Laue: Alleine die Veränderungen in der Altersstruktur werden dazu führen, dass sich die Pflegeleistungen von rund 19 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf etwa 37 Milliarden Euro im Jahr 2060 nahezu verdoppeln. Um diese Kosten zu decken, müsste der Beitragssatz der gesetzlichen Pflegeversicherung von aktuell 1,95 Prozent auf 4,5 Prozent erhöht werden. Es wären sogar 6 Prozent erforderlich, wenn man zusätzlich den Kaufkraftverlust berücksichtigen würde. Der demografische Wandel macht die Reform der Pflegeversicherung unumgänglich. Im Kern geht es dabei um die Finanzierung. Die Politik hat jetzt die Chance, im Bereich der Pflegeversicherung durch einen Einstieg in die Kapitaldeckung eine nachhaltige Lösung zu schaffen.

mm: Nach Plänen der Bundesregierung sollen die Bürger künftig privat zusätzlich vorsorgen, um die gesetzliche Pflegepflichtversicherung zu entlasten. Sollte der Staat hier auf Freiwilligkeit wie bei der Riester-Rente oder auf eine Zwangslösung setzen?

Laue: Für die gesetzliche Pflegeversicherung ist auf jeden Fall eine obligatorische ergänzende kapitalgedeckte Zusatzversicherung erforderlich, die die demografischen Veränderungen der nächsten Jahrzehnte absichert. Für die kapitalgedeckte private Pflegepflichtversicherung ist dies nicht erforderlich. Um aber die Leistungen der gesetzlichen und privaten Pflegepflichtversicherung wertstabil zu halten, ist eine obligatorische Zusatzversicherung für beide Systeme sinnvoll.

mm: Wenn für beide Systeme - also für Privatversicherte wie auch für gesetzlich Versicherte - eine obligatorische Lösung langfristig sinnvoll erscheint, warum dann nicht gleich eine Pflege-Bürgerversicherung? Die Einnahmebasis würde damit vergrößert und die Pflegezusatzpolicen wären nicht mehr notwendig.

Laue: Im Gegenteil, sie würden dann noch notwendiger werden, weil der Teil der Bevölkerung, der bereits heute demographiefest in der privaten Pflegepflichtversicherung abgesichert ist, auf das Von-der-Hand-in-den-Mund-Niveau der sozialen Pflegeversicherung zurückversetzt würde. Es war ein großer Fehler, die soziale Pflegeversicherung ohne Komponenten der Kapitaldeckung einzuführen.

mm: Wer sollte diese Policen anbieten dürfen - die gesetzlichen Krankenkassen, die privaten Krankenkassen oder beide?

Laue: Ein Kapitalstock muss staatsfern verwaltet werden. Körperschaften des öffentlichen Rechts, wie es die gesetzlichen Kassen sind, sind hierfür nach meiner Einschätzung nicht geeignet. Wie schon der Ökonom Schumpeter sagte: Eher legt sich der Hund einen Wurstvorrat an als der Staat eine Budgetreserve.

"Uns geht es doch nicht um Erträge"

mm: Sie spielen darauf an, dass der Staat Mitte der 90er Jahre die Reservetöpfe der gesetzlichen Pflegeversicherung angezapft hatte, um damit sachfremde Projekte zu finanzieren. Wenn nun der Kapitalstock bei den privaten Krankenversicherern verankert würde, wäre dann nicht ein finanzieller Ausgleich zwischen gesetzlichen Pflegekassen und der privaten Anbieter angezeigt? Schließlich gibt es in der GKV mehr schwere Pflegefälle als in der PKV.

Laue: Das ist eine schiefe Argumentation. Wenn es je Altersgruppe in der GKV einen höheren Anteil an Pflegefällen gäbe als in der PKV, könnte man darüber reden. Das ist aber nicht der Fall. Bei der Hälfte der Privatversicherten, den Beamten, haben wir eine ähnliche Altersstruktur wie die GKV - und vergleichbar viele Pflegefälle. Bei Arbeitnehmern haben wir in der PKV in den hohen Altern noch einen vergleichsweise geringen Bestand - das hat aber keinen Einfluss auf die Höhe des Beitrages zur privaten Pflegeversicherung. Denn die künftige Alterung des Bestandes wird bei uns im Beitrag vorweggenommen. Die Privatversicherten zahlen ja keinen niedrigeren Beitrag zur Pflegeversicherung als die gesetzlich Versicherten. Aber sie entlasten mit ihrem Beitrag künftige Generationen.

mm: Mit einer Reform der Pflegeversicherung dürften sich die Ertragsaussichten der privaten Krankenversicherer deutlich verbessern, sagen PKV-Vertreter. Was für ein Geschäftsvolumen erwarten Sie für die Branche beziehungsweise konkret für die Debeka, sollte die Pflegezusatzversicherung zur Pflicht werden?

Laue: Wer sagt so einen Unsinn? Uns geht es doch nicht um Erträge! Wir sind ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, arbeiten nach dem genossenschaftlichen Prinzip und gehören unseren Versicherten. Überschüsse müssen an die Versicherten zurückfließen. Wenn es gelänge, dass im Jahre 2060 etwa 50 Prozent der Pflegeleistungen auf eine Pflegezusatzversicherung mit Kapitaldeckung umgestellt wären, würde das für die Branche ein Volumen von rund zehn Milliarden Euro bedeuten.

mm: Mit rund 1,4 Millionen Pflegezusatzversicherungen führen diese Produkte derzeit ein Nischendasein. Was tut die Assekuranz, um den Absatz privater Pflegeversicherungen anzukurbeln?

Laue: Die Vertriebsaktivitäten der Debeka umfassen auch die Pflegezusatzversicherungen. So haben wir zuletzt im Sommer dieses Jahres mehr als 1,5 Millionen Versicherte per Mail angeschrieben. Davon haben jedoch nur 15.000 eine Zusatzpolice abgeschlossen. Das Bewusstsein, für den Pflegefall vorsorgen zu müssen, ist weitgehend noch nicht vorhanden.

mm: Vielleicht liegt es ja auch am Preis. Daher die Gretchenfrage: Was muss eine vierköpfige, gesetzlich versicherte Familie monatlich ausgeben, wenn sie bei einem Anbieter wie der Debeka zusätzlichen Pflegeversicherungsschutz einkaufen möchte?

Laue: Das hängt grundsätzlich von mehreren Faktoren ab. Um aber ein Beispiel zu nennen: Eine vierköpfige Familie, Mann 45 Jahre, Frau 40 Jahre, Sohn 15 Jahre, Tochter 20 Jahre, würde für ein monatliches zusätzliches Pflegetagegeld für jeden Versicherten in Höhe von 1200 Euro insgesamt monatlich 78,80 Euro zahlen. Ein 30-jähriger Mann würde bei der Debeka dafür alleine 14,08 Euro und eine gleichaltrige Frau 20,32 Euro zahlen.

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